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Der Fall Serkan A.: Eine klassische Karriere

Der Überfall auf einen pensionierten Lehrer in Münchens U-Bahn schockierte durch hemmungslose Brutalität. Die Geschichte des türkischen Täters, bei dem alle Versuche der Jugendhilfe scheiterten, verweist auf ein deutsches Problem. Was tun mit jungen Gewalttätern?

Von Rupp Doinet, Markus Götting und Martin Knobbe

Drei Zimmer, Küche, Bad im Münchner Stadtteil Harthof, dem sogenannten Armenhaus der Stadt. Die Wohnzimmerwände sind rosa gestrichen, im reich verzierten Regal stehen kleine Figuren aus Porzellan. Besucher werden höflich gebeten, ihre Schuhe auszuziehen. Alles sauber wie in einem TV-Spot über glückliche Hausfrauen. Aber die Frau hier am Tisch ist verzweifelt. Am Samstag vor Weihnachten hatte die 62-Jährige im Supermarkt eine Münchner Tageszeitung gekauft und sich von ihrer Tochter übersetzen lassen, was da über zwei junge Männer zu lesen war, die in der U-Bahn-Station Arabellapark einen 76-Jährigen niedergeschlagen und fast zu Tode getreten hatten. "Wie schrecklich", hatte sie gesagt, "was sind das nur für Menschen?" Einer der beiden ist Serkan. Ihr Sohn. Serkan A. ist 20 und in Deutschland geboren, aber türkischer Staatsbürger, und seine Geschichte ist die klassische Biografie eines notorischen jugendlichen Gesetzesbrechers.

Stammgast im Jugendamt und vor Gericht, seine Akte bei der Jugendhilfe ist fast 1000 Seiten dick, sein Strafregister bei der Polizei hat 41 Eintragungen und drei Verurteilungen wegen Raubes, Körperverletzung und Drogendelikten. Zuletzt war er auf Bewährung frei. Serkan wuchs in München in einer aus dem mittelanatolischen Kayseri stammenden Familie auf, die einem orientierungslosen Kind kaum Halt geben kann: der Vater ein gewalttätiger Alkoholiker, die Mutter quasi lebensuntüchtig. Alles hatte man versucht: Heimaufenthalt und therapeutische Angebote, Sozialstunden und Arrest. Aber Jungen wie Serkan, resistent gegen Hilfe, stellen eine Gesellschaft vor die Frage, wie man mit ihnen umgehen soll. Das Überwachungsvideo aus der UBahn-Station ist deshalb so verstörend, weil es alltägliche Gewalt konkret werden lässt. Man sieht, wie Serkan den ersten Schlag führt. Er stürzt sich auf den ahnungslos vor ihm laufenden Mann, schlägt ihn zu Boden, tritt so brachial auf ihn ein, dass er dabei den Schuh verliert; sieht zu, wie sein Komplize den Wehrlosen mit Faustschlägen traktiert, sich von ihm abwendet und Anlauf nimmt, als wollte er einen Strafstoß schießen. Er tritt mit voller Wucht gegen den Kopf. Dann stehlen beide seinen Rucksack, flüchten und lassen ihr Opfer liegen wie ein Stück Abfall. Drei Schädelbrüche diagnostizieren später die Ärzte. Er hat unvorstellbares Glück gehabt.

Mit 13 hat er noch im Bett der Mutter geschlafen, weil er so ängstlich war

Der Anlass für die Gewaltexplosion war banal. Der pensionierte Schuldirektor Bruno N. hatte in der U-Bahn die Männer aufgefordert, ihre Zigaretten auszumachen. Sie beschimpften den alten Mann als "Scheißdeutscher", pöbelten: "Sau du"; bespuckten und bedrohten ihn. Am Arabellapark stieg N. aus, nicht ahnend, dass die beiden ihn verfolgen würden. Drei Tage nach der Tat wurden Serkan A. und der 17-jährige Grieche Spiridon L. gefasst. Das Video vom Arabellapark und die Verbindungsprotokolle eines Handys, das die beiden zuvor geraubt hatten, brachten die Beamten auf die Spur. Es folgte der Haftbefehl wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. In der ersten Vernehmung sagte Spiridon L.: "Selbst schuld, was labert der uns auch so an! Wir waren besoffen." Sie legten ein Geständnis ab, dann fragten sie: "War's das? Können wir jetzt gehen?" Die Münchner Kriminalbeamten waren sprachlos angesichts dieser Kälte. Psychologen sprechen von Affektverflachung. Gewaltforscher Thomas Bliesener von der Uni Kiel sagt: "Diese Jugendlichen tun sich schwer, ihre Gefühle zu beschreiben. Wir wissen nicht, ob es ein Defizit in der Sprache ist oder ein Defizit im Erleben.

Es kann sein, dass sie gewisse Gefühle gar nicht kennen." Es gibt nur mir geht es gut oder mir geht es schlecht. Nichts dazwischen. Psychologe Bliesener: "Sie können deshalb die emotionale Tragweite dessen, was sie da tun, manchmal gar nicht erfassen." Genauso wenig wie die Konsequenzen einer Tat - für ihr Opfer und für sich selbst. In dem rosa Wohnzimmer in München-Harthof, da klingt das alles ganz anders. Serkan, der in der Öffentlichkeit der Brutalität ein Gesicht gibt, ist hier: das Kind, der Sohn, der Bruder. Mit 13 hat er noch im Bett der Mutter geschlafen, weil er so ängstlich war. Er war im Fußballverein Eintracht München, besuchte die Grundschule, die Hauptschule, begann eine kaufmännische Lehre, die er abbrach. Seither lebt er von Zuwendungen seiner Bekannten und Verwandten. Seine Freunde sind hauptsächlich Deutsche, die Lehrer waren Deutsche, er träumt in Deutsch. Die Worte "Scheißdeutscher", so hat die Familie gehört und daran klammert sie sich, habe nicht er gesagt, sondern Spiridon. Und den kannte er doch erst seit drei Wochen.

"Die Schere im Gewaltverhalten zwischen Deutschen und Nichtdeutschen wächst"

Die jüngere Schwester zeigt Serkans früheres Zimmer. Das große blaue Auge über dem breiten Bett hat er gemalt; mavi boncuk - die blaue Perle. Ein türkisches Glückssymbol. Es soll beschützen vor dem "bösen Blick". Serkan hat getrocknete Rosen an die Wand geklebt und ein Gedicht, das er für die Schwester schrieb. In den vergangenen Monaten war er nur selten daheim, er lebte bei seiner Freundin, die er in den ersten Tagen des neuen Jahres angeblich heiraten wollte und mit der er ein zwei Monate altes Kind hat. Das er, so sagt seine Familie, über alles liebt. Vor drei Wochen aber wurde die Mutter mit der Kleinen in einer Mutter-Kind- Einrichtung untergebracht, zu der Männer keinen Zutritt haben. Für Serkan eine unzumutbare Schikane. Doch seine Freundin, von der es heißt, dass sie Drogen nehme, hat bereits zwei Kinder, die bei Verwandten untergebracht sind. An jenem Donnerstag hatten die Behörden erneut einen Antrag abgelehnt, seine Tochter sehen zu dürfen. Serkan war verzweifelt, er fuhr zum Vater, der ihn auf ein paar Runden Bier einlud. Danach zog Serkan mit Spiridon durch die Kneipen. Angetrunken bestiegen sie die U4.

Frust, der benebelte Kopf, diffuse Männlichkeitsvorstellungen - all das hat wohl den Gewaltexzess ausgelöst. Türkische Jugendliche, sagt der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer, haben oft eine Machismo-geprägte Erziehung. Kommt ihnen jemand quer, nehmen sie die Pose des Kämpfers ein. Im Fall Serkan vermutet Pfeiffer: "Sie haben es nicht ertragen können, dass sie in einem öffentlichen Raum von einem älteren Herrn zurechtgewiesen werden. Die Beleidigung und Herabsetzung ihrer Ehre musste beantwortet werden. Mit brutalstem Niederschlagen." Gerade hat Pfeiffer im Münchner Stadtrat die Ergebnisse einer Langzeitstudie vorgestellt. In mehreren Städten waren über Jahre hinweg Tausende von Jugendlichen befragt worden. Das Ergebnis: "Die Schere im Gewaltverhalten zwischen Deutschen und Nichtdeutschen wächst." Besonders deutlich ist der Unterschied bei Mehrfachtätern. Ihr Anteil unter den nichtdeutschen Jugendlichen ist doppelt so hoch wie unter den deutschen. Als Mehrfachtäter gilt, wer mindestens fünfmal in einem Jahr gewalttätig geworden ist. Und in München ist laut Pfeiffer jeder fünfte männliche türkische Jugendliche ein Mehrfachtäter.

"Mein Serkan ist kein schlechter Mensch"

Die Forscher haben eine weitere Beobachtung gemacht: In München ist der Anteil der türkischen Gymnasiasten stark zurückgegangen, von 18,1 Prozent im Jahr 1998 auf 12,6 Prozent im Jahr 2005. In derselben Zeit ist der Anteil türkischer Jugendlicher an der Zahl der Mehrfachtäter um das Doppelte gestiegen. "Wenn die Bildungsintegration sinkt, steigt die Gewalt. Das kann man in München sehr gut sehen", sagt Pfeiffer. Da sitzen sie nun im Wohnzimmer, Kaffee und Gebäck auf dem Tisch: Serkans Mutter mit den Schwestern, 19 und 40 Jahre alt. Sie wollen nicht, dass ihre Vornamen genannt werden; so sehr schämen sie sich. Bei ihnen ist Anwältin Krystina Stelter, die vom Münchner Vormundschaftsgericht vor drei Jahren als Betreuerin für Serkans Mutter eingesetzt worden ist. Krystina Stelter hat Vollmacht über die Konten, betreut die Post der Frau, verhandelt mit Behörden. Es ist nicht ihre Aufgabe, sich auch um Serkan zu kümmern, aber natürlich hat sie oft mit ihm gesprochen. Als "einen introvertierten jungen Mann" beschreibt sie ihn, in seiner Reife zurückgeblieben. "Man kann sich vor ihn hinstellen, ihn schimpfen, und die einzige Reaktion ist, dass er sich schweigend in sich selbst zurückzieht." Das wirke auf den ersten Blick gefühllos, stoisch. Man könnte denken: autistisch.

"Mein Serkan ist kein schlechter Mensch", beharrt die Mutter. Und dann erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, im Mittelpunkt der prügelnde Vater. Wenn Mutter und Töchter von ihm sprechen, werden ihre Augen schmal. Ob er denn nicht reden könne, hat ihn mal die jüngere Tochter gefragt. Ob es immer gleich Prügel sein müssten. Im Jahre 2001 flüchtete die Frau mit den jüngeren Kindern für drei Monate in ein Frauenhaus, im selben Jahr wurde die Ehe geschieden. Der Vater, wegen Körperverletzung und Drogendelikten drei Jahre in Haft, lebt immer noch in München. Knapp entging er einer Abschiebung. Gewalt in der Familie traumatisiert Kinder, vor allem senkt es ihre eigene Hemmschwelle. Wer sein Leben lang mit Schlägen erzogen wurde, hält Prügel für eine geeignete Argumentationshilfe. Kriminologe Pfeiffer sagt, dass Migrantenkinder doppelt so häufig misshandelt werden wie deutsche. "Wir haben auch gefragt, ob die Eltern untereinander prügeln - bei den Türken waren es 27 Prozent, bei den Deutschen waren es sechs."

Gewaltforscher Bliesener sieht vor allem kulturelle Unterschiede als Ursache der Gewalt von jungen Ausländern. In Großfamilien ist Erziehung häufig Sache der Großeltern: "Die Eltern wissen oft gar nicht, wie sie ihre Kinder führen sollen. Es gibt Väter, die fragen: Was habe ich mit der Erziehung meiner Kinder zu tun?" Es ist ein anderes Rollenverständnis. Viele dieser Eltern erwarten, dass Kindergarten und Schule die Kinder auf gleiche Art zurechtweisen, die sie selbst gewohnt sind. Bliesener: "Die fragen: Wie, warum schlagen Sie mein Kind nicht?" Bei jenen, die in Deutschland als Kleinfamilien leben, fehlen die traditionellen Instanzen. "Die Eltern fragen sich oft auch gar nicht, wo ihre Kinder sind, mit wem sie sich rumtreiben", sagt Mit elf wurde Serkan für ein Jahr im evangelischen Kinder- und Jugendzentrum in Augsburg untergebracht, er war die ersten Male auffällig geworden. 1999 wurde Serkans älterer Bruder, damals 20, abgeschoben: Drogen, Körperverletzung, Diebstahl. Zwei Jahre danach, der Vater war kaum aus dem Haus, begann Serkans kriminelle Karriere mit einem Ladendiebstahl.Bliesener, "sie werden mehr und mehr sich selbst überlassen."

Serkan wurde sozial auffällig, ein Mehrfachtäter

Es war nicht seine erste Straftat, aber nun war er 14 und damit strafmündig. "Ich bin", sagt die Mutter, "mit ihm doch früher schon zur Polizei und habe gefragt, was ich da machen soll." Und immer hätten sie gesagt, "da müsste ich keine Angst haben, weil er noch keine 14 Jahre alt sei, und das würde sich dann wohl legen", wenn er strafmündig sei. Es legte sich nicht. Serkan wurde sozial auffällig, ein Mehrfachtäter. Frau A. ist eine liebevolle, aber überforderte Frau. Ämter und Behörden hätten ihnen nicht wirklich geholfen oder helfen wollen -so empfindet es die Familie. Auch das sei typisch, meinen Experten, eine selektive Wahrnehmung. "An dieser Familie waren wir von Anfang an ganz dicht dran, mit allen Hilfsangeboten für die Kinder und insbesondere für die Mutter", sagt Stefanie Krüger, stellvertretende Leiterin des Münchner Jugendamtes: "Auch Serkan hat von frühester Kindheit alle erdenklichen Angebote erhalten." Kinderhort, Erziehungshilfe, Beratung für die Berufsfindung, therapeutische Maßnahmen, selbst eine türkische Beratungsstelle wurde eingeschaltet. "Aber alle Beratungsangebote basieren auf Freiwilligkeit." Serkan hat sich fast immer verweigert.

Das Jugendamt versuchte es mit einem Anti-Aggressionstraining. Serkan hörte nicht auf zu prügeln. Er stahl und raubte, bedrohte und erpresste. Man ließ ihn psychiatrisch begutachten, es wurde erwogen, ihn in die geschlossene Unterbringung einzuweisen. Aber zu jenem Zeitpunkt, mit siebzehneinhalb, war es zu spät. Das Höchstalter für eine erfolgreiche Therapie, sagen Gutachter, liegt bei 16 Jahren. Es hängt alles von der Mitarbeit der Jugendlichen ab - und von der Kooperationsbereitschaft ihrer Eltern. Aber oftmals sind die Eltern hin- und hergerissen zwischen der Einsicht, Hilfe zu benötigen, und der Loyalität ihren Kindern gegenüber. "Natürlich fühlt man in manchen Momenten eine gewisse Ohnmacht"sagt Stefanie Krüger, "Und wenn man sieht, dass es in solche Straftaten eskaliert, geraten wir an unsere Grenzen." Das ist der Punkt, an dem jugendliche Intensivtäter zu Vagabunden der Institutionen werden. Vom Jugendamt werden sie an die Psychiatrie weitergereicht. Dort stellt man womöglich abweichendes Verhalten fest, aber ohne einen ernsthaften klinischen Befund sind auch die Behörden machtlos.

"Wir sind bislang viel zu großzügig mit problematischen Eltern"

Die Jugendlichen werden straffällig und stehen vor Gericht. Und von dort geht es im Rahmen von Sozialstunden und Arresten wieder in den Bereich der Jugendhilfe mit den nächsten Maßnahmen. Eine Endlosschleife, in deren Verlauf Sanktionen ihren Schrecken verlieren und sich ein Abstumpfungsprozess gegenüber therapeutischen Projekten einstellt. Am Ende, sagt eine Münchner Psychiaterin, stehen Fälle wie Serkan: Jugendliche, die sich nicht therapieren lassen und tatsächlich im Knast landen. Und deren kriminelle Karrieren die öffentliche Wahrnehmung prägen. Kriminologe Christian Pfeiffer sagt, in derartigen Fällen helfe nur, frühzeitig einzugreifen und entweder den gewalttätigen Vater oder das Kind aus der Familie zu nehmen. Forscher von der Harvard University hätten herausgefunden, dass die Hirnentwicklung von Kindern massiv leide, wenn sie unter Ängsten aufwachsen. Kinder, die geschlagen werden, leben unter ständiger Angst. Und wenn sich das Gehirn nicht entfaltet und die Emotionen stumpf bleiben, steigt die Gefahr, dass das Kind später selbst gewalttätig wird.

Pfeiffer sagt, wenn die familiäre Gewalt nur in der Kindheit, nicht aber in der Jugendzeit erlebt wird, dann falle das Risiko, in eine kriminelle Dauerkarriere zu verfallen, nur noch halb so hoch aus. "Deshalb müssen wir möglichst früh erkennen, wenn ein Kind zu Hause geschlagen wird. Und deshalb müssen wir mehr Möglichkeiten haben, hart einzugreifen. Wir sind bislang viel zu großzügig mit problematischen Eltern." Er schlägt vor, die Recht der Eltern gesetzlich zu schwächen, indem die Rechte der Kinder gestärkt werden. "Deshalb bin ich dafür, das Recht der Kinder im Grundgesetz festzuschreiben, weil es mehr ist als nur ein Symbol." Um die Integration ausländischer Kinder zu fördern, fordert Pfeiffer harte Reformen. Ihm schwebt ein Modell wie in Kanada vor. Dort werden in Kindergärten 25 Prozent der Plätze für Migranten freigehalten. Er sagt: "Wenn Mehmet mit Friedrich und Michel im Sandkasten spielt, lernt er Deutsch, hat deutsche Freunde, dann wächst er auch in die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft hinein."

Er kennt die Bibel besser als den Koran

Im Wohnzimmer der Familie A. ist der Kaffee schal geworden. Betreuerin Krystina Stelter sagt, dass Serkan wohl ein paar Jahre im Gefängnis verbringen wird. Und wenn es mehr als drei Jahre werden, womit zu rechnen sei, folge auf die Haft automatisch ein Antrag auf Abschiebung. Für ein paar Augenblicke wird es sehr still in der Runde. Dann sagt die ältere Schwester: "Das kann nicht sein." Serkan sei, fühle und denke deutsch, spreche mit seinen Geschwistern Deutsch, kenne die Bibel besser als den Koran. Ein einziges Mal in seinem Leben sei er zwei Wochen lang in der Türkei gewesen. "Was soll er dort?" Die Frage stellt sich für Joachim Herrmann (CSU) nicht. Der bayerische Innenminister spricht von einem "eklatanten Beispiel einer nicht erfolgreichen Integration", und er sagt, es sei seine Aufgabe, die Bevölkerung vor solchen Leuten zu schützen: "Natürlich geht von dem eine Gefahr aus." Er lässt keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit: "Wenn ich die Möglichkeit habe, ihn auszuweisen, dann werde ich ihn ausweisen." Es gehe um Abschreckung, sagt Herrmann.Aber wie abschreckend ist die drohende Ausweisung? Im Fall Serkan hat ja nicht mal das Beispiel des abgeschobenen Bruders Eindruck hinterlassen. Serkans Anwalt Oliver Schmidt von der Münchner Kanzlei Gallus & Kollegen sagt: "Wir haben das Problem in Deutschland, es ist kein türkisches Problem. Also müssen wir es hier lösen."

Innenminister Herrmann geht noch weiter, er will die Höchststrafe für Jugendliche von 10 auf 15 Jahre heraufsetzen. "Bei bestimmten jungen Leuten hilft die ganze Arbeit in der Jugendprävention gar nichts. Da wird nur die klare Sprache härterer Strafen verstanden." Letztlich ist sein Vorstoß nichts anderes als ein Angriff auf die Jugendgerichte, die vor Höchststrafen zurückschrecken - und die implizite Hoffnung, ein größerer Strafrahmen möge im Schnitt zu längerer Strafdauer führen. Kriminologe Pfeiffer, von 2000 bis 2003 für die SPD Justizminister in Niedersachen, hält solche Forderungen für unsinnig. Er sagt: "Wir haben ein gutes Strafrecht, und es wird auch hart angewendet." Jene Ursachen, die zu kriminellen Karrieren junger Türken führen, seien durch Strafvollzug nicht zu ändern: "Die Rückfallquoten nach Jugendarrest liegen bei 71 Prozent, die nach Jugendstrafe sogar bei mehr als 80 Prozent. Also kann niemand erzählen, dass dies ein Modell wäre, das Sicherheit erzeugt." Bei der Münchner Polizei gibt es die sogenannte Proper-Liste. Proper, das steht für "Projekt personenorientierte Ermittlungen und Recherchen". Minderjährige zwischen 8 und 17, die innerhalb von sechs Monaten vier Straftaten (davon mindestens ein Gewaltdelikt) begangen haben, werden auf dieser Liste geführt und von den Behörden genau beobachtet. Zurzeit stehen dort 85 Namen. Die von Serkan und seinem Komplizen Spiridon sind nicht darunter.

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Von:

Markus Götting und Martin Knobbe