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Der Fall Rene S. Lebenslänglich für den Elternmörder


Rene S. hat seine Eltern getötet. Um aus einer lebenslangen Gefangenschaft auszubrechen, sagt der Verteidiger. In der Tat war das Leben des 28-Jährigen eine Tortur. Er bekam dennoch lebenslänglich.
Von Uta Eisenhardt, Potsdam

Plötzlich waren sie weg - die täglichen Geräusche vom Grundstück der Familie S. Die Schuppentür klapperte nicht mehr, das Gartentor ward nicht mehr verschlossen, die Straße nicht mehr gefegt. Mit den Geräuschen fehlte auch das Ehepaar S. Nicht, dass man Sabine und Detlef S. aus dem brandenburgischen Rathenow besonders gemocht hätte: Fast alle Nachbarn hatten den Kontakt zu dem Paar, das gern mal die Polizei holte, auf ein Minimum beschränkt. Aber diese wochenlange Abwesenheit von zwei Menschen, die nie verreisten - da konnte etwas nicht stimmen.

Die Nachbarn behielten Recht: Als sie die Polizei alarmierten, waren die 61-jährige Frau und der 68-jährige Mann bereits seit vier Wochen tot, erstochen und erschlagen vom eigenen Sohn. Der hatte nach seinen Taten die Körper der Toten zersägt, den des Vaters mitsamt Armbanduhr verbrannt, den der Mutter in Folie verpackt und in zwei Fässern deponiert.

"Schlimm" und "eiskalt"

Seit Januar verhandelte das Landgericht Potsdam gegen den geständigen 28-Jährigen. Doch wie soll man einen bestrafen, der in einer Familie aufwachsen musste, deren Atmosphäre der psychiatrische Gutachter als "schlimm" und "eiskalt" beschreibt? Einen, der mit seiner Tat anscheinend aus einer lebenslangen Gefangenschaft ausbrechen wollte? Mit neun Jahren Haft, schlug Verteidiger Jürgen Schindler-Clausner vor: Er bewertete das Geschehen als zweifachen Totschlag im minderschweren Fall. Lebenslange Haft dagegen forderte Staatsanwalt Gerd Heininger für den Totschlag am Vater und den Mord an der Mutter.

Auch die Richter entschieden heute auf eine lebenslange Freiheitsstrafe. Stundenlang hatten sie hinter verschlossenen Türen über Mord und Totschlag diskutiert. "Man muss das Urteil nicht unbedingt als zufriedenstellend bezeichnen", sagte der Vorsitzende Richter Frank Tiemann. Aber man könne beide Taten nur als heimtückisch und damit als Mord einstufen.

Gefasst nahm der schmächtige, rotblonde Angeklagte diese Entscheidung auf, mit der ihm eigenen Reglosigkeit, über die sich seine Mitmenschen wundern, die aber verständlich ist, wenn man die Umstände kennt, unter denen er aufwuchs.

Paranoid-schizoide Familie

Im April 1982 wurde Rene S. mit missgebildeten Füßen geboren. Die ehrgeizige Mutter muss sich daran schuldig gefühlt und den Sohn darum überbehütet haben, glaubt der psychiatrische Gutachter Alexander Böhle. Bis zur Einschulung blieb die studierte Chemikerin mit dem Jungen zu Hause. Der spielte nie mit anderen Kindern. Er besuchte keinen Schulhort, die Unterrichtspausen verbrachte er stets allein. Verspätete sich der Fahrdienst, der ihn von der Schule nach Hause brachte, mal um Minuten, riefen die besorgten Eltern schon an. Der Junge lebte zeit seines jungen Lebens wie eingesperrt - so schilderten es alle Zeugen, die ihn und seine Eltern gekannt haben.

Immer blieben die drei S. unter sich: Mit den Nachbarn hatte man sich weitgehend verstritten, genauso mit den wenigen Verwandten. Der Psychiater bezeichnete diese paranoid-schizoide Familie als "Typ Festung": Das Familienleben spielte sich zumeist im verschlossenen Haus ab. Von der Außenwelt muss sich das Trio bedroht gefühlt haben, um so stärker, als Vater und Mutter nach der Wende ihre Arbeit verloren. Sie waren tief enttäuscht von der neuen Gesellschaftsordnung, auf die sie permanent schimpften. "Die Eltern wirkten wie Senioren, die das Arbeitsleben hinter sich gelassen hatten, wie die Großeltern ihres Sohnes, sehr gesetzt“, so empfand es ein Zeuge.

Es gab viele Merkwürdigkeiten in dieser Familie. Für sich allein genommen waren die nicht bedeutsam - erst in der Summe erschrecken sie. Da war das Baby, das im Garten verlassen unterm Pflaumenbaum stand: "Die Mütter der Umgebung sind fast ausgerastet, als Rene im Kinderwagen lag und stundenlang schrie", erinnert sich ein Nachbar.

Da war das sommerliche Grillen, bei dem der Vater das Fleisch im Garten briet. War es fertig, verspeiste man es nicht etwa im Freien, sondern im Haus, in dem sich die Familie förmlich verschanzte. Da war das tägliche Ritual an der Gartenpforte, die der Senior morgens und abends für seinen Sohn aufsperrte und wieder verschloss. Minuten bevor der Student nach Hause kommen musste, habe der Vater am Gartenzaun Ausschau nach ihm gehalten, beschreibt ein Nachbar die Szene: "Der Vater schloss das Tor auf. Der Sohn schaute den Vater beim Hereinlassen gar nicht an, er ging wortlos an ihm vorbei."

Die letzte Chance auf ein eigenes Leben

Ohnehin sei wenig in der Familie gesprochen worden, man lebte nebeneinander her, berichtet der Angeklagte. Die Rathenower sagen, schon der Vater sei ein Einzelgänger gewesen, der von Mutter und Oma vom Leben fern gehalten wurde. Die Mütter seien es dann gewesen, welche die Beziehung zwischen dem introvertierten Lagerarbeiter und der dominanten Chemikerin arrangiert hätten. Sabine Sch. sei ihrem Mann intellektuell überlegen gewesen. Sie wurde auch als zänkisch beschrieben, eine Frau, die juristische Auseinandersetzungen nicht scheute.

In der Familie habe sie das Sagen gehabt. "Dann der Sohn, dann eine Weile nichts, dann erst kam der Detlef", erinnert sich ein früherer Spielkamerad des Vaters. Streit habe man von der Familie nicht mitbekommen. Wie auch. "Streit heißt es ja, wenn beide etwas sagen", meint der Angeklagte. So in etwa muss auch die Wahl des Studienfaches abgelaufen sein: Auf Wunsch der Mutter sollte es Jura sein. 17 Semester quälte sich der Sohn mit diesem Studium.

Einem Händler, der dem Angeklagten zehn Jahre lang Computer-Teile verkauft hatte, fiel auf, wie bedrückt sein Kunde war. "Er kam immer mit einem schweren Rucksack zu mir. Wenn er den abnahm, hatte man das Gefühl, er hat den immer noch auf." Nur als er 2004 / 2005 einen LKW-Führerschein gemacht und kurzzeitig für eine Spedition gearbeitet hatte, veränderte sich Rene S.: "Er wirkte offener, hatte strahlendere Augen, einen festen Händedruck und war besser gekleidet. Irgendwann wirkte er wieder so bedrückt wie vor dem Lastwagenfahren." Da hatte die Mutter ihrem Sohn geraten, sich wieder mehr auf das Studium zu konzentrieren.

Gescheiterter Selbstmordversuch

Im Januar 2009 erfand Rene S. ein bestandenes Staatsexamen. Die Lüge brachte ihn noch mehr in Bedrängnis. Ein gescheiterter Selbstmordversuch holte zehn Monate später zwar die Wahrheit ans Licht, nun aber wurde es noch kühler in der ohnehin frostigen Familienatmosphäre: Feste wurden monatelang nicht mehr gefeiert, der Sohn stattdessen noch mehr kontrolliert: "Ich würde es nicht mit 'Big Brother' vergleichen", sagt der Angeklagte. "Aber es war immer jemand um mich herum."

Er strebte nun eine Ausbildung zum Finanzwirt an. Er wollte Beamter werden. Seinen Eltern missfiel das, dennoch schickte der Sohn drei Bewerbungen ab. Zwei Absagen hatte er bereits kassiert, als er an jenem Donnerstag im Juni zu einem Bewerbungsgespräch nach Hamburg aufbrechen wollte. "Es war seine letzte Chance, um eine Ausbildung zu bekommen, die ihn aus dieser Familie heraus führt", sagte sein Verteidiger. Doch statt ihm viel Glück zu wünschen, bezeichneten Vater und Mutter sein Vorhaben als "sinnlos" und "Geldverschwendung". Diese Ablehnung ließ bei Rene Sch. die Sicherungen durchbrennen: Mit einem Küchenmesser erstach er den Vater, mit einem Hammer erschlug er die Mutter.

Auch wenn beide Taten nicht geplant waren, auch wenn der Angeklagte von Anfang an geständig war und der psychiatrische Gutachter ihm für die Ermordung des Vaters eine verminderte Schuldfähigkeit zugestand, muss er mindestens 15 Jahre im Gefängnis verbringen. Rene Sch., dem der Psychiater eine schizoid-zwanghaft Persönlichkeitsstörung attestierte, will sich um eine Therapie bemühen. Möglicherweise wird er sogar ein Studium absolvieren. Es wird ganz sicher nicht Jura sein und auch nicht Medizin, denn Blut, so der Angeklagte, könne er seit diesen Taten nicht mehr sehen.


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