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Der Fall Jeffrey Lash: Er lebte auf einem Waffendepot - und wollte in seinem SUV verwesen

Er ist Geheimagent, Multimillionär, Anti-Terror-Krieger und ein Außerirdischer. Aber das ist nicht das Verrückteste an Jeffrey Lash.

Von Scott Johnson

Jeff ist Geheimagent, Multimillionär und ein Außerirdischer

Ja, er sei ein Geheimagent, hatte Jeff erzählt. Nein, mehr könne er nicht darüber sagen. Einige Jahre zuvor habe er eine 'außerkörperliche' Erfahrung gehabt.

Die Hügel von Pacific Palisades ziehen sich wie gut gepflegte Balkone die kalifornische Küste hoch, J. J. Abrams, Reese Witherspoon und der damalige Ehrenbürgermeister Kevin Nealon wohnen hier, der grüne Ort schmiegt sich verträumt an die Ausläufer der Berge von Santa Monica, die Häuser mit den bodentiefen Fenstern und den Windklangspielen blicken entspannt aufs Meer hinab, in den sauberen Einfahrten parken Teslas, und der aktuelle Polizeibericht hat zu vermelden: Aus einem unverschlossenen Auto wurde ein Laptop entwendet, aus einem offenen Küchenfenster ein Handy gestohlen.

"Wir haben immer gescherzt, dass wir in einem sicheren Dorf wohnen", sagt Frances Sharpe, Redakteurin des ältesten Blattes am Ort, der "Palisadian Post", die Bewohner mit wichtigen Nachrichten versorgt: eine Sonderaktion der Eisdiele, ein 100. Geburtstag.

Vorgebliches Millionenerbe

Im Juli des Jahres 2015 allerdings tat die "Post" etwas, das sie noch nie zuvor getan hatte. Sie veröffentlichte einen Artikel online.

Auf ihrer Website prangte ein Foto mit Polizisten, die sich in einer Wohnanlage versammelt hatten. Im Text darunter war zu lesen, dass mehrere Hundert Schnellfeuerwaffen und Pistolen in diesem Haus beschlagnahmt wurden, zudem fünfeinhalb Tonnen Munition und 230.000 Dollar in frischen Banknoten. Auch den Besitzer dieser Fundstücke hatte man in der Nähe entdeckt. Seine verwesende Leiche saß auf dem Fahrersitz eines SUV am Palisades Drive. Er war zu dem Zeitpunkt bereits zwei Wochen tot.

Der Mann hieß Jeffrey Lash.

In den folgenden Tagen, Monaten und Jahren sollte die Öffentlichkeit einiges aus seiner bizarren Lebensgeschichte erfahren. Sie handelt von geheimen Regierungsbehörden, Under-Cover-Agenten und Außerirdischen. Die Menschen in Pacific Palisades zürnen bis heute, dass sie jahrelang ahnungslos neben einem Pulverfass gelebt hatten, zwei von Lashs ehemaligen Geliebten streiten sich mit seinem Cousin vor Gericht um ein vorgebliches Millionenerbe, eine weitere Geliebte ist spurlos verschwunden, auf welche Art, das liegt im Dunkeln. Aber dafür sind die Ufo-Fanatiker der Nation überzeugt, dass mit Lashs Tod lange geheim gehaltene Wahrheiten ans Licht gekommen sind.

Die Journalistin Frances Sharpe, 55, sitzt in einem Café am Sunset Boulevard Ecke Palisades Drive, ganz in der Nähe vom Fundort der Waffensammlung, schüttelt den Kopf und sagt: "Seitdem war es hier nicht mehr wie in einem friedlichen Dorf."

Die Journalistin Frances Sharpe (l.) und die Unternehmerin Michelle Lyons erfuhren erst nach Lashs Tod, wer er war. Der Unterschied: Lyons hatte Jahrzehnte mit ihm zusammengelebt.

Die Journalistin Frances Sharpe (l.) und die Unternehmerin Michelle Lyons erfuhren erst nach Lashs Tod, wer er war. Der Unterschied: Lyons hatte Jahrzehnte mit ihm zusammengelebt.

Michelle Lyons sagt, Jeffrey Lash sei ein Mensch gewesen, "der einem Angst machen konnte". Als die heute 66-Jährige in Santa Monica vom Fund seiner Leiche hörte, wurde ihr mulmig. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch ihr Name in den Medien auftauchen würde. Schließlich war sie seit Mitte der 80er Jahre mit Jeffrey Lash liiert. Sie hatte geglaubt, ihn zu kennen. Doch je mehr sie nun erfuhr, desto mehr wurde ihr klar, dass sie fast nichts wusste. Sie trauerte um einen toten Fremden.

Michelle Lyons lernte Lash 1984 kennen, als sie Kunden für ein Marktforschungsprojekt suchte und Lashs Firma kontaktierte. Sie telefonierten ein paarmal und verabredeten sich schließlich. Die Begegnung führte zum Ende ihrer damaligen Beziehung. Sie trennte sich von ihrem Partner, und Lash wurde der neue Mann in ihrem Leben. 1986 zog er bei ihr ein. Lash, Anfang 30, erschien ihr brillant, charismatisch und authentisch, ein faszinierender Erzähler. Er hatte die drahtige Figur eines Marathonläufers, grau-blaue Augen und ein unglaubliches Gespür für ihre Bedürfnisse.

Anti-Terror-Einsätze

Noch nie hatte Lyons einen derart aufmerksamen Partner gehabt. Sie unternahmen lange Radtouren, stöberten in Buchläden, speisten in schicken Restaurants und gingen gemeinsam in die Berge. Allerdings gab es da auch diese etwas furchterregende Seite an ihrem neuen Freund. In den ersten Jahren war Lash oft jähzornig, unfähig, seine Gefühle zu kontrollieren. Aber das Paar traf eine Vereinbarung: Sie würde ihn lehren, zu lieben und sich mitzuteilen, dafür würde er ihr beibringen, wie man sich einer Aufgabe komplett verschreibt und beruflich nicht nur erfolgreich ist, sondern es ganz nach oben schafft.

Über seine Vergangenheit sprach Lash wenig. Es sei sicherer für Lyons, wenn sie nichts darüber wisse, erklärte er. Wenn sie sich nach seiner Familie erkundigte, erstarrte er, begann zu schreien und mit den Fäusten auf den Tisch zu schlagen. Lyons lenkte dann schnell ein. Er sei ein ehemaliger Agent, sagte Lash, höchste Geheimhaltungsstufe, an Anti-Terror-Einsätzen und Geiselbefreiungen habe er teilgenommen.

Seine Firma: ein Team hoch qualifizierter, gefährlicher, aber extrem loyaler Agenten.

Seine Mission: die Welt retten.

Beim Einzug brachte er ein Dutzend Schnellfeuerwaffen samt Ausrüstung mit. Seiner Firma gehöre ein ganzes Gebäude in Beverly Hills, sagte er, und seine Mitarbeiter seien 24 Stunden am Tag im Einsatz. Ansonsten ging Lash wie die meisten Menschen morgens zur Arbeit und kam abends wieder.

Auch für den Fall seines Dahinscheidens hatte er einen Wunsch: in seinem SUV liegen gelassen zu werden. So fand ihn die Polizei. Nach zwei Wochen.

Auch für den Fall seines Dahinscheidens hatte er einen Wunsch: in seinem SUV liegen gelassen zu werden. So fand ihn die Polizei. Nach zwei Wochen.

Am 18. Juli 2015 saß Frances Sharpe in der Redaktion, ein Samstag. Sie war nervös, weil die "Palisadian Post" vor der spektakulärsten Enthüllung ihrer 86-jährigen Geschichte stand: Ein Juwelier aus dem Ort sollte seine Kunden bestohlen haben. Während der Text von ihren Kollegen bearbeitet wurde, checkte Sharpe ihre Facebook-Seite. Sie fand einen Eintrag über einen Polizeieinsatz in der Nähe der Redaktion. Da war bestimmt ein Poolreiniger in den falschen Garten gestiegen oder die Alarmanlage eines Autos von selbst losgegangen, dachte sie.

Doch dann las sie, dass die Polizei den gesamten Palisades Drive gesperrt hatte. Mit einem Fotografen fuhr sie hin. An einer Absperrung verwehrten ihnen Beamte die Durchfahrt. Sharpe kannte die Polizisten nicht, sie waren wohl aus Los Angeles hierhergekommen. Der Kampfmittelräumdienst war ebenfalls eingetroffen. Die beiden Journalisten fanden schließlich einen Hausbesitzer, der sie in seinen Garten ließ. Von einer Leiter spähten sie über die Baumkronen auf einen Weg.

Hellseherin und Wunderheilerin

Die Polizei hatte ein weißes Zelt aufgebaut, das aussah wie das provisorische Militärlager beim Angriff der Außerirdischen in "Unheimliche Begegnung der dritten Art". Eine Hundestaffel war vor Ort. Spurensicherer in Overalls und Zivilpolizisten tummelten sich in der Straße. Die Nachbarhäuser waren evakuiert worden.

In der Redaktion erfuhr Sharpe, warum. Ein Nachbar hatte ihr ein Foto geschickt, auf dem Dutzende Waffen zu sehen waren, zu einem Haufen gestapelt. Und das war nur ein Bruchteil des Fundes. Der verwesende Mann aus dem SUV hatte im Lauf seines Lebens genug Waffen und Munition gesammelt, um einen mittleren Volksaufstand anzuzetteln. Für welchen Zweck, wusste niemand.

Klar, Jeff Lash hatte viele Macken, das hatte Michelle Lyons schnell begriffen. Er wollte nicht, dass sie seine Sachen anfasste. Er war ein Ordnungsfanatiker. Niemand durfte ihn fotografieren. Er besaß mehrere Kreditkarten, zahlte aber immer in bar. Anderseits konnte er auch ganz normal und vernünftig sein. Lyons beschloss, sich auf seine guten Seiten zu konzentrieren. Wenn sie essen gingen, plauderte er freundlich mit Kellnern und Gästen. Er hatte die Gabe, Leute dazu zu bringen, mit ihm schon nach kürzester Zeit über die großen Fragen ihres Lebens zu sprechen. Und wenn Lyons Probleme hatte: Lash war für sie da.

Der unbekannte Tote schien einer Sammelleidenschaft gefrönt zu haben. Schnellfeuerwaffen. Hunderte.

Der unbekannte Tote schien einer Sammelleidenschaft gefrönt zu haben. Schnellfeuerwaffen. Hunderte.

Sie war überzeugt, dass er "der Richtige" war.

Doch sein Leben als Terrorbekämpfer konnte Lash nicht im Büro lassen. Als Michelle Lyons 1987 eine Vierzimmerwohnung in Santa Monica kaufte, nahm er ein Zimmer in Beschlag und untersagte ihr den Zutritt. Am Wochenende machte das Paar oft Schussübungen in der Mojave-Wüste. Mit einem Auto voller Waffen fuhren sie in die Einöde und ballerten wie verrückt auf viereckige Zielscheiben. Lyons fand das Schießen schrecklich, doch Lash sagte, er wolle sicherstellen, dass sie sich im Ernstfall verteidigen könne. Das sei unabdingbar.

Er schwärmte von den Mitgliedern seines Anti-Terror-Kommandos. Wer auch immer sich ihm in den Weg stelle, seine "Top-Leute" brächten ihn zur Strecke. Sie hätten schon getötet, und sie würden es wieder tun. Lyons hat nie einen seiner Mitarbeiter getroffen, doch so, wie Lash von ihnen sprach, waren sie in ihrem Leben trotzdem allgegenwärtig. Es schienen beeindruckende Persönlichkeiten zu sein. Wie diese Hellseherin und Wunderheilerin, die früher zu Lashs wertvollsten Mitarbeiterinnen gehört hätte. Sie trage mittlerweile aus Gründen der nationalen Sicherheit einen Decknamen, "Tara". Lash habe ihr beigebracht, im Untergrund zu leben.

Wutausbrüche

Egal, wie absurd seine Ausführungen auch waren, Lyons bekam immer eine Erklärung, die sie gern glaubte. Erst nach Jahren begriff sie, dass Lash sie beherrschte. "Er konnte einem das Gefühl geben, die einzige Person im Raum zu sein und einem aus dem Herzen sprechen – das kann man nicht vortäuschen", sagt sie. "Das heißt jedoch nicht, dass er ein guter Mensch war."

Michelle Lyons kam für alle Lebenshaltungskosten des Paares auf – die Tilgung des Kredits für die Wohnung, Lebensmittel, Freizeitaktivitäten, einfach alles. Sie gab ihm auch Geld für das Militärgerät, das er für seine "Mission" benötigte. Dabei wurden seine Wutausbrüche im Lauf der Zeit immer bedrohlicher. Lyons wagte es kaum noch, sich zu widersetzen. Einmal versuchte sie es mit Humor: "Du bist so seltsam. Du könntest ein Alien sein."

Er warf ihr einen merkwürdigen Blick zu.

"Du ahnst nicht, wie recht du damit hast", antwortete er.

Der Mann namens Jeffrey Allen Lash wuchs in Westchester auf, einem Stadtteil von Los Angeles. Sein Vater war Mikrobiologe, seine Mutter Pianistin. Lash ging auf die Highschool, studierte später an der University of California in Los Angeles, machte aber keinen Abschluss. Nachdem seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, zog sein Vater zu Shirley Anderson, einer Frau, die Lash schon als kleinen Jungen kannte und ihn als "sehr niedlich und klug" in Erinnerung hat.

Irgendwann hatte Lash begonnen, Waffen zu sammeln. Als ihm ein paar davon gestohlen wurden, bat er seinen Vater um Hilfe. Der engagierte den Anwalt Robert Rentzer, der ihm noch einen Gefallen schuldete. "Jeff war ein Waffennarr, der sehr zurückgezogen lebte", erzählt Rentzer heute. "Er wollte nicht, dass irgendjemand wusste, wo er wohnt." Wenn die Polizei eine Waffe sichergestellt hatte, holte Lash sie bei seinem Anwalt ab. "Er war ein netter Kerl und sehr gescheit", sagt Rentzer. Was Lash sonst trieb, habe ihn nie interessiert. "Ich frage Leute nicht nach ihrem Job, das geht mich nichts an."

Es war 1998, als Lash seiner Freundin Michelle Lyons nach 13 Jahren des Zusammenlebens verkündete, dass er eine Weile aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen werde. Es sei ein nationaler Notfall eingetreten, der seine ganze Aufmerksamkeit fordere. Er wolle zwei Wochen zu Catherine Nebron nach Pacific Palisades ziehen.

Killerkommando

Nebron war eine gute Freundin von Lyons. Ihr Mann Phil Gorin hatte eine Zahnarztpraxis. Die gemeinsame Wohnung befand sich in einer mondänen Anlage, in der viele Sport- und Filmstars lebten. Früher waren Lash und Lyons mit den beiden immer mal wieder ausgegangen.

Es sei nur eine Übergangslösung, versicherte Lash. Und für alle so am sichersten. Doch aus zwei Wochen wurden vier, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre. Lash zog nie wieder zu Lyons zurück. Sie trafen sich aber weiterhin regelmäßig und fuhren am Wochenende zum Schießen in die Wüste. Er versicherte ihr, dass sie seine wahre Liebe sei. Zehn Jahre lang, von 1998 bis 2008, holte Lyons ihren Freund jeden Abend zum Essen ab, brachte ihn dann zurück in Nebrons Wohnung und fuhr nach Hause.

Nebron und Lyons waren sich einig, dass sie Lash bei der Rettung der Welt helfen mussten. Die Freundinnen versorgten ihn nun gemeinsam mit Geld und Waren. Manchmal allerdings stieß Lyons an ihre Grenzen. Die bedingungslose Opferbereitschaft, die er einforderte, hatte an ihren Nerven gezehrt. Sie dachte daran, wegzulaufen, doch sie fürchtete um ihr Leben. Hatte seine Geschichten im Ohr, von Menschen, die wegen mangelnder Loyalität getötet wurden. "Wenn man so etwas hört und all die Waffen sieht und auch noch weiß, dass irgendwo da draußen ein ausgebildetes Killerkommando lauert, springt man nicht einfach so ins Auto und haut ab", sagt sie.

Über ihre Ängste sprachen die beiden Frauen nicht. Auch verschwieg Nebron der Freundin, dass sich zwischen ihr und Lash eine Beziehung anbahnte. Nur manchmal ließen sie Andeutungen fallen. "Das ist alles verrückt", sagte Lyons mal zu Nebron.

Lash verlangte einen Privatkoch, der 1785 Dollar pro Woche kostete. Lyons bezahlte ihn sieben Jahre lang. Sie kaufte zwei "Heilfrequenz-Therapiegeräte" für jeweils 12.000 Dollar. Und mietete einen Lagerraum für jährlich 9800 Dollar. Lyons, die ein erfolgreiches IT-Beratungsunternehmen leitet, schätzt, dass sie insgesamt 1,8 Millionen Dollar in Lash investiert hat.

Wenn sie seine Bestellungen an der Haustür ablieferte, drückte er ihr im Austausch drei verschieden gekennzeichnete Mülltüten in die Hand: "normal", "anderswo" und "anderswo separat". Lyons verteilte den Abfall im gesamten westlichen Teil von Los Angeles.

"Nationale Sicherheit"

Auch seinen Gastgebern Nebron und Gorin hatte Lash erzählt, dass ein nationaler Sicherheitsnotfall eingetreten sei. Ihr Zuhause wurde zu seiner Einsatzzentrale. Er schaffte es, die beiden in ihrer eigenen Wohnung zu isolieren. Weil er Angst hatte, dass seine Waffen durch Feuchtigkeit oder Wärme beschädigt werden könnten, verbot er dem Paar, die Fenster zu öffnen. Er stellte das Wasser ab. Jahre später, nach Lashs Tod und ihrer eigenen Scheidung, reichten die beiden unabhängig voneinander Klage gegen Lashs Erben ein: auf Schadenersatz für das Leid, das er ihnen zugefügt habe. Nebron klagte, sie habe im Badezimmer auf einer Yogamatte schlafen müssen. Lash habe sie mehrfach geschlagen. Sie habe die ganze Zeit auf seine Sachen aufpassen und zum Duschen zu den Nachbarn gehen müssen. Sie habe einen Kredit über mehrere Hunderttausend Dollar aufgenommen, um Lashs Wünsche zu erfüllen.

Doch zugleich schien sich die Frau in jenen Tagen in ihrer Rolle als Lashs Unterstützerin zu gefallen. Sie erzählte den Nachbarn, ihr neuer Mitbewohner heiße Bob. Wenn die Nachbarn "Bob" fragten, was er denn so mache, erzählte er allen die Geschichte, die er bereits Nebron erzählt hatte: dass er 200.000 Personen beschäftige – und sein Unternehmen mehr als zwei Drittel aller geplanten Bomben- und Terroranschläge seit den Anschlägen des 11. September abgewehrt habe.

Ein Nachbar fragte Nebron und Lash einmal, warum sie gerade so lange im Auto gesessen hätten.

"Nationale Sicherheit", antworteten sie einstimmig.

Manche lächelten milde, andere rollten mit den Augen, und wieder andere sagten sich, dass seit 9/11 ja vieles möglich war. Auch Zahnarzt Gorin glaubte Lash. In seiner Klageschrift behauptet er, er habe für Lash insgesamt 2,5 Millionen Dollar ausgegeben. Er sei finanziell ruiniert. Und privat gebrochen. Seine Ehe hatte den andauernden nationalen Notstand nicht überstanden. Nach der Trennung von seiner Frau Catherine Nebron habe er jahrelang in seiner Praxis gelebt.

Die hingegen hatte sich bald nach der Scheidung mit einem anderen Mann verlobt. Mit Jeffrey Lash.

Michelle Lyons glaubte zu diesem Zeitpunkt noch, dass sie und Lash ihr altes Leben wieder aufnehmen würden, sobald der "Ausnahmezustand" vorbei war. Ihre Freundin Nebron verschwieg ihr die Verlobung. Stattdessen ließ sie sich von Lash dazu überreden, Lyons regelmäßig anzurufen, um ihr zu helfen, "ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen".

Innerstaatlicher Konflikt

Lash selbst wurde unterdessen zusehends krank und hilfsbedürftiger. Er hatte Schwierigkeiten beim Gehen, Essen, Sprechen. Im Jahr 2015 stellte Nebron eine Assistentin ein. Sie besaß mehrere Immobilien und brauchte Unterstützung beim Papierkram. Ihre neue Angestellte Dawn VadBunker arbeitete zunächst von zu Hause aus. Es dauerte lange, bis sich die beiden persönlich kennenlernten. Nebron beschloss, ihr Geheimleben mit der Neuen zu teilen. Sie stellte ihr ihren Verlobten vor. Jeffrey Lash. Nach einigen Treffen mit Lash besuchte VadBunker eines Tages ihre Adoptivmutter Laura und erzählte ihr, dass sie mit dem Rauchen aufgehört habe und nun rohes Fleisch esse. "Rohes Bisonfleisch. Wasser. Und komische Säfte, die höllisch schmeckten", erinnert sich Laura.

Lash helfe ihr dabei, sich in eine Außerirdische zu verwandeln, erklärte VadBunker. "Sie sagte, dass er sie zu einem Mischwesen formen würde", sagt die Adoptivmutter. "Das habe sie daran bemerkt, dass ihr Kopf größer geworden ist. Sie war überzeugt, dass ihr Ex-Mann sie nicht erkennen würde, wenn er an ihr vorbeifährt, weil sie sich unsichtbar machen könne."

Laura hatte jede Menge Fragen an ihre Tochter.

Worin beispielsweise bestand die Bedrohung, von der Dawn immer sprach? "Es hätte mit einem innerstaatlichen Konflikt auf einem anderen Planeten zu tun", sagt Laura. "Sie haben es mir nicht ganz genau erklärt, aber Lash würde angeblich der Regierung in einer geheimen Angelegenheit helfen, weshalb er die ganze Nacht vor dem Rechner säße und auf einem Computerchip zu fernen Sonnensystemen und Planeten reiste. Bizarr."

Weltweite Straftaten : An diesen Orten werden die meisten Menschen ermordet

Laura, die als "Energieheilerin" Reiki praktiziert, bot an, sich Lash einmal anzusehen. Im Frühjahr 2015 traf sie sich mit ihrer Adoptivtochter, Nebron und Lash auf dem Gelände eines Supermarktes in Santa Monica. Während der dreistündigen Sitzung in einem von Lashs Trucks saß sie neben ihm und "übertrug" heilende Energie auf seinen Bauch und seine Brust. Lash war abgemagert und konnte kaum sprechen. Die Energieheilerin war überzeugt, dass er bald sterben würde, und das sagte sie ihm auch. Er nickte. Dann deutete er auf ein Gebäude und offenbarte ihr, dass sie gerade "getestet" werde. Was sie tun würde, wenn sie vor einem Haus voller Scharfschützen stünde, die auf sie schießen, fragte er. Laura antwortete verwirrt: "Auf das Gebäude zu rennen." Lash nickte weise. "Du hast den Test bestanden."

Für den Fall seines Todes hatte Lash seiner Verlobten Nebron präzise Anordnungen hinterlassen: nicht die Polizei rufen, seine Leiche in Decken wickeln und in seinem Auto deponieren.

Als er am 4. Juli 2015 starb, hielt sie sich daran.

Sie rief ihren Ex-Mann an. Zahnarzt Gorin versuchte vergebens, Lash wiederzubeleben. Sie riefen keinen Notarzt, umhüllten Lashs leblosen Körper mit Decken, schlossen die getönten Scheiben des SUV, fuhren nach Pacific Palisades, stellten den Wagen ab und machten sich aus dem Staub.

Außerirdische-Geheimagenten-Geschichte

Nebron und ihre Assistentin VadBunker verschwanden gemeinsam Richtung Nordwesten. Als Laura ihre Adoptivtochter telefonisch nicht erreichen konnte, gab sie eine Vermisstenanzeige auf. Einige Tage später entdeckte die Polizei die beiden Frauen in Oregon. VadBunker ließ ihrer Mutter ausrichten, dass sie mit Gleichgesinnten zusammen sei.

Dann tauchte sie erneut unter.

Laura behauptet, sie hätte Lash dessen Außerirdische-Geheimagenten-Geschichte nie abgenommen. Doch eine Sache habe sie stutzig gemacht. "Um ehrlich zu sein: Egal, wo wir hinfuhren, es kreiste immer ein schwarzer Hubschrauber über uns. Das kann ich mir nicht erklären", sagt sie. "Bis nach Santa Monica und zurück. Ich sagte: 'Hey, Leute, was hat es mit dem Hubschrauber auf sich?' Aber ich bekam keine Antwort. Das trieb mich um. Ich meine, wie wahrscheinlich ist das? Egal, wohin ich mit Dawn fuhr, es war immer dieser verdammte Hubschrauber über uns. Dafür habe ich bis heute keine Erklärung."

Am 4. Juli 2015 rief die ahnungslose Michelle Lyons bei Catherine Nebron an, so wie sie es schon seit Jahren jeden Abend tat. Doch ihre alte Freundin ging nicht ans Telefon. Als sie auch an den kommenden Tagen nicht reagierte, begann Lyons, sich Sorgen zu machen.

Was war geschehen? Vielleicht, dachte Lyons, finde sich eine Antwort in Lashs geheimem Zimmer. Jahrzehntelang hatte er sie gewarnt, dass er dort hochsensible Regierungsunterlagen, streng geheime Akten und die Adressen und Telefonnummern der Mitglieder seines Teams aufbewahre. Nun wollte Lyons Kontakt zu diesen Leuten aufnehmen. Die würden wissen, was zu tun war. Mit einer Kreditkarte knackte sie das Schloss der Tür. Was dahinter auf sie wartete, war keine nationale Sicherheitszentrale. Der Raum war ein einziges Durcheinander, das totale Chaos. Als sie sich durch den Verhau grub, entdeckte sie Hinweise auf Menschen, die mit ihrem Freund in Verbindung standen. Namen seiner Geheimagenten entdeckte sie nicht. Dafür die von sechs anderen Frauen. Sie fand Liebesbriefe, Fotos und Tonbandaufnahmen. "Da begriff ich, dass er ein Lügner war", sagt Lyons.

Aber wo steckte Lash?

Sie fuhr zur Wohnung von Nebron. Niemand machte auf. Sie versuchte, durch die getönten Scheiben seines Geländewagen zu spähen. Nichts zu erkennen. Sie rief Gorin an. Der behauptete zunächst, nicht zu wissen, wo der Geheimagent sei. Erst später, als Lyons wieder zu Hause war, meldete er sich noch mal: Lash sei tot, schon seit zwei Wochen.

Bald danach kehrte Catherine Nebron nach Pacific Palisades zurück, sah, dass der tote Lash immer noch in seinem Auto saß, bat ihren Anwalt, die Polizei zu rufen, die Medien begannen mit ihrer Berichterstattung – und nun dämmerte es Lyons, wie groß die Lüge war, der sie über Jahrzehnte aufgesessen war.

Spirituelle Erleuchtung

"Ich konnte gar nicht glauben, was ich da las. Als sie Catherine als seine Verlobte bezeichneten, dachte ich, es müsse ein Irrtum sein. Aber es war keiner."

Es würde noch Wochen dauern, bis Lyons ihren Mut zusammennahm, etwas über die anderen Frauen herauszufinden. Die Journalistin Sharpe unterstützte sie dabei. Fünf der sechs, die Lyons auf den Papieren in Lashs Geheimzimmer gefunden hatte, waren noch am Leben, vier davon erreichte sie. Alle hatten das Gleiche erlebt: Lash war plötzlich in ihr Leben getreten, hatte ihre Beziehungen zerstört, sie um ihr Geld betrogen, ihre Gutmütigkeit ausgenutzt. Einige waren eingeschüchtert, weil sie glaubten, dass Lash fähig sei, sie zu töten.

Eine der sechs Frauen machte Lyons besonders neugierig: die Hellseherin mit dem Decknamen "Tara", der Lash angeblich beigebracht hatte, im Untergrund zu leben.

Lyons hatte ihren wahren Namen in den Unterlagen gefunden. Sie engagierte erst einen Privatdetektiv, dann suchte sie auf eigene Faust nach ihr. Sie fand heraus, dass Tara um 2005 verschwunden war. Es gab weder eine Vermisstenanzeige noch eine Sterbeurkunde. Eine Freundin der Frau erzählte Lyons und Sharpe, dass Tara eine langjährige Beziehung mit Lash gehabt habe. Lash sei in den Monaten vor Taras Verschwinden immer wütender auf sie geworden, weil sie seine Leiden nicht "heilen" konnte.

"Wir wissen, dass Tara um ihr Leben fürchtete", sagt Lyons, die mittlerweile mit Sharpe an einem Buch arbeitet. Sie will herausfinden, ob Tara tot ist und ob Lash etwas damit zu tun hat.

Eine andere Frage ist womöglich noch schwerer zu beantworten: Wie konnten so viele kluge, erfolgreiche Frauen auf Lash hereinfallen?

Schwerter, Macheten, Armbrüste

Jede Beziehung erfordert ein gewisses Maß an Flexibilität. Oft sehen wir nur, was wir sehen wollen. Finden wohlmeinende Erklärungen für alles, was nicht ins Bild passt. Wir rechtfertigen das Schlechte und konzentrieren uns auf das Gute. Wenn Lyons heute über Lash spricht, schildert sie genau diesen Zwiespalt: "Er strebte nach spiritueller Erleuchtung und gab die klügsten Dinge von sich. Aber zugleich drehte sich alles bei ihm um Mord und Totschlag. Das machte mir Angst." Sie muss heute oft an die Parabel von dem Frosch denken, der in einen Topf mit kaltem Wasser gesetzt wird, das langsam erhitzt wird, bis es kocht. Der Frosch merkt erst, in welcher Gefahr er sich befindet, als es schon zu spät ist.

"Ich war der Frosch", sagt Lyons.

Einen Monat nach dem Leichenfund konnte Sharpe für die "Palisadian Post" exklusiv Nebrons und Gorins Wohnung besichtigen. Die Gegenstände, die die Polizei sichergestellt hatte, reichten von Scharfschützengewehren mit militärischen Zielfernrohren bis zu einem Buch mit dem Titel "Was Frauen wollen". Es wurden 50.000 CDs und rund 1000 "Palm Pilot"-Hand-Computer beschlagnahmt. Außerdem: mittelalterliche Schwerter, Macheten, Armbrüste, Laptops, Harry-Potter-Bücher, DVD-Spieler, Kameras, Sportkleidung und Schuhe. Das meiste war noch original verpackt. Die Küche war fast komplett voll mit Gewehren und Schrotflinten.

Verlässt man Pacific Palisades Richtung Westen, kommt man nach Malibu. Der Ort war die Kulisse für Lashs letztes Gefecht.

Als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte und seine Beziehungen zu Nebron, Gorin und Lyons immer komplizierter wurden, zog es ihn zu neuen Ufern. Im Jahr 2012 begann er eine Beziehung mit der Akkupunkteurin Jocelyn Eberstein. Er verließ nun regelmäßig für mehrere Tage die Wohnung in Pacific Palisades. Ebersteins Apartment in Malibu war zu seinem Zweitwohnsitz geworden.

Auch dort gab er sich als Geheimagent aus. Ebersteins Vermieter fragte er eines Morgens aufgeregt: "Hast du die Schießerei gestern Abend gehört?" Niemand hatte irgendetwas mitbekommen oder die Polizei benachrichtigt. "Genau hier", sagte Lash und deutete an, dass sich bewaffnete Männer auf der Straße eine Schlacht geliefert hätten.

Ein andermal verursachte er einen Unfall. "Das können wir nicht über die Versicherung laufen lassen", erklärte Lash den Besitzern der anderen beteiligten Autos. "Sonst verliere ich meinen Sicherheitsstatus."

Ausgeprägte Psychose

Obwohl seine Krankheit weiter fortschritt, jonglierte er mit vier Beziehungen gleichzeitig. "Ich halte ihn für einen verdammt guten Schwindler", sagt Dawn VadBunker. "Für mich hat er mehr Charisma als zehn Donald Trumps zusammen." Offenbar besaß er auch die Fähigkeit, seine ältesten Freunde und Bekannte permanent zu verwirren und zu verunsichern. "Vielleicht war er tatsächlich an Verteidigungseinsätzen beteiligt", sagt seine Ziehmutter Shirley Anderson. "Die Regierung verrät einem nicht immer alles."

Das wahrscheinlichste Szenario ist auch das einfachste. Lash arbeitete nicht für die Regierung. Er starb mit 60 Jahren eines natürlichen Todes. Seine Leiche war zum Zeitpunkt der Obduktion jedoch schon so verwest, dass sich nicht mehr eindeutig feststellen ließ, woran er in seinen letzten Lebensjahren litt.

In bestimmten Fällen können Krankheiten wie Krebs oder das Nervenleiden ALS psychotische Schübe und Halluzinationen auslösen. Doch Lashs manipulatives Verhalten zog sich über so viele Jahre hin und schien so kalkuliert, dass diese Erklärung zu kurz greift. Der Neuropsychologe Kevin J. Fleming hält es für möglich, dass Lash gleich an einer Reihe von Persönlichkeitsstörungen litt. Das Spektrum reicht von Narzissmus oder Soziopathie bis zu einer ausgeprägten Psychose.

Dawn Usher lebt in Malibu in einem großzügigen Appartement mit Blick auf den Pazifik, ganz in der Nähe von Ebersteins Wohnung. "Ja, ich kannte Lash", sagt sie. Sie ist blond, attraktiv und gesprächig. "Ich habe wahrscheinlich mehr mit ihm geredet als alle anderen in der Nachbarschaft."

"Außerkörperliche" Erfahrung

Lash hatte sie eines Tages angesprochen, er erschien ihr als charmant, intelligent, zugewandt. Usher war fasziniert. Die beiden verband eine Leidenschaft für Autos und das Interesse an spirituellen Fragen. Ihm konnte sie ihren Kummer mit Männern anvertrauen. Sie sprachen darüber, wie grundsätzlich schwierig Beziehungen sind. Ja, er sei ein Geheimagent, hatte er ihr erzählt. Nein, mehr könne er ihr nicht darüber sagen. Einige Jahre zuvor habe er eine "außerkörperliche" Erfahrung gehabt. Er sei ins Weltall gereist und habe das Licht Gottes gesehen. Das habe ihn nachhaltig geprägt und zu der Person gemacht, die er heute sei. Ob sie verstehe, wovon er spreche? Er hakte nach, hörte zu, hakte weiter nach. Er verriet Usher, dass er sich manchmal frage, ob er ein Außerirdischer sei. Er wäre sich nicht sicher. Konnte irgendjemand sicher sein? Was sie dazu meinte?

Doch bevor Usher in seine Falle tappte, starb Lash. Für Michelle Lyons und viele andere Opfer war es schon zu spät.

Lash hatte ihnen ihr Leben gestohlen.

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Aus dem Amerikanischen von Anuschka Tomat