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Kriminalistik: Thomas Jennings – der erste Mann, den Fingerabdrücke an den Galgen brachten

Er brach in ein Haus ein, tötete einen Familienvater und griff dann in einen frisch lackierten Handlauf. Diese Fingerabdrücke überführten das erste Mal in den USA einen Mörder.

Nach dem Fall Jennings galten Fingerabdrücke in den USA als Beweismittel.

Nach dem Fall Jennings galten Fingerabdrücke in den USA als Beweismittel.

Getty Images

Von Beruf war Thomas Jennings Einbrecher. 1910 auf Bewährung entlassen, ging er sofort seiner alten Tätigkeit nach. In der Nacht des 19. September 1910 brach Jennings in ein Haus in Chicago ein. Kurz davor war er schon in weitere Häuser der Nachbarschaft eingestiegen.

Wegen einer ganzen Serie von Einbrüchen waren die Bewohner alarmiert. In diesem Haus lebten Clarence Hiller und seine Familie. Frau Hiller wurde um 2.30 Uhr wach und bemerkte, dass ihr Gaslicht ausgegangen war. Sie schrie und weckte ihren Mann. Der ging der Sache nach. Clarence Hiller, ein Eisenbahnangestellter, traf den Einbrecher Jennings auf der Treppe und es folgte ein Kampf. Beide fielen die Stiege herunter. Schließlich schoss Jennings drei Mal auf den Familienvater, dann flüchtete er. Nachbarn fanden den sterbenden Eisenbahner vor seiner Haustür.

Bei seiner Flucht hatte Jennings nicht viel Glück. Wenige Minuten nach dem Vorfall wurde er von der Polizei festgehalten. Mit seinem zerrissenen und blutigen Mantel fiel er sofort auf. Jennings war verletzt, aufgeregt und hatte einen Revolver bei sich, der vor Kurzem abgefeuert wurde.

Neuartige Methode

Das war sehr verdächtig, doch dem Mörder wurde etwas anderes zum Verhängnis: Im Haus der Hillers entdeckten die Polizisten vier Fingerabdrücke auf dem neu lackierten Handlauf der Treppe. Außerdem fanden sich drei Patronen, die zu denen im Revolver passten.

Die Polizei fotografierte die Abdrücke und sägte den Abschnitt des Geländers ab, um so die Identität des Einbrechers zu beweisen. Diese Verfahren führten erstmals zu einer Verurteilung aufgrund der Fingerabdrücke in einem Strafverfahren in den USA.

Fingerabdrücke als Mittel der Kriminalistik waren damals ein hochaktuelles Thema. Die Abdrücke wurde etwa ab dem Jahr 1850 in den Kolonien benutzt, um Personen für Zahlungen zu identifizieren. Kurze Zeit später wurde ein brauchbares System entwickelt, um die Linien zu katalogisieren. Nur mit einem systematischen Verfahren konnte man einzelne Abdrücke mit dem Bestand einer Kartei abgleichen. 1897 überführte Scotland Yard den ersten Verbrecher anhand seiner Fingerabdrücke. Großbritannien war führend in dieser Technik. Aus der ganzen Welt reisten Polizisten dorthin, um sich von Scotland Yard ausbilden lassen. Der erste Mord wurde allerdings 1892 in Argentinien mit dem Beweismittel Fingerabdruck aufgeklärt. Francesca Rojas wurde wegen des Mordes an ihren Kindern zu lebenslanger Haft verurteilt.

Jennings Fingerabdrücke waren wegen seiner Vorstrafen bereits in den Akten. In 33 Punkte glichen sie den Abdrücken am Tatort.

Als Beweismittel zugelassen

Am 1. Februar 1911 wurde Jennings wegen des Mordes verurteilt. Die Jury empfahl die Todesstrafe und sagte den Reportern, dass sie die Fingerabdrücke überzeugt hätten.

Der "Decatur Herald" nannte es damals "die erste Verurteilung von Fingerabdrücken in der Geschichte dieses Landes" und fügte hinzu, dass "der Mörder von Herrn Hiller seine Unterschrift schrieb, als er seine Hand auf das frisch bemalte Geländer im Haus von Hiller legte".

Doch auch wenn die Fingerabdrücke entscheidend waren, wurde das Urteil nicht allein aufgrund der neuartigen Technik gefällt. Zahlreiche weitere Indizien sprachen gegen Jennings.

Jennings legte Berufung ein und bezweifelte die Beweiskraft der Fingerabdrücke. Aber das Gericht wies ihn ab und befand, dass "es eine wissenschaftliche Grundlage für das System der Fingerabdruckidentifikation gibt und dass die Gerichte berechtigt sind, diese Art von Beweisen zuzulassen".

Am 16. Februar 1912 wurde Thomas Jennings erhängt. Es war die fünfte Hinrichtung an diesem Tag in der Haftanstalt von Joliet.

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