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Der Fall Mollath: Alles auf Anfang

Jahrelang kämpfte Gustl Mollath um seine Freilassung aus der Psychiatrie. Nun hat er es geschafft. Ein Gericht hat die Wiederaufnahme des Verfahrens angeordnet. Alles auf Anfang - kann das klappen?

Von Lisa Rokahr

Gustl Mollath kommt frei. Das Oberlandesgericht Nürnberg verfügt die Wiederaufnahme des spektakulären Falls. Seit sieben Jahren sitzt Mollath in der Psychiatrie. Sieben Jahre, in denen er trotz aller Umstände bei seiner Meinung blieb. Sieben Jahre, in denen ihm Gutachter konsequent bescheinigten, verrückt zu sein.

Jetzt also eine erneute Hauptverhandlung. Der Fall muss komplett neu aufgerollt werden. Aber geht das noch? Die Positionen von Gutachtern, Juristen, Anhängern und auch Mollath selbst sind längst festgefahren. Auf die Richter des Landgerichts Regensburg wartet eine schwierige Aufgabe.

Die Causa hat sich vom Einzelfall zur gesellschaftlichen Debatte entwickelt. Und darin geht es längst nicht mehr vorrangig um die Körperverletzung, die Mollath 2001 seiner Frau zugefügt haben soll. Stattdessen klingt jetzt eine Urangst mit: Drangsalierung durch den Staat, Zweifel am Rechtsstaat. Kaum jemand, der keine Meinung zu Mollath hat und sie nicht auch kundtut.

Die Politiker

Der Fall Mollath hat sich vom Justizskandal zum Politikum entwickelt. Längst erfordert er eine parteipolitische Positionierung, nicht nur in Bayern, wo Mollath in die Psychiatrie verbannt wurde. Beate Merk, Bayerns Justizministerin, ist nicht die einzige Politikerin, die sich mit Mollath beschäftigt, und bei der man nicht sicher sein kann, ob die Frage nach dem Wahn der Wahrheitsfindung oder dem Wahlkampf dienen soll. Noch im vergangenen November erklärte sie Mollath mit zusammengekniffenen Lippen zum gemeingefährlichen Irren: "Er sitzt in der Psychiatrie, weil er gefährlich ist." Die Entrüstung war groß, der Umschwung folgte bald: Plötzlich nannte sie seine Unterbringung fragwürdig, wollte für seine Freilassung kämpfen. Es ist Wahlkampf und Merk mitten drin.

Die Anhänger

Mollaths Anhänger nahmen Merk den Sinneswandel nicht ab. Sie scharen sich aus ganz eigenen Motiven um ihn. Viele Zukurzgekommene sind darunter, Missverstandene, die ihren eigenen Kleinkrieg führen mit Behörden und dem Rechtssystem. Mollaths Schicksal dient ihnen als Folie für ihre eigenen Anliegen. Sie sehen in ihm mehr als nur ein Opfer unglücklicher Umstände, sie sehen einen Helden ihrer eigenen Probleme. Bundesweit findet der Fall Beachtung, sogar Prominente wie Sängerin Nina Hagen oder Autorin Amelie Fried setzen sich für ihn ein. Nicht immer sind die Unterstützer tatsächlich eine Unterstützung für Mollath. Einige Verschwörungstheoretiker sind unter ihnen, sie drängen Mollath in eine Ecke, aus der er doch eigentlich raus möchte. Denn er will eine unabhängige Beurteilung. Und die gilt für alle Seiten.

Die Gutachter

Druck übten seine Anhänger auch auf die Ärzte aus. Ein Gutachter verweigerte kürzlich eine neue Untersuchung, aus Angst vor Mollaths Unterstützern, die ihn "in übelster Weise als Verbrecher beschimpfen". Auch in einer neuen Verhandlung könnten die Richter wieder eine Begutachtung anordnen. Jeder neue Psychiater müsste sich vermutlich entweder als Vollstrecker des Systems oder als Nestbeschmutzer beschimpfen lassen. Würde überhaupt jemand wagen, anzudeuten, dass sich seine Kollegen vor ihm geirrt haben könnten? Koryphäen der Branche nannten Mollath gemeingefährlich. Aber gewalttätig wurde Mollath in all der Zeit nie. Wie objektiv kann ein Untersuchung vor diesem Hintergrund überhaupt sein?

Die Medien

Selbst als seriös geltende Medien können sich der Faszination des Falles nicht entziehen. Sie stilisieren Mollath entweder zum Irren oder zum Helden. Der Fall polarisiert, und die Medien beziehen Stellung, um die Verfechter anzuziehen, die Zweifler abstoßen, oder umgekehrt. Meinungsmacht - ganz nah an Meinungsmache. Können die Blätter überhaupt von ihrer Position abrücken, oder sind sie längst Verteidiger in einem öffentlichen Prozess? Denn was bleibt von Mollath, wenn man alles Pathos, alle Überhöhungen wegnimmt?

Mollath selbst

Inzwischen steht fest, dass sich viele Hinweise von ihm als zutreffend herausgestellt haben. Wenn der Wahn nun womöglich Wahrheit ist, schrumpft Mollaths Krankenbild dann zur Rechthaberei? Er selbst sagte einmal: "Wenn etwas für mich nicht hinnehmbar ist, dann muss ich mich entscheiden: Schlucke ich das jetzt weg, oder sage ich etwas? Und ich sage etwas. Das hat Folgen, aber ich kann nicht schweigen." Ein Aufrechter, ein Gesinnungstäter, so sieht er sich. Nicht wenige haben ihm sein stures Verhalten als Verrücktheit ausgelegt.

Schon einmal trat er vor Gericht auf, wollte sich als der Friedfertige in einem Rosenkrieg präsentieren. Es misslang. "Als der IRAK jetzt gebombt wurde, habe ich meine Kommunionskerze raus geholt" stand in einer seiner Erklärungen. "My Lai, US-Soldaten verüben ein Massaker, 507 Dorfbewohner, 173 Kinder, 76 Babys und 60 Greise werden ermordet." Zurück blieb nicht das Bild eines Pazifisten, sondern eines Verwirrten. Wird er diesen Eindruck von sich in der nächsten Verhandlung verblassen lassen können?

Bei einer Wiederaufnahme gilt das Verschlechterungsverbot. Reformatio in peius. Im letzten Prozess wurde Mollath freigesprochen. Das heißt: Selbst wenn die neue Kammer zur Überzeugung käme, Mollath habe sich der Taten schuldig gemacht, müsste sie ihn etwa vom Vorwurf der Körperverletzung freisprechen.

Vor Jahren, damals schon in der Psychiatrie, sagte Mollath einmal zu seinem Freund Gerhard Dörner: "Der erste Schritt ist die mediale Aufmerksamkeit. Der zweite die Wiederaufnahme. Der dritte Schritt die Rehabilitation. Der letzte ist die Wiedergutmachung." Mollath hat es weit gebracht, aber der Weg ist noch weit.