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Der Giftmord von Königsbrunn: Der Tod kam durch die Infusion

Der Prozess zum Giftmord in Königsbrunn fördert ein bizarres Familiendrama zu Tage. Die Angeklagte soll den Mord an ihrem Ehemann zusammen mit ihrem Liebhaber begangen haben. Der ebenfalls angeklagte Liebhaber wiederum scheint, wie so viele Männer, selbst ein Opfer seiner Geliebten zu sein.

Von Rupp Doinet

Die Frau am Telefon weint, schluchzt, ruft um Hilfe. Tränen ersticken ihre Stimme. " Der Peter, der Peter", ist immer wieder zu hören, "Herzinfarkt", "bewusstlos". Eine Männerstimme unterbricht den kaum verständlichen Redefluß. "Ruhig, ganz ruhig", sagt der Mann und fragt nach der Anschrift. Wieder Wortfetzen, die von Weinkrämpfen unterbrochen werden. "Königsbrunner Straße" und "angefangen zu reanimieren". "Sind schon unterwegs", sagt der Mann und die Frau sagt "Tschüs".

Vor ein paar Sekunden erst ist die Aufzeichnung dieses Notrufs im Sitzungssaal 101 des Landgerichts Augsburg vorgespielt worden. Die Rettungsleitstelle in Augsburg hatte ihn mitgeschnitten, damals am 17. Januar 2007, 23.25 Uhr, als Tanja Eimesser, 31, ausgebildete Rettungssanitäterin beim Bayerischen Roten Kreuz, den Notarzt rief, weil Peter, 45, ihr Ehemann, einen Herzinfarkt erlitten hätte.

Besser noch als "Tatort"

Tanja Eimesser sitzt nun auf der Anklagebank, beschuldigt des Mordes an ihrem Mann. Gerade hat sie ihrer eigenen Stimme aus dem Lautsprecher zugehört, reglos, mit gefalteten Händen, den Kopf mit den offen getragenen, blonden Haaren gesenkt. Schräg hinter ihr flüstert André Hagemann, 32, ihr ehemaliger Geliebter, mit seinem Anwalt. Auch André Hagemann ist Rettungssanitäter. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, als Tanjas Komplize an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. Es ist sehr still im Saal 101, während ein Justizbeamter den Recorder ausschaltet. Dann beginnt es im Publikum zu rumoren und ein paar Augenblicke lang ist so etwas wie Bewunderung spürbar für die Angeklagte, die sie "die Giftmörderin" nennen. "Was für eine Schauspielerin". "Beim Tatort tät man sich die Finger lecken".

Zwei Kinder, vier Väter

Was damals in jener Januarnacht in einer Doppelhaushälfte in Königsbrunn bei Augsburg geschah, ist für die Ankläger ein "fast perfekter Mord". Im Mittelpunkt: Eine hübsche, schmale, junge Frau, blauäugig und mit blonden Haaren, die zwei nette Kinder hat und einen um 15 Jahre älteren Mann. Von dem Mann lebt sie getrennt, sorgt sich seit einiger Zeit allerdings offenbar sehr um ihn, obwohl er, wie sie verbreitet, Alkoholiker sei.

Immer wieder erzählt sie herum, dass er krank sei, mehr auf sich achten solle, vor allem des Herzens wegen und dass er Angst davor hätte, zum Arzt zu gehen, an extremem Bluthochdruck leide und einer "verschleppten Grippe". Sie hat auch einen Geliebten, den André, mit dem sich sogar ihr Mann so gut versteht, dass sie ein paar Monate lang gemeinsam im Haus des Ehemanns wohnen. Man kennt einander seit langem, von der Wasserwacht her und vom Roten Kreuz, wo sie alle freiwillige Rettungssanitäter waren, ehe sie sich anderen Berufen zuwandten. Zuletzt arbeitete Tanja Eimesser in einem Büro, ihr Mann war Abteilungsleiter in einer Behörde und der Geliebte hat gerade seine Prüfung als Feuerwehrbeamter bestanden.

Die beiden ahnen nicht, dass Tanja sie nur benutzt. Ihr acht Jahre alter Sohn, den Peter, ihr Mann, für sein Kind hält, ist nicht von ihm, sondern das Ergebnis eines One-Night-Stands mit einem dritten Mann. Die dreijährige Tochter, die zu dem Geliebten André Hagemann "Papa" sagt, hat einen Vierten zum Vater.

"Der ist aber schon ziemlich tot"

Es dauerte gerade mal fünf Minuten bis damals, nach dem Hilferuf bei der Rettungsleitstelle, der Notarzt eintraf. Er fand Peter Eimesser leblos auf dem Boden neben der Couch im Wohnzimmer liegend und Tanja, die völlig aufgelöst schien, die immerzu "Peter, Peter, nein, nein, nein " rief und ihm von Peters angeblich schwachem Herzen berichtete. Sie hatte offenbar tatsächlich versucht, ihren Mann zu reanimieren. Alles, was sie in ihrer Ausbildung beim BRK gelernt hatte, hätte sie dabei eingesetzt, sagte sie, darunter auch das in dieser Situation völlig unsinnige Anbringen eines Venenzugangs, womit sie die "Piekser" am rechten Handrücken ihres Mannes erklärte.

"Der ist aber schon ziemlich tot", dachte sich der Notarzt beim Anblick des Bewusstlosen. Er weiß aus langer Erfahrung, wie sich ein Mensch, der einen Herzinfarkt erleidet, im Laufe der Minuten verändert. Später, vor den Augsburger Richtern, sprach er als Zeuge von insgesamt etwa 15 Minuten, die Peter Eimesser unversorgt auf dem Fußboden gelegen haben könnte. Zwar gelang es dem Arzt, den Kreislauf des Ohnmächtigen zu stützen, doch retten konnte er ihn nicht mehr. Peter Eimesser starb nach vier Tagen, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. "Natürlicher Tod" vermerkten die Ärzte des Klinikums, in das er gebracht worden war, auf dem Totenschein.

Narkosemittel im Blut

Der Leichnam wurde dennoch obduziert. Eine Freundin des Verstorbenen hatte bei der Polizei davon gesprochen, dass Peter Eimesser "so nicht" gestorben sein könnte. Doch auch die Leichenöffnung brachte keinen Hinweis auf ein Verbrechen. Bei der Beerdigung trauerten etwa 150 Freunde von der Wasserwacht und dem Augsburger Roten Kreuz mit der schier untröstlichen Gattin. "Wenn Liebe einen Weg zum Himmel fände und Erinnerungen Stufen wären, dann würden wir hinaufsteigen und dich zurückholen", hatte sie über die Traueranzeige in der Zeitung schreiben lassen.

Doch dann meldete sich ein Mitarbeiter des BRK bei der Polizei und erzählte, er hätte André Hagemann ein paar Tage vor dem Tod Peter Eimessers angeblich zur "Auffüllung des Notfallkoffers" die Narkosemittel Dormicum, Ketanest und Hypnomidate überlassen. Nun wurde auch das Blut, das man bei der Obduktion sichergestellt hatte, gezielt nach den Medikamenten untersucht. Das Ergebnis war positiv. Für die Staatsanwaltschaft Augsburg Grund genug, gegen Tanja Eimesser und André Hagemann, Haftbefehl zu beantragen. Das mögliche Motiv für den Mord war schnell gefunden. Peter Eimesser wollte sich scheiden lassen und das Haus verkaufen, das ihm allein gehörte und in dem Tanja mit den Kindern wohnte. Als Witwe hätte sie es geerbt.

Bizarre Zeugen und die "Betriebsschlampe"

90 Zeugen hat das Augsburger Gericht vorgeladen zum "Giftmordprozess" Ein halbes Dutzend ehemalige Liebhaber der Angeklagten sind darunter, teilweise verheiratet, die nun moralisch sehr entrüstet sind über die "Betriebsschlampe", vom Roten Kreuz, bei der jeder "gedurft hat" wenn er nett zu ihr war. Es kommen Gutachter, Rettungssanitäter, Wasserwachtler, Vorgesetzte, Kollegen, die Väter der beiden Kinder, die erst im Laufe der Ermittlungen von ihrem "Glück" erfahren haben.

Eine Krankenschwester sagt, dass sie nicht viel zu sagen hätte. Sie war selbst vor kurzem vor Gericht gestanden, als Mitglied eines bizarren achtköpfigen Freundeskreises im Augsburger BRK, der vor ein paar Jahren immer mal wieder "Sterben" spielte. Dabei wurde ein Mitglied ausgelost, dem die Kameraden starke Beruhigungsmittel spritzten, um seine "Vitalfunktion zu vermindern". Nach dem Erwachen aus der Ohnmacht musste er dann berichten, was er als letztes gesehen hätte, "ein weisses Licht am Ende des Tunnels oder so", wie ein ehemaliges BRK-Mitglied sich erinnert. Auch dieses "Spiel" wurde erst im Laufe der Ermittlungen zu Giftmord bekannt.

Ausziehen oder erben

Mit fast jeder Aussage bröckelt die Fassade ein wenig mehr zusammen, die Tanja Eimesser um ihr Leben errichtet hatte. Peter, ihr Mann, so sagen die Zeugen, war nicht herzkrank, sondern sehr gesund. Er hatte keine Angst vor Ärzten, er war kein Alkoholiker und er starb, da sind sich die Rechtsmediziner nun sicher, auch nicht an einem Herzinfarkt. Vor allem aber wollte er sich von ihr trennen, das Haus verkaufen und mit einer anderen Frau ein neues Leben beginnen.

Tanja Eimesser hört reglos zu. Sie hat vor sich ein Foto ihrer Kinder liegen, bedeckt es mit den Händen, drückt es manchmal an sich. "Uns hat sie erklärt, dass sie unschuldig ist", sagen ihre Anwälte Gerhard Denker und Alexandra Gutmeyr vorsichtig. Auch vor Gericht beteuert sie nun, mit dem Mord nichts zu tun haben. Peter sei bewusstlos am Boden gelegen, als sie am Abend des 17. Januar, den sie mit ihrem Mann und André verbracht hatte, ins Wohnzimmer kam. Angeblich hatte sie die beiden für eine halbe Stunde verlassen, um sich um die Wäsche zu kümmern.

Ihre Chancen stehen schlecht. André Hagemann hat ein Geständnis abgelegt und was für ein Geständnis.

Der sympathische Komplize

Sehr aufrecht und tadellos gekleidet, stand er zu Beginn des Prozesses vor dem Gericht und begann seine Aussage mit den Worten: "Ich bitte hiermit um Entschuldigung. Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, was ich getan habe. Fast drei Stunden lang erzählte er danach, wie es zu dem Mord kam. Er hätte sich von Herzen eine Familie gewünscht und Tanja und die Kinder, das sei seine Familie gewesen. Er sei von dieser Frau nicht losgekommen, obwohl sie ihn immer wieder betrogen hätte. Sie sei mit einem anderen Mann in Urlaub gefahren. Sogar die Taufe des Mädchens, von dem er erst während der Haft erfuhr, dass sie nicht seine Tochter ist, feierte Tanja mit dem Anderen.

Ende 2006 hätte Tanja ihm plötzlich wieder Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft gemacht und ihm wenig später erklärt, das "Problem Peter" müsste "gelöst werden". Peter, so sagte sie, hätte sie vergewaltigt und die Kinder geschlagen, er sei aggressiv, oft betrunken, es läge nun an André, "seine kleine Familie" zu schützen. Immer drängender seien ihre Forderungen geworden. Er sei ein Feigling, wenn er nicht helfe, er würde die Kinder nie mehr sehen "bis an dein Grab". Und: Du hast alle Mittel in der Hand. Tu was! Bis er am Ende sagte: "O.K., doch der Peter muss schlafen".

Der Tot im Milkshake

Bei einem früheren Schichtkollegen vom BRK besorgte er sich am 15. Januar die Narkotika. Tanja ließ sich von einer Freundin Schlaftabletten bringen, weil sie, so sagte sie der Freundin, mal wieder "durchschlafen wollte". Dann lud sie Peter für den Abend ein, um "Steuerangelegenheiten zu besprechen".

An diesem Abend servierte Tanja, so ihr ehemaliger Geliebter, ihrem Mann einen mit den Schlafmitteln präparierten Milkshake. Danach brachte sie mit ihm, der zusehends müder wurde, noch die Kinder ins Bett und überredete ihn, sich zur Stärkung seines Kreislaufes eine Infusion legen zu lassen. Dann sei Peter eingeschlafen und André injizierte die Narkotika. "In den Tropf, ich brachte es nicht fertig, Peter zu berühren". Gemeinsam wartete das Paar bis die Atmung aussetzte und "Kot und Urin abgingen". Schließlich entfernten sie den Venenkatheder, räumten auf und André fuhr nach Hause, wo er sich "unter die Dusche stellte, weil ich mich schmutzig fühlte". Tanja verständigte unterdessen den Notarzt.

Vom Angeklagten zum Regisseur

Einen fast noch größeren Auftritt hat André Hagemann am Tag nach seinem großen Geständnis. Da werden im Saal 101 die Jalousien herab gelassen und das Gerichtspublikum, das bis zu drei Stunden vor Prozessbeginn nach einem der 150 Plätze ansteht, bekommt einen Film zu sehen. Es ist die Rekonstruktion der Tat mit Polizisten als Laiendarstellern und André Hagemann als Regisseur. Den Tropf, so sagt er, habe man an der Wohnzimmerlampe befestigt und zeigt genau wo und wie. Und den Peter habe man als er bewusstlos war von der Couch auf den Boden gezogen, "die Tanja an den Beinen".

Die große Liebe im Knast

Tanja Eimesser weint während der Film gezeigt wird. Ihr Anwalt empfindet ihn als "Unverschämtheit aus diversen Gründen", weil hier eine Vorverurteilung gegeben sei. Kollege Hermann Christoph Kühn, der André Hagemann vertritt, sieht das natürlich anders. Man könnte zwar "rechtlich darüber streiten". Aber: "Für uns ist das natürlich gut, weil so ein Film vorprägt". Tatsächlich liegen die Sympathien das Publikums, das ungestraft immer mal wieder applaudiert, "Ohooho" ruft oder Handys jaulen lässt, eindeutig bei André Hagemann, der "eigentlich ein netter Kerl ist, aber leider an die falsche Frau geriet". Die Knastis in der Vollzugsanstalt Augsburg sind anderer Ansicht. Sie nennen ihn den "Sanitöter ".

In den nächsten Tagen soll das Urteil gefällt werden. Tanja Eiermann, so ihr Anwalt, hoffe unbeirrt auf einen Freispruch. Im Gefängnis hat sie sich mit einem Witwer und ehemaligem Nachbarn verlobt, den sie, so beteuerte sie vor Gericht "nun wirklich sehr liebt".