HOME
stern Crime

Estibaliz C.: Die mörderische Witwe

Sie ist zart, sie ist zierlich, sie ist zerbrechlich. Und eiskalt. Der Fall Estibaliz C.

Von Anette Lache

Estibaliz C. auf der Anklagebank

Zum Prozess erschien Estibaliz C. im kurzen, aber hochgeschlossenen Kleid und legte schüchtern die Hände in den Schoß. "Lassen Sie sich nicht täuschen", warnte die Staatsanwältin die Geschworenen.

Dies ist die Titel-Geschichte aus stern Crime Nr. 8. Anfang Februar wird sie von Schauspieler Christian Redl in einer inszenierten Lesung im St. Pauli Theater in Hamburg vorgetragen.

"Kein noch so gruseliger Film kann so gruselig sein wie das, was ich getan habe"

("Meine zwei Leben", Estibaliz C.)

Die Frau, die diese Worte schreiben wird, ist eine zarte Person. Mit großen Augen wie Penélope Cruz und einem mädchenhaften Körper. Sie liebt Pfefferminzeis, diesen kühlen, scharfen Geschmack. Und sie mag starke Männer, groß und älter als sie. So stark wie Gerhard*. Zumindest hat sie mal gedacht, dass Gerhard das ist. Und nun sitzt Gerhard vor ihr auf dem Schreibtischstuhl. Zwei Tage sitzt er schon auf dem Stuhl. Sie kann ihn nicht ewig dort sitzen lassen.

Gerhard

Ein Hüne mit feinem blondem Haar. Männlich war er in ihren Augen, mit seinen 1,95 Metern und den 110 Kilo. Ein starker Mann, der einem sagen konnte, wo es langgeht. Er würde sie vor allem Bösen dieser Welt beschützen, daran hatte sie fest geglaubt. Estibaliz C. war sehr verliebt. Dass sie intelligenter war als er, hatte sie nicht gestört. Dass er Hare-Krishna-Anhänger war, sie spanische Katholikin, auch nicht. Genauso wenig, dass er bis zur Hochzeitsnacht nicht mit ihr schlafen wollte. Das ist romantisch, hatte sie sich gesagt. Auch wenn sie sich eigentlich schon lange so unglaublich nach einem Kind gesehnt hatte.

Aber irgendwann waren die Gedanken wieder da.

Estibaliz C. kannte diese Gedanken schon von früher. Bei Matteo*, ihrer Jugendliebe, waren sie auch schon da gewesen. Matteo, ein großer, attraktiver Typ mit tollen braunen Augen. Wie schön könnte es sein, sein Kind unter dem Herzen zu tragen, dazu eine Hochzeit in Weiß und eine gemeinsame Wohnung, so hatte sie damals gedacht, mit 22. Aber er wollte nicht einmal eine feste Beziehung. Matteo war eine Enttäuschung, dennoch hatte sie sich weiter mit ihm getroffen. Denn das wollte er durchaus, und sie kann nun mal keinem Mann widersprechen, geschweige denn sich von ihm trennen. Und da hatten die Gedanken zu kreisen begonnen.

Es war immer das Gleiche: Erst waren da nur Ideen, dann wurden die Gedanken Schritt für Schritt konkreter – und schließlich zu einem Plan.

Was wäre, wenn es Matteo nicht mehr gäbe? Was, wenn Matteo sterben würde? Was, wenn sie die Bremsschläuche seines Autos durchschneiden würde? Oder wenn sie die Gasheizung manipulierte? Eines Tages war sie dann in seine Garage gegangen, um zu schauen, ob diese videoüberwacht sei. Hatte sich einen Nachschlüssel für seine Wohnung machen lassen. Doch dann schickte ihr Vater sie nach Süddeutschland, weil sie in Spanien nach dem Volkswirtschaftsstudium keinen Job gefunden hatte. Und wenn ihr Vater etwas sagte, hatte man zu folgen.

In Süddeutschland traf Estibaliz C. dann gleich Gerhard Sie war 23, er 36, als sie sich 2001 kennenlernten. Sie arbeitete nach ihrem Studium als Au-pair, er in einem Versandhandel für Räucherstäbchen. Eigentlich war sie gar nicht sofort in Gerhard verliebt. Aber die Liebe wuchs schnell, als sie die Bewunderung in seinen Augen sah. Er sagte immer, wie schön sie sei. Er gab ihr, wonach sie regelrecht süchtig war: Aufmerksamkeit, Bestätigung.

Plötzlich kommen diese hässlichen Gedanken

Und sie gab ihm dafür, soviel sie konnte. Mi amor, sagte sie zu ihm, wenn sie zu ihm aufschaute, und er konnte sein Glück kaum fassen. Noch nie zuvor hatte er eine so schöne Freundin gehabt. Sie war so zierlich, so anschmiegsam, so anlehnungsbedürftig. Diese Frau himmelte ihn an. Tat, was er sagte, trug die Kleider, wie er es wollte. Widersprach nie. Nach sieben Monaten waren sie schon verheiratet.

Aber alles wurde anders, nachdem sie nach Berlin gezogen waren, in Gerhards Heimatstadt. Gerhard wurde so anders.

Seit der Hochzeit konnte sie nun endlich mit ihm schlafen. Die Pille wollte sie nur so lange nehmen, bis ihr Deutsch perfekt war und sie eine Arbeit als Volkswirtin fand. Und bis auch Gerhard einen Job hatte. Doch der meldete sich arbeitslos. Während er zu Hause auf dem Sofa saß, schuftete sie als Kellnerin in einer Eisdiele. Gerhard wurde immer missmutiger. Er nörgelte über ihr Essen, lästerte über ihren Akzent, sagte, sie sei zu dünn. So schilderte es Estibaliz C. zumindest später. Es muss nicht stimmen, aber man kann ihr glauben: Sie war enttäuscht.

Und es war ja nicht nur Gerhard. Im Eissalon verwechselte sie nun immer öfter die Bestellungen. Der Chef schimpfte. Sie fand, dass er sie ausnutzte, zu wenig zahlte. Wie immer sagte sie nichts.

Doch die Gedanken kamen. Was, wenn es die Eisdiele nicht mehr gäbe? Sie ging ins Internet. Sie googelte: Kabelbrand.

Doch dann kam noch einmal Hoffnung auf. Das Paar zog im Frühjahr 2005 nach Wien. Es gründete einen eigenen Eissalon, "Venus", im zwölften Wiener Bezirk, ein Arbeiterviertel. Estibaliz C. machte den verrauchten Laden hübsch, dekorierte ihn mit Deckchen und Bildern. Die Nachbarn mochten die junge Frau, die immer fesch gekleidet und viel fleißiger als ihr Ehemann war. Mädchenhaft und lieb war sie, manchmal aber auch energisch, wenn es ums Geschäft ging. Der Eissalon warf nicht viel ab, das Lager, das sie im Haus nebenan gemietet hatten, nutzten sie gleichzeitig als Büro und Wohnung, ein Raum für zwei Menschen. Gerhard fing wieder an zu mäkeln. Ihre kindliche Schusseligkeit, ihre Hilflosigkeit nervten ihn. Seine merkwürdigen Hare-Krishna-Freunde nervten sie. Und auch der Waffentick, den er entwickelt hatte, sogar eine kleine Sammlung hatte er. Und da war vor allem seine Dominanz. Er wollte ihr sogar vorschreiben, ob sie mit kaltem oder warmem Wasser abzuwaschen habe. Sie hasste an ihm, was sie einst angezogen hatte. Aber sie sagte nichts. Sie kaufte sich kurze Röcke und Push-up-BHs, um ihm besser zu gefallen. Sie wollte Gerhard eigentlich nicht mehr, aber sie wollte ein Kind, unbedingt. Und Gerhard? Wollte auch das nicht wirklich. Schon waren die Gedanken wieder da.

Könnte Gerhard nicht einfach sterben? Irgendwie?

Als kein Blut mehr aus den Wunden kam, wusste sie: Gerhard ist sie los

Es war der Sommer 2007, und Estibaliz C. hatte sich mittlerweile neu verliebt, in Jürgen*, einen Handelsvertreter für Eismaschinen. Jürgen würde sie retten aus dieser enttäuschenden Beziehung zu Gerhard. Der stimmte nun sogar der Scheidung zu. Doch auch Jürgen wollte kein Kind mit ihr, sie sei ihm zu jung, sagte er, und nach fünf Monaten der Liebe ließ er sich nicht mehr blicken. Er war auf einmal aus ihrem Leben verschwunden.

Estibaliz C. suchte sich schnell Ersatz im Internet. Sie fand Simon*, ein Traum von einem Mann: 1,85 Meter groß, zwölf Jahre älter als sie, Akademiker, hochintelligent. Sie zog sofort zu ihm in den zweiten Bezirk, ihre alte Wohnung nutzte sie nur noch als Büro. Dort war noch immer Gerhard. Trotz der Trennung arbeitete er weiter in der Eisdiele, übernachtete weiter in der Wohnung. Ihm gehörte die Hälfte der "Venus", und sie konnte ihn nicht auszahlen. Wie eine Zecke hing er in ihrem Leben.

Hatte Gerhard nicht eine Pistole im Regal liegen?

Da sitzt Gerhard also nun auf dem Schreibtischstuhl. Zwei Tage schon. Wieder hatten sie gestritten. Abschaum habe er sie genannt, wird sie später behaupten. Als er sich wieder an den Computer setzte, griff sie nach der zierlichen Beretta, Kaliber 22, die Gerhard in der Wohnung herumliegen hatte. Zwei Schüsse feuerte sie auf seinen Hinterkopf ab, aus weniger als 20 Zentimeter Entfernung. Gerhard kippte auf die Computertastatur. Sie hielt nun die Waffe gegen seine rechte Schläfe und drückte noch einmal ab. Als kein Blut mehr aus den Wunden kam, wusste sie: Gerhard ist sie los.

Estibaliz C. ließ ihn auf seinem Schreibtischstuhl sitzen und ging in die "Venus". Bis gegen 19 Uhr verkaufte sie selbst gemachtes Eis in Waffeltüten. Dann ging sie zurück in die Wohnung, beschloss dort aber, erst einmal zu Simon zu fahren.

Eine Angestellte wird später aussagen, ihre Chefin sei an jenem Tag wie immer gewesen. Am nächsten Tag geht sie nur kurz in die Wohnung und deckt Gerhards Kopf ab.

Extrem angstfrei und kaltblütig

Die Linzer Psychiaterin und Chefärztin Adelheid Kastner wird bei Estibaliz C. eine "kombinierte Persönlichkeitsstörung mit abhängigen, narzisstischen, histrionischen und dissozialen Komponenten" diagnostizieren. Der Kern ihrer Störung liege – neben dem fehlenden Selbstwertgefühl – in einer ausgeprägten Beziehungsstörung, die es Estibaliz C. unmöglich mache, sich in der direkten Konfrontation gegenüber Männern zu positionieren – oder gar durchzusetzen. Insbesondere mangele es ihr an der Fähigkeit, eine Beziehung auch mal gegen den Willen des Partners zu beenden. Der Ausweg aus diesem Dilemma sei für sie die Elimination des "Hindernisses". Und sie verfahre dabei extrem angstfrei und kaltblütig.

Estibaliz C., die alle nur als zierliches, hilfs- und anlehnungsbedürftiges Persönchen kennen, macht sich nun mit einem bemerkenswerten Pragmatismus ans Werk.

Eisdiele Schleckeria in Wien

Die Eisdiele "Schleckeria" von Estibaliz C. in Wien. Die meisten Kunden fanden die junge Spanierin irgendwie niedlich.


Wohin mit Gerhard? Zwei Tage sitzt er schon hier. Er ist fast zwei Meter groß und adipös. Den Körper mit Alkohol übergießen und anzünden? Einen Versuch ist es wert. Doch Gerhard brennt nicht. Er qualmt bloß fürchterlich. Bis in den Flur zieht der Rauch. Als die Feuerwehr klingelt, öffnet Estibaliz C. die Tür nur einen Spalt breit und berichtet von einem Malheur beim Kochen. Die angekokelte Leiche, die hinter ihr auf dem Stuhl sitzt, sieht niemand. Sie übergießt Gerhard mit Wasser. Aber nun vermischt sich das Wasser mit dem Blut. Sie fährt erst mal wieder zu Simon, und als sie das nächste Mal das Haus betritt, schlägt ihr schon im Treppenhaus heftiger Verwesungsgeruch entgegen. Es ist in Wien schon ziemlich warm für den April.

Was tun gegen den Geruch? Estibaliz C. beschließt, den toten Gerhard in der Tiefkühltruhe neben dem Computertisch einzufrieren. Aber wie kommt er dort hinein? Sie geht in einen Baumarkt und kauft einen kleinen Hydraulikheber. Doch er bricht unter dem Gewicht zusammen. Zurück in den Baumarkt. Aber auch mit einem stabileren Modell gelingt es ihr nicht. Nun kauft sie eine Kettensäge und lässt sich vom Verkäufer in aller Ruhe deren Handhabung erklären. Der wünscht ihr zum Abschied einen Schutzengel.

Einen Menschen zu schneiden sei der "blanke Horror"

Fünf Tage nach dem Mord streift sich Estibaliz C. Gummihandschuhe über. In einen Menschen zu schneiden sei der "blanke Horror", schreibt sie später in einer Art Autobiografie. "Die knirschenden Geräusche beim Zerteilen, wenn das Sägeblatt die Knochen erreicht, das viele Blut, der Gestank der Verwesung" hätten sie immer wieder gezwungen, "mit dem Arbeiten" aufzuhören. Immer wieder muss sie an die frische Luft. Aber irgendwann sind alle Teile in der Tiefkühltruhe.

Aber was tun mit dem Verwesungsgeruch in den Möbeln und in den Tapeten? Eine Nachbarin hat sie schon gefragt, ob sie Fisch zubereite. Estibaliz C. greift zu Raumspray.

Und das Blut, das Fettgewebe und die winzigen Fleischreste, die beim Zerteilen über den gesamten Raum verteilt wurden? Sie putzt und putzt. Jeden Tag nach der Arbeit geht sie in die Wohnung. Wochenlang, den ganzen Sommer über.

Gerhards Familie geht indessen davon aus, dass er wieder in Deutschland sei oder in einer Sekte in Indien. Dass er sich nicht meldet, wundert sie nicht, der Kontakt war nie besonders eng. In Wien erzählt Estibaliz C., er sei abgehauen. Sie selbst arbeitet tagsüber weiter in der "Venus". Nachts ist sie bei Simon.

Simon ist ein Sensibelchen, sogar ein wenig hypochondrisch, aber sie hat ja Freude daran, für ihre Männer da zu sein. Vielleicht ist er nicht so stark wie Gerhard, aber klug und einfühlsam. Bei ihm fühlt sie sich geborgen. Schon am Abend nach den Schüssen hatte sie sich an ihn geschmiegt. Sie durfte ein wenig weinen und musste ihm nicht mal sagen, warum.

Ja, mit Simon hätte sie gern ein Kind.

Kellerverschlag unter der Eisdiele von Estibaliz C. in Wien

Kellerverschlag unter der Eisdiele von Estibaliz C. in Wien. Was hinter der Tür des Abteils 6 lag, wusste nur sie.


Doch im Herbst taucht das nächste Problem auf: Estibaliz C. muss die Wohnung räumen, weil das Haus grundsaniert werden soll. Wieder die Frage: Wohin mit Gerhard? Sie macht sich schlau: Im Keller unter dem Eissalon gibt es ein ungenutztes Abteil, Nummer 6. Diesmal lässt sie sich im Baumarkt das Grundrezept für Beton erklären. Zu Hause zieht sie Handschuhe an und öffnet die Kühltruhe. Sie packt die Leichenteile in Müllsäcke und trägt sie nach und nach in einem Eimer in das Kellerabteil. Dort legt sie die Säcke in Blumentöpfe oder in die kleinen ausrangierten Eisbehältnisse aus ihrer Eisvitrine und übergießt sie mit Beton.

Der Kopf und ein Teil des Torsos sind allerdings auf dem Boden der Tiefkühltruhe festgefroren. Sie beschließt, den ganzen Kasten mit Beton aufzufüllen. Anschließend bezirzt sie einen Bekannten, ihr die Truhe in den Keller zu tragen. Er bringt einen Freund mit. Die Männer stellen neugierige Fragen, weil die Truhe extrem schwer ist. Der behinderte Sohn eines Bekannten habe Beton in die Truhe gefüllt, erklärt ihnen Estibaliz. Sie wolle das Beweisstück aufbewahren und möglicherweise auf Schadensersatz klagen. Sie wirkt so unbeholfen und süß, dass die Männer ihr glauben. Und damit ist Gerhard endgültig aus ihrem Leben.

Jürgen

September 2010. Jürgen liegt im Krankenhaus. Der Darm.

Jürgen war zurückgekehrt. Damals, vor zweieinhalb Jahren, war er nach fünf Monaten verschwunden. Der Mann, der Estibaliz so verzaubert hatte. Wie schön sie doch sei, hatte ihr der Handelsvertreter für Eismaschinen damals gesagt, als er sie in der "Venus" besucht hatte, da hatte es mit Gerhard schon gekriselt. Und dabei hatte er ihr tief in die Augen geschaut. Er hatte ihr Modeschmuck und Blumen mitgebracht. Jürgen war charmant, redegewandt, hilfsbereit. Ein Macher und Vollblutkaufmann. 44 Jahre alt, 1,90 Meter groß, schlank, sehr markante, sehr männliche Gesichtszüge. Was andere vielleicht als Machogehabe empfinden würden, fand sie stark und selbstbewusst. Sie war am Boden zerstört, als er damals gegangen war. Aber nun stand er plötzlich wieder vor ihr in der "Venus". Auf einen wie ihn hatte sie sehnsüchtig gewartet.

Von Simon hatte sie sich getrennt, Anfang 2009, weil auch er keine Familie mit ihr gründen wollte. Wieder war sie enttäuscht, wieder fühlte sie sich missbraucht. Doch diesmal kam sie aus der Beziehung heraus, ohne sich behaupten zu müssen. Simon klammerte nicht, er ließ sie einfach gehen. Und bald hatte Estibaliz C. wieder Sternderl in den Augen vor Glück. Jürgen war zurück!

Sie haben eine Wohnung im Viertel bezogen, zwei Zimmer, 63 Quadratmeter, 400 Euro kalt. Estibaliz C. hat ihr Aussehen nach seinen Vorstellungen verändert. Vollere Lippen, weniger Falten, strafferer Körper. Sie hat auf dem Hometrainer ihren Po trainiert und sich Botox und Hyaluronsäure spritzen lassen, auch wenn sie damit ihrer Meinung nach erst einmal vier Wochen lang nuttig ausgesehen hat. Und sie trägt ihr ehemals dunkles Haar jetzt honigblond.

Jürgen ist in den Eissalon eingestiegen, mehr als 100.000 Euro hat er in neue Geräte und eine Renovierung investiert. Der Eissalon heißt inzwischen "Schleckeria" und ist feiner geworden, es gibt nun auch Tee, Gebäck und Pfefferminzeis. Jürgen packt mit an. Die Nachbarn erleben ihn zwar als laut, aber auch als fleißig und charmant. Ein Frauentyp. Und einer mit viel Ahnung vom Eisgeschäft. Tatsächlich läuft der Laden besser.

Und dann sind da wieder diese Gedanken

Aber jetzt hat Jürgen Durchfall. Es geht ihm so dreckig, dass er ins Spital muss. Am Vortag hat "Esti" Kartoffelgulasch für ihn gekocht. Und zuvor hat sie gegoogelt: Nach Giftpflanzen, Giftgehalt und Tod. Sie hat auch giftige Pflanzensamen bestellt. Später wird sie aussagen, dass sie damit vorhatte, sich selbst das Leben zu nehmen.

Die Gedanken sind wiedergekommen. Sie seien einfach so mächtig, dass sie ihnen ausgeliefert sei, wird Estibaliz C. später behaupten. Sie wird mutmaßen, dass sie wohl mit ihrer Kindheit zu tun haben, die sie selbst wie folgt beschreibt: Sie war fünf, als ihre Eltern mit ihr von MexikoStadt nach Barcelona zogen. Sie war immer ein braves, stilles Kind, ein anderes durfte sie nie sein. In Mexiko hatte die Familie in einem großen Haus mit Garten gelebt und zur Mittelschicht gehört. Der Vater schrieb dort für große Magazine. In Spanien hingegen musste er für Frauenzeitschriften und Esoterikblätter über paranormale Phänomene, Inkas und Azteken schreiben, um die Familie durchzubringen. Er war sehr frustriert. Es musste absolute Ruhe herrschen in der kleinen Wohnung, sonst beschimpfte er die Mutter. Estibaliz' Vater war sehr dominant. Und ihre Mutter ordnete sich stets seinen Wünschen unter. Die Frau, die meinte, völlig unattraktiv zu sein, war dem Vater unendlich dankbar, dass er sie überhaupt geheiratet hatte. Unterwürfigkeit wurde Estibaliz von klein auf vorgelebt.

Auch traumatisiert sei sie, sagt Estibaliz C. Das Haus der Familie sei in Mexiko von Soldaten gestürmt worden, weil der Vater regierungskritische Artikel geschrieben habe. Zudem hätten Männer dreimal versucht, sie zu entführen. Später in Spanien sei sie auch mehrmals vergewaltigt worden, wobei sie sich nie getraut habe, auch nur Nein zu sagen.

Was an ihren Schilderungen wahr ist, können auch Psychiater nicht wirklich beurteilen. Aber so geht die Geschichte, die Estibaliz C. von sich erzählt: Männer sind die Herrscher, sie muss ihnen untertan sein. Sie tun ihr furchtbares Leid an, aber sie darf sich nicht wehren. Sie ist ein hilfloses, gefangenes Opfer.

Einen Ausweg habe sie seit ihrer Kindheit nur in der Welt ihrer Fantasie gesehen. Und dazu habe schon immer ein Mann gehört, der sie rettet. Und ein Kind, für das sie das wichtigste Wesen auf der Welt sein würde. In ihren Gedanken und Tagträumen habe sie sich vorgestellt, wie schön das Leben sein könnte, ein Mann, ein Kind. Aber genauso habe zu ihren Fantasien auch eine andere Vorstellung gehört: dass sie störende und enttäuschende Menschen einfach aus ihrem Leben verschwinden lässt.

Jürgen wird aus dem Spital entlassen. Die Ärzte haben ihn wieder hingekriegt. Aber keiner kann sagen, was die Ursache seines bedrohlichen Brechdurchfalls gewesen ist. Estibaliz C. wird später abstreiten, dass sie ihn vergiftet habe. Und tatsächlich wird man keine verdächtigen Spuren in seinem Magen finden.

Allerdings hat auch Jürgen sie enttäuscht. Er hatte nach seiner Rückkehr gesagt, dass auch er nun ein Kind mit ihr wolle. Und Estibaliz hatte ihm geglaubt. Wie oft hat sie sich schön für ihn gemacht, seine Lieblings speisen gekocht, sich bemüht, es ihm noch mehr recht zu machen. Doch Jürgen zog sich immer weiter zurück, sie langweilte ihn mit ihrer Untertänigkeit. Er will Frauen erobern, keine, die sich ihm unterwerfen. Er hat offenbar bereits solche Frauen gefunden. Die SMS, die Estibaliz C. in seinem Handy entdeckt hat, sind eindeutig.

Und jetzt kreisen wieder die Gedanken.

Im Baumarkt besorgt sie sich eine neue Kettensäge

Im Oktober erzählt Estibaliz C. einer Freundin, sie überlege, mit Jürgen in die Berge zu fahren und ihn dort in den Abgrund zu schubsen – und es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Alternativ denke sie darüber nach, ihn zu erschießen oder zu erstechen. Vorher müsse er aber eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten abschließen.

Esti macht Spaß, denkt die Freundin.

Am 15. Oktober liest Estibaliz C. online einen Artikel mit der Überschrift "Killing Is Easier that You Thought".

Am 16. Oktober googelt sie "Vermisste" und Testament.

Mitte November geht Jürgen für ein paar Tage auf Dienstreise. Estibaliz C. besorgt sich eine neue Kettensäge im Baumarkt. Sie wählt das Modell, das sie schon mal gekauft hat. In einem Baustoffhandel lässt sie sich abermals erklären, wie man Beton am besten anrührt. Der Kundenbetreuer rät ihr, eine Bohrmaschine mit einem Quirl zu verwenden.

Unter dem Namen "Maria Gonzalez" erwirbt Estibaliz C. zwölf Säcke "Baumit Speed-Estrich", er soll ihr am nächsten Tag in die "Schleckeria" geliefert werden. Betondichtmittel, ein Wendelrührset, eine Schlagbohrmaschine nimmt sie gleich mit.

Anschließend geht sie in den Keller. Dort liegt noch Gerhards alte Beretta.

Wien, in der Nacht vom 21. auf den 22. November 2010. Am Abend geht das Paar Punsch trinken im Museumsquartier. Jürgen ist gut drauf, er trinkt viel Glühwein und schaut anderen Frauen nach. Estibaliz C. ist eifersüchtig. Gegen 23 Uhr sind sie wieder zu Hause, diskutieren über die Spannungen zwischen ihnen. Jürgen gibt schließlich zu, fremdzugehen, will sich aber definitiv nicht trennen.

Estibaliz C. wartet, bis er eingeschlafen ist. Dann kleidet sie das komplette Schlafzimmer mit Handwerkerfolie aus und schießt. Viermal feuert sie auf seinen Hinterkopf und auf seine Schläfe. Keiner der Nachbarn ruft die Polizei. Das Mietshaus liegt nicht in der feinsten Gegend.

Estibaliz C. übernachtet auf der Couch. Am nächsten Morgen erledigt sie zunächst die Büroarbeiten im Eissalon, dann kauft sie neue Schutzfolie und zerstückelt die Leiche. Die Teile packt sie in schwarze Plastiksäcke und den Torso in einen Trolley. Anschließend fährt sie alles mit dem Auto zum Eissalon und lagert die Tüten in einer leer stehenden Tiefkühltruhe im Hinterraum der "Schleckeria". Diesmal geht alles ganz schnell, die wenigen Spuren sind schnell weggewischt. Für das Einbetonieren reicht die Zeit allerdings nicht mehr. Denn Estibaliz C. will am Abend ausgehen.

Roland

Roland R., 1,90 Meter groß, 14 Jahre älter als sie, hat angerufen, als sie gerade Jürgen zerlegt. Der Kaufmann arbeitet in einem Großhandel für Speiseeisprodukte als Verkaufsleiter. Schon seit dem Sommer flirtet sie mit ihm. Er ist eher ein ruhiger, weicher Typ, kein wirklicher Macho. Aber er hat diese adelige Nase, diese ausdrucksvollen Augenbrauen, diese eleganten Hände. Er riecht gut und hat eine tiefe, kräftige Stimme.

Sie gehen ins Café "Cobenzl". Estibaliz C. ist fröhlich und aufgedreht an diesem Abend.

Stück für Stück betoniert sie Jürgen in den folgenden Tagen in Mörtelwannen und Tröge ein. Die Behältnisse lässt sie zum Aushärten erst einmal im Eissalon stehen, die "Schleckeria" hat Winterpause. Sie telefoniert mit ihrem Bruder und spielt ihm am Telefon die arme Verlassene vor. Er ist so besorgt, dass er von Barcelona nach Wien fliegt. Estibaliz weint erst, dann lässt sie ihn die Tröge und Wannen in den Keller tragen. Schlamperte Handwerker hätten sie stehen lassen. Später verteilt sie noch Katzenstreu auf den Gefäßen. Falls es irgendwann doch riechen sollte.

Dann trifft sie weitere Vorkehrungen. Anders als bei Gerhard ist Jürgens Familie beunruhigt, stellt Fragen. Um den Verdacht von sich abzulenken, erstattet Estibaliz C. nach wenigen Tagen Vermisstenanzeige. Immer wieder fragt sie bei der Polizei nach, ob es denn immer noch keine Spur gebe. Als ein Polizist sie zu Hause besucht, sagt sie, er dürfe gern in ihren Keller gehen und nach der Leiche schauen. Der hält das für einen Witz.

Roland ist hin und weg von dieser Frau, die nun regelmäßig mit ihm ausgeht. Auf der einen Seite ist sie fragil und mädchenhaft, auf der anderen Seite eine richtige Geschäftsfrau. Und sie braucht ihn, sie braucht Trost. Jürgen habe sie einfach sitzenlassen, klagt sie. Roland heitert sie auf. Er geht mit ihr ins Musical "Riverside". Sie gehen tanzen. "Lady, Lady, Lady" wird ihr gemeinsames Lieblingslied. Im Dezember 2010 werden sie ein Paar, in einem Hotel unweit des Flughafens, drei Sterne, Schallschutzfenster. Und nun will Estibaliz C., dass Roland so schnell wie möglich zu ihr zieht. In einem Reihenhaus im Grünen möchte sie mit ihm wohnen und Beete anlegen. Und ein Kind wünscht sie sich von ihm.

Sie hat sich hübsch gemacht, es gibt Geschnetzeltes

Am 6. Juni 2011 schickt der Besitzer des Friseursalons neben der "Schleckeria" wegen eines Wasserschadens einen Installateur in das Kellerabteil unter seinem Salon. Es ist das Abteil mit der Nummer 6. Niemand weiß, wem es gehört. Er bohrt das Schloss auf. Im Abteil entdeckt er zwei Repetiergewehre der Marke Ceská Zbrojovka. Er ruft zwei Bekannte hinzu. Gemeinsam finden sie eine Damenhandtasche mit einer Pistole: Marke Beretta, Kaliber 22. Dann kratzt einer von ihnen mit einer kleinen Schaufel etwas Mörtel von der Oberfläche eines der sonderbaren Behältnisse, die dort unten herumstehen.

Estibaliz C. und Roland R. sitzen ein paar Hundert Meter weiter in ihrer Wohnung beim Abendessen. Sie hat sich für ihn hübsch gemacht und für ihn gekocht, es gibt Geschnetzeltes.

Im Keller kommt die Ecke einer Plastiktüte zum Vorschein. Und es riecht plötzlich seltsam. Ein hinzugerufener Polizist legt die Tüte mit einem Schraubenzieher weiter frei. Ein Unterschenkel mit Fuß befindet sich darin. Über allem wabert leichter Verwesungsgeruch.

Sargträger

Gruselfund im Keller: Nur durch Zufall wurde entdeckt, was sich in Abteil 6 verbarg. Beim Abtransport der Leichenteile mussten die Sargträger mehrmals gehen.


Als Estibaliz C. am nächsten Morgen in die "Schleckeria" kommt, berichtet ihr ein Nachbar von dem Gruselfund im Keller. Wortlos und kreidebleich flieht sie vorbei an den parkenden Polizeiautos. Sie organisiert ihre Flucht aus dem Stand heraus. Sie bittet ihre Putzfrau telefonisch, ihr die schwarze Geldtasche und das Sparbuch aus dem Eissalon zu holen. Einen Stammkunden, den sie zufällig trifft, überredet sie, ihr den Reisepass aus ihrer Wohnung zu bringen. Ihr Freund habe Stress mit der Polizei, sie traue sich nicht mehr heim. Der Mann besorgt ihr auch ein gebrauchtes Siemens-Handy mit einer Prepaid-Karte. Jeder glaubt ihr alles. Sie hebt ihre gesamten Ersparnisse ab: 10.000 Euro. Mit einem Taxi fährt sie zum Flughafen. Sie will nach Mexiko. Während der Fahrt setzt sie auf einem Notizblatt ein Schreiben auf, in dem sie Roland R. den Eissalon überschreibt und ihm versichert, dass sie ihn über alles liebe. Doch dann meldet sie sich über ihr Handy doch noch einmal bei ihm. Er rast zum Flughafen und will eine Erklärung. Sie sagt ihm nur, dass man ihr etwas anhängen wolle. Er begreift nichts und fährt wieder zurück in die Firma.

Doch was, wenn schon nach ihr gefahndet wird? Estibaliz C. entscheidet sich gegen den Flug. Sie will mit dem Taxi nach Italien. Dem Fahrer sagt sie, dass sie dort einen Auftritt mit einer Flamencogruppe habe. 750 Euro zahlt sie ihm. Sie übernachtet in einem Albergo.

Inzwischen hat die Polizei festgestellt, dass die Spanierin ein halbes Jahr zuvor ihren Lebensgefährten als vermisst gemeldet hat. Nachbarn haben erzählt, dass auch ihr erster Ehemann wie vom Erdboden verschluckt sei. Und die Spurensicherer haben in ihrer Wohnung Blutreste gefunden. Nun wird europaweit nach Estibaliz C. gefahndet.

Am nächsten Tag nimmt sie den Bus nach Udine. Dort lernt sie vor einem Schnellimbiss den Straßenkünstler Ivan kennen, einen großen und schlanken Mann. Der 33-Jährige nimmt sie bei sich auf. Weil sie so schutzbedürftig wirkte, wird er später sagen. Zwei Tage wohnt Estibaliz C. bei ihm, putzt die Wohnung, kocht vegetarische Pasta für ihn, sie plaudern. Als Ivan mitbekommt, dass sie im Internet immer wieder nach Informationen über einen Doppelmord in Wien sucht, ruft er die Polizei.

Roland kann es erst nicht glauben, was über seine Esti in den Zeitungen steht: Sie ist in Udine festgenommen worden, und sie hat zwei Morde gestanden. Ein paar Wochen zuvor hatten sie noch in einem Wirtshaus bei Scholle und Steak zusammengesessen. Sie hatte verkündet, dass sie schwanger sei, und gefragt: "Willst du mich heiraten?" Er hatte etwas hölzern geantwortet: "Ja, kein Problem." Es war etwas schnell gegangen, aber irgendwie hatte er sich auch gefreut. Und nun soll die Frau, die sein Kind trägt, eine Mörderin sein?

Er ist überzeugt, dass sie krank sei, dass sie eine "ängstliche Frau mit einem großen Herzen" sei, wie er später in einem Interview sagt. Dass es etwas Fremdes in ihr gebe, ein zweites Ich, das all das getan habe. Jürgen und Gerhard hätten sie einfach schäbig behandelt. Er kann sich nicht vorstellen, dass sie ihm etwas antun könnte.

Sie kann es.

Doch vorerst sitzt Estibaliz in Wien-Josefstadt in U-Haft. In ihrer Arrestzelle liest sie Babybücher. Endlich kann Roland sie wieder regelmäßig sehen, wenn auch nur durch eine Glasscheibe. Sie freut sich sehr auf das Kind. Er sagt: Wir sind eine Familie. Sie sagt: Mi amor, danke.

Am 10. Januar 2012 bringt Estibaliz C. gegen Mitternacht ihren Sohn im Kaiser-Franz-Josef-Spital zur Welt. Viktor* ist 50 Zentimeter groß und 3200 Gramm schwer. Als Estibaliz C. nach dem Kaiserschnitt aus der Narkose erwacht, ist ihr Sohn schon weggebracht worden. Er liegt auf der Säuglingsstation eines anderen Spitals, weil man ihn einer möglichen Gefahr durch seine Mutter erst gar nicht aussetzen will. Roland kümmert sich fortan um den Jungen, gemeinsam mit seiner Schwiegermutter, die aus Spanien angereist ist. Erst drei Wochen nach der Geburt darf Estibaliz C. ihr Kind zum ersten Mal sehen, streng bewacht. Roland ist jedes Mal gerührt, wenn er sie mit Viktor sieht. Ende März 2012 geben Estibaliz und er sich im Verhörraum der Strafanstalt das Jawort.

Todesursachen in Zahlen: An diesen Ursachen sterben die meisten Menschen weltweit

Lebenslange Haft und Maßnahmenvollzug

Am 19. Dezember 2012 schreitet Estibaliz C. im Blitzlichtgewitter zur Anklagebank des Landgerichts Wien, begleitet von den bekanntesten Anwälten Wiens, Rudolf Mayer, der schon Josef Fritzl verteidigt hat, und Werner Tomanek, der auch die Hells Angels vertritt. Sie trägt ein hochgeschlossenes, graues Kleid, kleine Perlenohrringe und farblosen Lipgloss. Roland R. hat ihr das Kleid gekauft.

"Lassen Sie sich nicht täuschen", warnt die Staatsanwältin die Geschworenen. Die Angeklagte sei eine "eiskalte und brandgefährliche" Frau. Estibaliz C. bekennt sich schuldig und beschreibt ihre Taten bis ins kleinste Detail. Sie könne sie nicht schönreden, erklärt sie. "Ich hatte die Hoffnung verloren, dass er mich gehen lässt", sagt sie über den Mord an Jürgen. "Er hatte ja in den Eisladen investiert." Sie habe keinen anderen Ausweg gesehen, als ihn zu töten. "Das ist, wie wenn man ein Plastiksackerl über dem Kopf hat. Da muss man raus." Aber sie bereue sehr.

Ruhig und präzise zeichnet die psychiatrische Gutachterin Adelheid Kastner ein psychologisches Bild von Estibaliz C., das einer sehr intelligenten Frau, die emotional blind für andere sei. Einer Narzisstin mit einem "ausgeprägten manipulativen, teilweise auch weibchenhaften Verhalten", die das für absolut setzt, was sie will. Ihre schwere Persönlichkeitsstörung habe ihren Entscheidungsspielraum gewiss eingeengt, aber Estibaliz C. hätte dennoch "auch anders können, als ihr Handeln nur nach ihren Bedürfnissen zu richten". Sie sei zurechnungsfähig gewesen, sie habe nicht an psychotischen Wahnvorstellungen gelitten. Niemand anders als Estibaliz C. selbst habe am Steuer gesessen bei ihren Taten. Kastner spricht der Spanierin allerdings ab, in der Lage zu sein, ein Kind zu erziehen.

Schließlich fällen die Geschworenen das Urteil: lebenslange Haft und Maßnahmenvollzug, das heißt die unbefristete Unterbringung in einem Trakt für zurechnungsfähige, geistig abnorme Rechtsbrecher. Estibaliz C. nimmt es regungslos zur Kenntnis, sie sagt nur: "Ich habe verstanden."

"Estibaliz ist unglaublich intelligent. Sie ist uns allen überlegen"

Hunderte von Seiten schreibt sie Roland in den folgenden Monaten in ihrer kindlichen Schrift: "Te quiero, Roland." – "Ich liebe Dich." Viktor wird zu Estibaliz' Eltern nach Spanien gebracht. Roland fliegt regelmäßig dorthin. Estibaliz sagt ihm, dass sie gewiss eines Tages entlassen werde, von ihrer "Krankheit" werde sie dann geheilt sein, und dann wolle sie mit ihm und Viktor in einem Bauernhaus in Katalonien leben. Alle, die Estibaliz für einen schlechten, gefährlichen Menschen halten, kennen sie nicht wirklich, denkt er. Er sieht doch, wie dieses zarte Wesen selbst im Gefängnis andere verzaubert, Anwälte, Journalisten, Verleger, die sie unterstützen, ihr Geschenke bringen, Botengänge für sie erledigen. Sie schreibt ihre Autobiografie. Filmproduktionsfirmen interessieren sich für den Stoff. Estibaliz wünscht sich Jenifer Lopez in der Hauptrolle.

Aber dann beginnt Roland Fragen zu stellen. Darf man die intimen Geschichten der Männer ausbreiten, die man selbst ermordet hat? Darf damit Geld verdient werden? Bereut sie wirklich? Ist das seine Esti?

Die Gutachterin Kastner hatte vor Gericht ausgeführt, es sei keinesfalls auszuschließen, dass Estibaliz C. wieder töten würde, wenn künftige Beziehungspartner "den an sie gestellten Anforderungen nach emotionaler Befriedigung und weitreichender emotionaler Versorgung nicht entsprechen" und den Weg für andere nicht frei machten. Estibaliz C. hatte der Psychiaterin zuvor gesagt, dass sie nicht garantieren könne, Roland R. unter ähnlichen Umständen nicht auch etwas anzutun. Kastner bezifferte die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Estibaliz C. in den nächsten zehn Jahren eine neue Straftat mit schweren Folgen begehe, mit hohen 31 Prozent. Roland R. wollte es nicht glauben.

Heute glaubt er es.

Im September 2015, so schildert es Roland R., hat Estibaliz C. die Ehe vollkommen überraschend für beendet erklärt. Sie sagte: "Ich will dich nicht mehr sehen." Und: "Mi Amor, ich bin menschlich sehr von dir enttäuscht." Dass er ihre Buch- und Filmprojekte kritisiert hat, habe sie nicht ertragen können. Er stehe ihr im Weg.

Seit Oktober vergangenen Jahres hat er seinen Sohn Viktor nicht mehr gesehen. Die Großmutter informiert ihn nicht mehr, wenn sie mit dem Jungen in Österreich ist. In einem Brief an die Gefängnisleitung schreibt Estibaliz C., dass Roland R. gedroht habe, den Sohn zu entführen. Zuvor hatte es Streit darüber gegeben, ob Viktor Weihnachten bei Roland verbringen darf und auf welche Schule er gehen soll. Die Ermittlungen gegen Roland werden zwar eingestellt, aber seither traut er sich nicht mehr nach Spanien. Zu Weihnachten schickt er einen Brief und ein Päckchen mit Buntstiften für seinen Sohn nach Spanien. Das Päckchen kommt ungeöffnet zurück.

Schließlich will die Großmutter im Auftrag ihrer Tochter die Vormundschaft für Viktor. Mit allen Rechten. Roland R. solle auf das Sorgerecht verzichten, was für ihn unvorstellbar ist. Die Großmutter reicht Klage "auf einstweilige Maßnahmen" ein. Das zuständige spanische Gericht schreibt Roland R., dass das elterliche Sorgerecht ausgesetzt werde.

Die Großmutter werde zum Vormund des Kindes bestimmt. Angehört vor Gericht wurde Roland R. nicht. Er sagt, er sei sehr naiv gewesen. "Estibaliz ist unglaublich intelligent. Sie ist uns allen überlegen." Er habe sie einfach unterschätzt.

"Aber immerhin lebe ich noch", sagt Roland R.

* Namen von der Redaktion geändert

Themen in diesem Artikel