HOME

Der Kampf des André Bamberski: In Kalinkas Namen

Kalinka war 14, als sie 1982 einen mysteriösen Tod starb. Seither jagt ihr Vater einen Deutschen - und hat ihn nun nach Frankreich entführen lassen. Eine Geschichte über Schmerz und Recht.

Von Manuela Pfohl

Es ist mittlerweile gut eine Woche her: Am Sonntagmorgen bekam die Polizei im französischen Mühlhausen einen anonymen Anruf. Ein Anrufer mit starkem russischen Akzent teilte mit, vor dem Gerichtsgebäude der Stadt liege ein Mann, gefesselt und verletzt. Man möge sich doch bitte kümmern. Als die Beamten vor Ort ankamen, stellten sie fest, dass dort tatsächlich eine Person mit mehreren äußeren Verletzungen geknebelt und gefesselt am Boden lag. Sie riefen eine Ambulanz, die den Unbekannten in eine Klinik brachte und nahmen offiziell die Ermittlungen auf.

Zum gleichen Zeitpunkt sorgte bei der Polizei im bayerischen Kempten ein Fall für Aufregung. Wenige Stunden zuvor, am Samstagabend, kurz vor Mitternacht, hatte ein Zeuge die Beamten alarmiert. Mitten auf der Straße, direkt vor einem Wohnhaus, gebe es massive Blutspuren, wurde gemeldet. Als die Beamten erfuhren, wem das Haus gehörte, schwante ihnen, dass demnächst ein deutsch-französischer Justizkrimi ins Haus stehen dürfte.

Denn plötzlich hatte der Fall "Kalinka" wieder einmal eine neue, eine dramatische Wendung genommen, jener Fall, in dem es um ein totes Mädchen geht, um einen vom Schmerz getriebenen Vater, der den Tod seiner Tochter gesühnt sehen möchte, um einen deutschen Arzt - und um komplizierte juristische Gefechte zwischen Deutschland und Frankreich.

Ein verzwickter Fall

Denn unter der angegebenen Adresse in Kempten wohnte der alleinstehende 74-jährige Dieter K.. K. ist ein pensionierter Arzt, gegen den seit 1982 immer wieder Ermittlungen geführt wurden, weil er im Verdacht stand, dass eine Spritze, die er seiner damals 14-jährigen Stieftochter Kalinka gegeben hatte, zu deren Tod beitrug. Ein verzwickter Fall. Die Staatsanwaltschaft Kempten hatte damals ermittelt, die Untersuchungen allerdings im Februar 1986 mangels genügenden Tatverdachts eingestellt.

Es war diese Entscheidung der Staatsanwälte, die der leibliche Vater des Mädchens, der Franzose André Bamberski, nie akzeptiert hat. Immer wieder hat der jetzt 72-jährige Bamberski versucht, jede einzelne Sekunde von Kalinkas letztem Tag im Juli 1982 zu rekonstruieren und das danach einsetzende juristische Prozedere des Falls zu kritisieren. Manche seiner Freunde halfen ihm dabei. Andere glauben, er sei besessen, habe irgendwann die Grenze zwischen Wissen und Glauben verloren, halten ihn schlicht für verrückt. Tatsächlich klingt aber nicht nur das, was Bamberski behauptet, reichlich seltsam. Auch in den Gerichtsakten finden sich einige Merkwürdigkeiten.

Was geschah an jenem Sommertag?

Was also hat sich im beschaulichen Lindau abgespielt, an jenem Sommertag im Juli 1982? Kalinka, die damals 14 Jahre alt ist, verbringt die Ferien zusammen mit ihrem jüngeren Bruder bei der Mutter, die sich von André Bamberski getrennt hatte und nun mit dem bekannten Internisten Dieter K. am Bodensee zusammenlebt.

Kalinka geht am 9. Juli mit ihrem Bruder schwimmen, sonnt sich und ärgert sich dabei über ihre Blässe. Sie legt sich abends in ihr Bett - und ist am nächsten Morgen tot. Der herbeigerufene Arzt stellt um 10.20 Uhr eine fast komplette Leichenstarre fest und kommt zu dem Schluss, dass der Tod gegen drei Uhr morgens eingetreten sein muss. Die Todesursache lässt sich auf den ersten Blick nicht ermitteln. Es ist nur ganz deutlich zu erkennen, dass das Mädchen mehrere Einstiche am Oberarm hat. Dieter K. erklärt, er habe Kalinka am Vorabend eine Spritze mit Kobalt-Ferrlezit verabreicht. Das Eisenpräparat habe seiner Stieftochter zu mehr Bräune verhelfen sollen. Kalinka habe gegen Mitternacht noch einmal etwas Wasser getrunken und dabei "ganz gesund" gewirkt. Als er sie am nächsten Morgen leblos in ihrem Bett gefunden habe, habe er versucht, sie mit mehreren Injektionen wiederzubeleben.

Eine seltsame Injektion

Eine Erklärung, die André Bamberski energisch bezweifelt. Er glaubt an einen vorsätzlichen Mord an seiner Tochter. Auch verschiedene Gutachter, die im Verfahren zu Rate gezogen worden waren, äußern sich skeptisch. Kann ein gesundes Mädchen an einer solchen Eisen-Spritze sterben, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Im Beschluss des Appelationsgerichtes von Paris vom 8. April 1993 heißt es dazu: "Die Injektion von Kobalt-Ferrlezit hat wahrscheinlich den Tod von Kalinka Bamberski hervorgerufen." Denn es sei ein "gefährliches Medikament" bei dem Reaktionen, wie "Abfall des Blutdrucks, der Herztätigkeit und Atemnot" auftreten können. Es könnte sich also um einen tragischen Unfall handeln. Vielleicht auch um medizinische Fahrlässigkeit.

Bamberski wehrt sich dagegen. Er setzt durch, dass der Leichnam des Mädchens, der in Toulouse bestattet worden war, 1987 exhumiert wird. Und tatsächlich konstatieren die Mediziner, die Kalinka im Auftrag des Pariser Appelationsgerichtes untersuchen, einige "Ungereimtheiten", die die ursprünglich behaupteten Todesumstände fraglich erscheinen lassen. So stellen sie beispielsweise "das unerklärliche Verschwinden des gesamten Geschlechtsapparates" fest, der von den deutschen Medizinern nach Kalinkas Tod "zwar entnommen, aber nicht konserviert worden ist". Außerdem habe es damals keine Suche nach Spermaspuren gegeben.

Vorwürfe gegen deutsche Diplomaten

Genau an diesem Punkt glaubt André Bamberski seine Vorwürfe gegen Dieter K. festmachen zu können. Denn die Autopsie, die unmittelbar nach dem Tod des Mädchens im Krankenhaus Memmingen gemacht wurde, hatte unter anderem Folgendes ergeben: "frische Blutspuren am Slip und auf den äusseren Geschlechtsteilen, ein oberflächlicher Riss (…)."

Die Franzosen bemängeln zudem, dass "die toxikologischen Analysen sehr oberflächlich mit uralten nicht mehr gebräuchlichen Methoden gemacht worden" waren. Seltsam sei auch, dass das Mädchen Einstichstellen sowohl an den Armen, den Beinen und der Brust hatte. Die Gutachter schreiben abschließend: "Diese ganzen Tatsachen sind ausreichende Anklagepunkte, die es erlauben, anzunehmen, dass Dieter K. die tödliche Injektion verabreicht hat (…) um zu töten."

Mit seinem Urteil schließt sich das Pariser Schwurgericht dieser Argumentation an. Im März 1995 verurteilt es Dieter K. in Abwesenheit zu einer 15-jährigen Zuchthausstrafe. Der Vorwurf: Dieter K. sei "schuldig, in der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1982 in Lindau (Deutschland) vorsätzlich eine gewaltsame Nötigung gegen die Person der Kalinka B. ausgeübt" zu haben. Diese Gewaltanwendung habe "ohne dass dies beabsichtigt gewesen wäre, den Tod herbeigeführt".

Juristische Folgen für Dieter K. hatte das Urteil jedoch bislang nicht. Deutschland weigerte sich, ihn nach Frankreich auszuliefern, er selbst hat es in all den Jahren tunlichst vermieden, nach Frankreich zu reisen. Nur einmal hätte er beinahe einen Fehler gemacht. Anfang des Jahres 2000 war er nach Österreich gereist und hatte nicht bedacht, dass er auf der internationalen Fahndungsliste stand.

Laut Bamberski wird Dieter K. zwar zunächst in Österreich verhaftet, jedoch nach einiger Zeit wieder freigelassen und nicht an Frankreich ausgeliefert. Es sei, so Bamberski, nicht zu begreifen, warum Frankreich daraufhin nicht schärfstens protestiert hat. Er reicht deshalb 2002 Klage gegen die französischen Justizbehörden ein. Die Klage wird zwar abgewiesen. Doch immerhin erklärt die zuständige Staatsanwältin, dass einige seiner Vorwürfe berechtigt seien. "Dabei handelt es sich um die (…) Einmischung deutscher Diplomaten, des Generalstaatsanwalts von Paris und des Präsidenten des für Strafverfahren zuständigen Schwurgerichts von Paris." Die Vorwürfe haben jedoch keine Konsequenzen.

Noch ein Fall - Bamberski ist außer sich

Bamberski ist außer sich. Er versucht die Öffentlichkeit für seinen Kampf gegen die Justiz zu mobilisieren. Der Verein "Justice pour Kalinka" registriert und kommentiert jede Entwicklung. Auch ein Urteil, das am 9. Oktober 1997 im Namen des Volkes am Landgericht Kempten gefällt wurde. Angeklagt war Dieter K. wegen "sexuellen Mißbrauch Widerstandsunfähiger". Das Gericht hielt es für erwiesen, dass der Mann die 16-jährige Schülerin Lora S. in seiner Praxis zunächst mit einer Narkosespritze betäubt hatte und das völlig apathische Mädchen später sexuell missbrauchte. Dieter K. räumte den Geschlechtsverkehr zwar ein, erklärte jedoch, dass es "keinen Zwang" gegeben habe.

Er gibt seine Approbation zurück, verzichtet darauf, weiter zu praktizieren und wird im Gegenzug nur zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. André Bamberski sieht in dem Fall Parallelen und lässt Dieter K. nicht mehr aus den Augen.

Und jetzt, im Oktober 2009, diese neue Entwicklung. Der Arzt ist aus seinem Haus in Kempten verschwunden. Als die bayerischen Beamten sich an jenem Sonntagmorgen vor einer Woche mit den französischen Polizisten kurzschließen, stellt sich schnell heraus, was sie vermutet hatten: Bei dem Unbekannten, der vor dem Gericht im französischen Mühlhausen abgelegt wurde, handelt es sich um Dieter K., der von mehreren Männern nach Frankreich entführt worden war. Schnell wird spekuliert: Waren das Schergen von Bamberski, der K. den französischen Behörden zuführen wollte?

Mitte der Woche gibt André Bamberski der französischen Tageszeitung "Le Parisien" ein Interview. Auf die Frage, was er zu der Entführung zu sagen habe, erklärt er: "Ich fühle mich erleichtert. Jahrelang hat Justitia nicht ihre Pflicht getan. Jetzt habe ich mein Ziel erreicht. Der Mörder meiner Tochter kommt vor Gericht." Einem französischen Rundfunksender gegenüber gibt er zu, die Verschleppung des Arztes organisiert zu haben.

Intervention aus Berlin

Doch so einfach wird es nicht sein. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte das französische Verfahren 2001 für unzulässig erklärt, weil Dieter K. in Abwesenheit verurteilt worden war. Und nun diskutieren französische und deutsche Behörden heftig über die Entführung als Mittel von Selbstjustiz und ihre juristischen Folgen. Zwar ist Dieter K. zunächst festgenommen und in französische Untersuchungshaft gebracht worden. Doch ob der 1993 ausgesprochene Haftbefehl unter den besonderen Umständen wirklich Gültigkeit hat, ist umstritten.

Die Bundesregierung jedenfalls erklärte postwendend, sie werde sich für die Freilassung von Dieter K. einsetzen. Das Auswärtige Amt stehe mit den französischen Behörden in Kontakt, sagte ein Sprecher des Ministeriums am Donnerstag in Berlin. "Wir bemühen uns um eine Lösung für den Betroffenen, nach Deutschland zurückzukehren." Beschwerden der Bundesregierung gegen die Verhaftung des Arztes blieben bis zum Freitagabend jedoch folgenlos. Dieter K. muss weiter in einem Pariser Gefängniskrankenhaus bleiben.

Es ist also offen, ob der Fall Kalinka noch einmal vor Gericht kommt, ob noch einmal gegen Dieter K. ermittelt wird. Sicher ist nur: Kalinkas Tod ist wieder in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Für ihren Vater mag schon das ein Erfolg sein.