HOME

Der Fall Marco W.: "Pommes und Steak wären gut"

Erstmals hat der inhaftierte Marco W. seine Sicht der verhängnisvollen Nacht erzählt. Demnach hat ihn die 13-jährige Charlotte angemacht - und war enttäuscht, dass es nicht zu mehr gekommen ist. Der Schüler berichtet auch von den langen Tagen im Knast und dem schlechten Essen.

Der in der Türkei inhaftierte deutsche Schüler Marco W. hat in einem Interview mit der Zeitung "Hürriyet" seine Unschuld beteuert. Er forderte die 13 Jahre alte Charlotte aus Großbritannien, die ihn des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, auf, die Wahrheit zu sagen und ihre Anzeige zurückzuziehen. Der Schüler aus Uelzen sitzt seit zehn Wochen im Gefängnis. Für seine Freilassung setzen sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff ein. Der Schüler betonte, er werde in der Haft nicht misshandelt und müsse auch nicht hungern. Marco W. sagte der Zeitung (Dienstagausgabe), er habe Charlotte in einer Discothek kennengelernt. Einen Tag später hätten sie sich zusammen am Strand gesonnt. Am dritten Abend habe sie ihn in ihr Zimmer eingeladen.

Verhaftung erst zwei Tage nach der bewussten Nacht

Dort kam es seinen Worten zufolge zu sexuellen Kontakten, allerdings hätten sie keinen Geschlechtsverkehr gehabt. Das Mädchen habe verärgert ausgesehen, als er das Zimmer verlassen habe, "weil sie mehr von mir erwartete". Beim Frühstück einen Tag später habe sie ihn merkwürdig angesehen. Einen weiteren Tag später sei die Polizei gekommen und habe ihm von der Anzeige berichtet. Mit seinen Eltern sei er in das Büro des Staatsanwalts gegangen, um eine Aussage zu machen, sagte Marco W. weiter. Dann sei er einem Gericht vorgeführt und verhaftet worden. "Ich war geschockt, als die Polizei mir sagte, dass sie erst 13 ist", erklärte der Schüler.

"Wenn ich gewusst hätte, dass sie 13 ist, wären wir nicht so weit gegangen." Er wünsche sich nur, dass die Wahrheit ans Licht komme und das Verfahren eingestellt werde. "Ich bin kein Krimineller. Ich bin ein Mitglied des Technischen Hilfswerks." Seine Tage im Gefängnis von Antalya beschreibt Marco W. als "unendlich lang". Andere Deutsche gebe es unter seinen 30 Mitgefangenen nicht, aber ein Mann aus dem Kosovo spreche Deutsch.

Keine Schläge oder Misshandlungen in der Haft

Er sei in Haft nicht Opfer von Gewalt oder Misshandlungen geworden. Auch das Essen sei gut. Allerdings wäre es nicht schlecht, wenn es auch einmal "Pommes und Steak" geben würde, sagte der Schüler. Seine Familie dürfe er immer donnerstags für zehn Minuten sehen. Er habe sich zwar nicht über die Haftbedingungen beschwert, habe seinen Eltern aber erzählt, wie schwierig es sei, mit so vielen Leuten einen Saal, eine Dusche und eine Toilette zu teilen, sagte er dem Blatt.

Gut sei, dass es einen Innenhof gebe, der von morgens sieben bis abends acht Uhr geöffnet sei. Allerdings sei es in Antalya im Moment so heiß, dass man keine Lust habe hinauszugehen. Sie könnten aber duschen, wann immer sie wollten. Eine angebotene Verlegung in ein neues Gefängnis habe er abgelehnt. Im jetzigen Gefängnissaal habe er Freundschaften geschlossen. "Es gibt keinen anderen Deutschen, aber einen aus dem Kosovo, der Deutsch kann."

Anwalt: Eltern geht es schlecht

Der deutsche Rechtsanwalt des 17-Jährigen bewertet den positiven Bericht über Haftbedingungen und Zustand seines Mandanten skeptisch. "Nachdem das Gefängnis als sehr schlecht beschrieben wurde, habe ich den ganz stillen Verdacht, dass nun die Zustände besser gemacht werden sollen als sie sind", sagte Jürgen Schmidt in Uelzen. Für die Eltern sei das Interview ihres Sohnes Marco mit der "Hürriyet" keine Beruhigung. Beiden Elternteilen gehe es nach wie vor sehr schlecht.

"Wir hoffen, dass die Appelle der Politiker zur Freilassung des Jungen etwas bewirken", sagte der Rechtsanwalt. Wichtig sei, dass die 13-jährige Britin zur Aussage vor Gericht in die Türkei reist. Sonst könne "alles sehr lange dauern". Kontakt zur Gegenseite in Großbritannien habe er bislang nicht.

Die Eltern wollen dem Anwalt zufolge vorerst nicht mehr öffentlich auftreten oder Interviews geben. "Das verkraften die nicht, das können die einfach nicht", sagte Schmidt.

Es war bereits der neunte Türkei-Urlaub

Marco W. verbrachte nach eigenen Angaben zum neunten Mal mit seinen Eltern und seinem 20 Jahre alten Bruder den Urlaub in Antalya. Die Familie wähle den Ort immer wieder aus, weil das Klima dort gut für seine Hauterkrankung sei, sagte er.

Der Spendenaufruf für die Unterstützung des in der Türkei inhaftierten Marco W. findet regen Zuspruch. Rund 10.000 Euro hatten seine Freunde vom Technischen Hilfswerk bis Montagnachmittag gesammelt, wie Patrick Friede am Dienstag in Uelzen berichtete. Inzwischen haben sich nach seinen Angaben auch in anderen Städten Menschen bereit erklärt, für den 17-jährigen Schüler zu sammeln, so in Berlin, Stuttgart und Cottbus. Friede zeigte sich erschüttert über das aktuelle Aussehen seines Freundes: "Wenn ich mir das Foto in der "Bild"-Zeitung ansehe, weiß ich, dass es ihm nicht gut gehen kann. Ich kenne einen anderen Marco", sagte Friede. Der 17-Jährige ist nach diesen Angaben seit sechs Jahren beim THW. Die "Bild"-Zeitung hatte in ihrer Dienstagausgabe einen Auszug aus einem Interview mit der türkischen Zeitung "Hürriyet" nachgedruckt und veröffentlichte darin auch zwei aktuelle Fotos des Jugendlichen.

AP/DPA / AP / DPA