HOME

Der Fall Marco W.: Bundesregierung mischt sich ein

Die Bundesregierung und das EU-Parlament wollen Marco W. unterstützen. Der wegen Missbrauchs angeklagte Siebzehnjährige sitzt seit sieben Monaten in einem türkischen Gefängnis. Sie bemühe sich um eine Beschleunigung des Verfahrens, so Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Bundesregierung bemüht sich im Fall des in der Türkei angeklagten Marco um eine Beschleunigung des Verfahrens. "Wir werden tun, was dem Jungen nützt", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Nachrichtensender n-tv. Dies solle aber im Interesse des jungen Mannes nicht mit großen politischen Diskussionen verbunden werden. Denn öffentlich bewerten wolle die Regierung das Vorgehen der türkischen Justiz nicht, sagte eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums.

Gleiches gilt für das Europäische Parlament, das sich ebenfalls eingeschaltet hat. Der Präsident des Parlaments, Hans-Gert Pöttering, telefonierte auf Wunsch der Fraktionschefs mit EU- Erweiterungskommissar Olli Rehn. Pöttering habe seine Besorgnis über die menschliche Dimension des Falls zum Ausdruck gebracht, sagte seine Sprecherin.

Prozess erneut vertagt

Der 17-jährige Marco aus Niedersachsen ist angeklagt, die 13- jährige Britin Charlotte in den Osterferien in der Türkei sexuell missbraucht zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe. Der Prozess gegen ihn war am vergangenen Dienstag erneut vertagt worden. Der Schüler aus Uelzen sitzt bereits seit mehr als sieben Monaten in türkischer Untersuchungshaft.

Sollten Marcos Anwälte wegen des schleppenden Prozesses in Antalya eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einreichen, will das Justizministerium nach eigenen Angaben prüfen, ob die Bundesregierung dem Verfahren beitritt.

Warten auf Charlottes Aussage

"Jede Unterstützung ist sinnvoll. Jetzt öffentlich darüber zu diskutieren, ist der Sache aber nicht dienlich", sagte Marcos Anwalt Michael Nagel in Hannover. Bisher hatte die Verteidigung vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nur eine Beschwerde gegen Marcos andauernde Untersuchungshaft angekündigt. Zwei Haftbeschwerden hat das Gericht in Antalya bereits abgeschmettert. Indes liegt Charlottes Aussage Marcos Richtern immer noch nicht offiziell vor. Eine Sprecherin von EU-Erweiterungsko

mmissar Rehn erklärte: "Die Kommission verfolgt die humanitäre Seite dieses Falles genau." Auch sie wollte die bilaterale Angelegenheit zwischen Deutschland und der Türkei nicht öffentlich kommentieren.

Experte verteidigt türkische Justiz

"Unterdessen verteidigte der Stuttgarter Rechtswissenschaftler Christian Rumpf das Vorgehen des türkischen Gerichts in Antalya. "Ich erkenne derzeit noch keine offensichtlichen Verstöße gegen rechtsstaatliche Prinzipien", sagte der Experte im stern.de.Interview. Auch offensichtliche Verstöße gegen die Menschenrechtskonvention sehe er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Rumpf rechnet aber damit, dass Marco nach der nächsten Verhandlung am 14. Dezember aus der Untersuchungshaft entlassen wird.

Dem Schüler drohen bei einer Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs in einem einfachen Fall bis zu fünf Jahre und vier Monate Haft.

DPA / DPA