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Der Inzestfall von Fluterschen Die Opfer atmen auf

14 Jahre Gefängnis, dann Sicherungsverwahrung: Detlef S., der Inzesvater von Fluterschen, erwartet eine lange Zeit in Haft. Seine Kinder sind erleichtert. Die Zuhörer im Gericht klatschten.
Von Uta Eisenhardt, Koblenz

Auf diese erlösenden Worte haben alle gewartet: "Der Angeklagte wird zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren und sechs Monaten verurteilt. Daneben wird die Unterbringung des Angeklagten in der Sicherungsverwahrung angeordnet." Als der Vorsitzende Richter Winfried Hetger dies heute im Landgericht Koblenz verkündet, klatschen die Zuhörer im Saal. Detlef S. schaut zu Boden.

Tagelang verhandelte das Gericht gegen den 48-Jährigen aus Fluterschen, hörte sich die bedrückenden Aussagen seiner Opfer an und die taktischen Angaben des Täters. Der gestand zunächst nur das, was nicht angeklagt war, nämlich der Vater der acht Kinder zu sein, die seine Stieftochter Natascha geboren hatte. Dann gab er zu, seine leibliche Tochter Jasmin sexuell missbraucht zu haben. Später widerrief er Teile dieses Teilgeständnisses, um es kurz darauf von seinem Verteidiger erneuern zu lassen. Erst am letzten Verhandlungstag gestand er doch noch den sexuellen Missbrauch an seinen 27-jährigen Adoptivkindern Natascha und Björn.

Überrascht über das harte Urteil

Mit seinen Pauschalangaben ersparte er niemandem die Aussage. Noch einmal durchlitten die Opfer das Geschehene, insbesondere seine Tochter Jasmin S. weinte dabei ununterbrochen. Als nichts mehr abzustreiten war, ließ Detlef S. von seinem Verteidiger ein Geständnis verkünden, das er selbst mit Tränen flankierte. Es war ein letztes berechnendes Winden, darin muss Detlef S. Meister gewesen sein. Sein Stiefsohn Björn B. jedenfalls hatte nicht mit diesem harten Urteil gerechnet: "Ich hatte gedacht, er schafft es wieder, die um den Finger zu wickeln." So wie es Detlef S. jahrzehntelang mit den Behörden geglückt war.

Doch diesmal kam mehr zusammen als der Hinweis einer Nachbarin, einer Lehrerin oder eines verprügelten Kindes an das Jugendamt. Diesmal sagten fünf seiner Kinder gegen ihn vor Gericht aus. Jasmin, Natascha und Björn waren Nebenkläger in dem Prozess. Ein Novum in dieser Familie, in der Angst verhinderte, dass die Kinder sich gegenseitig helfen konnten.

Glaubwürdig, schlüssig und ohne Eifer, das Familienoberhaupt übermäßig zu belasten, schilderten die drei Nebenkläger die sexuellen Übergriffe durch den Vater und Stiefvater. Ergänzend berichteten zwei Stiefsöhne von der täglichen Prügel mit einer selbstgebauten neunstriemigen Peitsche, einem Bundeswehrkoppel und einem Stock, der eigentlich zum Herunterziehen der Speicherleiter diente. Es wurde ein Horrorbild von sexueller Erniedrigung und Gewalt gegen sämtliche Familienmitglieder gezeichnet. Niemand trat diesen Angaben entgegen.

Ins Gefängnis bringt den Angeklagten nur ein kleiner Teil seines grauenhaften Tuns, insgesamt 162 Taten. Es sind diejenigen, die eben noch nicht verjährt waren, die von den Opfern genügend konkret erinnert wurden, die strafrechtlich verfolgbar waren und die als sexuelle Gewalt stärker ins Gewicht fielen als "reine Körperverletzungen", die von der Anklage erst gar nicht berücksichtigt wurden.

Detlef S. ist ein grenzenloser Egoist

"Bei dem Angeklagten handelt es sich um einen grenzenlosen Egoisten, der seine Familie als seinen Besitz betrachtete, mit dem er umgehen konnte wie er wollte", sagt Winfried Hetger am Ende eines souverän geführten Prozesses. In klaren, eindringlichen Worten fasst der Richter das Unfassbare zusammen, spricht von der massiven Einschüchterung und Bedrohung, auf deren Boden die sexuelle Gewalt wucherte. "Er dürfe das", soll Detlef S. seinen Töchtern gesagt haben, wenn er sie vergewaltigte und sie wie Prostituierte behandelte, die er in minderjährigem Alter mehreren Freiern zuführte. Er nahm sich auch das Recht, seiner Stieftochter Natascha die Pille wegzunehmen, um sie acht Mal zu schwängern. Gewalt musste er nur beim ersten Geschlechtsverkehr anwenden, später fügten sich die Mädchen ohne Gegenwehr in ihr Schicksal.

Aus diesem Grund klagte der Staatsanwalt auch nicht die Taten an, die zu Nataschas Schwangerschaften führten: Äußerlich handelte es sich eben nicht um Vergewaltigungen. Nataschas Anwältin schildert die verhängnisvollen Folgen für ihre Mandantin: "Wenn sie in die Gesichter ihrer Kinder schaut, schaut sie in das Gesicht des Angeklagten und das ein Leben lang", so Katharina Hellwig in ihrem Plädoyer.

Ein letztes Mal in diesem Prozess ließ der Richter die schrecklichen Taten des Angeklagten Revue passieren: Der erste Übergriff vor über zwanzig Jahren auf die vier, fünf Jahre alten Zwillinge Björn und Natascha. Die Vergewaltigungen der anfangs erst zwölfjährigen Mädchen. Die Zuhälter-Tätigkeit des Stiefvaters und Vaters, der seine minderjährigen Kinder diversen Freiern regelrecht zum Fraß vorwarf. Den Druck auf Natascha, die er mit Fotos erpresste, auf denen sie mit einem der Freier beim Geschlechtsverkehr zu sehen ist. Jahrelang hatte die junge Frau nach diesen Polaroids gesucht. Erst die Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft förderten sie zutage und dienten nun als Beweismittel gegen Detlef S.

Kriminell, nicht psychisch krank

Ist das noch normal, sei er gefragt worden, so der Vorsitzende Richter. Er beobachte die Tendenz, jedes abweichende Verhalten zur Krankheit zu erklären. Doch die Bandbreite menschlichen Verhaltens ist groß. "Gerade dem Strafgericht ist keine menschliche Regung unbekannt", so Hetger. Der Angeklagte jedenfalls wurde vom Gutachter nicht für psychisch krank gehalten und sei dementsprechend hart zu bestrafen. Allerdings seien die Möglichkeiten des Strafrechts begrenzt, so der Richter. Mehr als fünfzehn Jahre Haft konnte das Gericht nicht verhängen. Auch das Geständnis, so taktierend es auch daher kam, musste die Strafe mildern.

Einzig mit der Sicherungsverwahrung kann die Haftzeit auf ein wahres "lebenslang" ausgedehnt werden. Dazu jedoch muss der Straftäter eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Der psychiatrische Gutachter bescheinigte Detlef S. ein eingeschliffenes Verhaltensmuster sowie einen Hang zu Straftaten: Sein Register ist mit neun Straftaten aus dem Bereich der Kleinkriminalität gut gefüllt, zudem terrorisierte er seine Familie mehr als zwei Jahrzehnte lang. Bei seiner Haftentlassung wäre der Angeklagte 62 Jahre alt - jung genug, um eine neue Familie zu gründen und zu terrorisieren. Es gibt also neue potentielle Opfer, die vor ihm geschützt werden müssen. Glücklicherweise zähle die Rechtsprechung inzwischen auch die Opfer aus Familien zum Kreis der Allgemeinheit, führt der Richter aus. Detlef S. hat also die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung erfüllt.

Urteil als Appell

Nun können seine Opfer ein wenig aufatmen, auch wenn die strafrechtliche Aufarbeitung ihres Schicksals noch lange nicht abgeschlossen ist: Mustafa H. und Sevkit A., die beiden Freier, die die minderjährigen Mädchen vergewaltigt haben sollen, werden sich demnächst vor dem Landgericht Koblenz verantworten müssen. Ali T. ist bereits verstorben. Unklar ist bislang, ob sich auch Mitarbeiter des Jugendamtes wegen unterlassener Hilfe auf die Anklagebank setzen müssen. Winfried Hetger hält deren Möglichkeiten begrenzt, wenn die Mauer des Schweigens nicht durchbrochen werden kann, wie es lange Zeit in der Familie S. geschah.

"Dieses Urteil", so der Vorsitzende, "ist ein Appell an alle Opfer von sexueller Gewalt, nicht länger stillzuhalten, sondern den Mut zu haben, diese öffentlich zu machen, weil nur dann ihr Leid beendet wird."

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