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Der Fall Kalinka: Ein Mädchenmord und ein Vater, der Gerechtigkeit sucht

Der Mordverdächtige wurde entführt, Körperteile des Opfers sind verschwunden - und die Justiz streitet. Der Prozess im Fall der 14-jährigen Kalinika Bamberski wird nun endlich wieder aufgerollt. Noch immer ist nicht klar, wer das Mädchen vor fast drei Jahrzehnten vergewaltigt und getötet hat. Doch die Beweislage ist erdrückend.

Fast drei Jahrzehnte nach dem Tod seiner Tochter trifft der Franzose André Bamberski ihren mutmaßlichen Mörder vor Gericht: Der deutsche Arzt Dieter K. steht unter Verdacht, das damals 14 Jahre alte Mädchen vergewaltigt und getötet zu haben. "Ich hoffe auf einen gerechten Prozess, in Andenken an Kalinka", sagte Bamberski der Nachrichtenagentur DPA vor dem Prozess, der am Dienstag in Paris beginnt.

"Ich denke jeden Tag an meine Tochter", fügte er mit belegter Stimme hinzu. Der 75-Jährige hat jahrelang all seine Energie darauf verwendet, Dieter K. vor Gericht zu zerren. Am Ende hat er ihn sogar mit Hilfe eines muskulösen Kosovaren gewaltsam entführen lassen.

Ohne diese Straftat, für die Bamberski sich demnächst auch vor Gericht verantworten muss, wäre es vermutlich nicht zu dem Prozess gekommen. Der Fall Kalinka hat zu heftigem diplomatischem Gezerre zwischen Frankreich und Deutschland geführt. Bamberski wirft der deutschen Justiz vor, Dieter K. jahrelang geschützt zu haben. "Sie war wie mit Blindheit geschlagen", meinte er.

In Abwesenheit verurteilt - aber nie ausgeliefert

Schließlich war der Arzt bereits 1995 in Abwesenheit in Paris zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Er wurde aber nie ausgeliefert, da die deutsche Justiz eigene Ermittlungen angestellt und den Fall zu den Akten gelegt hatte. Sollten sich in dem nun neu aufgerollten Verfahren die schlimmen Vorwürfe bestätigen, würfe das kein gutes Licht auf die deutsche Justiz.

Manche sahen in Bamberski lediglich einen verlassenen Ehemann, der aus Eifersucht den Mann verfolgte, der ihm Frau und Tochter weggenommen hatte. Seine Frau Danielle hatte ihn für den charmanten Arzt verlassen und war mit der Tochter Kalinka zu ihm an den Bodensee gezogen. Eines Morgens lag Kalinka tot im Bett.

Details, die den schlimmen Verdacht stützen

Viele Details scheinen die Vorwürfe Bamberskis zu stützen: Kalinka hatte Einstiche im Arm. Dieter K. sagte aus, dass er ihr Eisen gegen Blutarmut gespritzt hatte - woran sie indes gar nicht litt. Bei einer ersten Obduktion fanden sich Blutspuren und eine weißliche Substanz in der Vagina des Mädchens, die auf eine Vergewaltigung hindeuteten - doch dies wurde nicht weiter ausgewertet. Bei einer zweiten Obduktion stellte sich heraus, dass die Geschlechtsteile des Mädchens gänzlich fehlten. Dieter K. soll möglicherweise selbst bei der ersten Obduktion dabei gewesen sein.

Hinzu kommen mehrere Fälle, in denen junge Frauen Dieter K. der Vergewaltigung beschuldigten. Dabei soll er auch mehrfach Spritzen gesetzt haben, um seine Opfer willenlos zu machen. In einem Fall wurde Dieter K. zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Er hatte vor Gericht betont, dass die 16-Jährige einverstanden gewesen sei. Nach einer weiteren Zeugenaussage hatte der Arzt sogar seiner eigenen Frau eine Spritze mit einem Schlafmittel verabreicht, um ungestört mit einer minderjährigen Geliebten Sex zu haben.

Wie der Prozess verläuft, hängt wohl auch von Kalinkas Mutter ab. Danielle Gonnin hatte sich bereits 1989 von Dieter K., getrennt, bislang aber immer zu seinen Gunsten ausgesagt und ihn als vorbildlichen Stiefvater dargestellt. Nun will sie als Nebenklägerin auftreten. Möglicherweise hat sie Dinge zu erzählen, die sie lange verdrängt hat.

ukl/DPA / DPA