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Prozess in Dessau: Mord an Yangjie L. - wird der skandalöse Fall nun endlich aufgeklärt?

Der brutale Mord an Yangjie L. hat die Kleinstadt Dessau in Sachsen-Anhalt erschüttert. Am Freitag beginnt der Prozess - in einem Fall, der von Anfang an voller Ungereimtheiten war.

Das Opfer studierte Architektur im 5. Semester an der Hochschule Anhalt in Dessau 

Das Opfer studierte Architektur im 5. Semester an der Hochschule Anhalt in Dessau 

Der Verdacht ist ungeheuerlich: Ein junges Paar vergewaltigt eine chinesische Studentin, tut ihr massive Gewalt an und lässt sie sterben. Sechs Monate ist das her, doch in Dessau-Roßlau noch immer ein Thema. Von diesem Freitag an müssen sich der 21-Jährige und seine kaum jüngere Lebensgefährtin vor dem Landgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft hat sie wegen gemeinschaftlichen angeklagt, den sie begangen haben sollen, um die Vergewaltigung zu verdecken. Pikante Informationen über die Eltern des Tatverdächtigen, die beide Polizisten in Dessau waren, begleiten den Fall. Und auch die Justiz gerät in die Kritik.

Paar soll Yangjie L. mehrfach vergewaltigt haben

Rückblende: Am Abend des 11. bricht die 25-jährige Yangjie L zum. Joggen auf und kehrt nicht mehr zurück. Was ist passiert? Laut Anklage täuscht das Paar einen Notfall vor und lockt die junge Frau damit in eine leerstehende Wohnung in Dessau.

Sie sollen Yangjie L. dort unter massivster Gewalteinwirkung wiederholt vergewaltigt und dann zurückgelassen haben - in der Annahme, sie würde ohne medizinische Hilfe sterben. 

Als beide später zurückkommen und die junge Frau noch lebt, bringt das Pärchen sie laut Anklage nach draußen. Dort wird die Leiche zwei Tage nach der Tat gefunden. Der Körper von Yangjie L. ist schwer entstellt, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert.

Haben Polizisten die Ermittlungen behindert?

Die Hochschule Anhalt hält bis heute Kontakt zu den Eltern der Chinesin. Sie treten im Prozess als Nebenkläger auf. Laut einer Hochschulsprecherin werden sie aber nicht persönlich im Gericht dabei sein. Sie hatten sich über Details empört, die über den Fall an die Öffentlichkeit gedrungen waren.

Als Polizei und keine zwei Wochen nach dem Fund der Leiche ihren Fahndungserfolg verkünden, macht schnell die Runde, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um den Sohn zweier Polizisten handelt. Beide waren recht dicht dran am Ermittlungsgeschehen, kurz nach der Tat sollen sie ihrem Sohn bei einem Umzug geholfen haben. Spekulationen um angebliche Informationslecks bei der Polizei und familiäre Verquickungen machen die Runde. Am Ende der amtlichen Untersuchungen findet sich allerdings kein Hinweis darauf.

Staatsanwaltschaft plauderte Details aus

Für Entsetzen sorgen die Eltern mit der fröhlichen Eröffnung eines Gartenlokals in Dessau nur kurz nach der Trauerfeier für die Chinesin. Währenddessen sollen sie bei der krankgeschrieben gewesen sein. Dem Stiefvater des Tatverdächtigen - er leitete das Polizeirevier Dessau-Roßlau - wird die Ausübung der Dienstgeschäfte untersagt und er wird versetzt. Ein juristisches Tauziehen beginnt - erst kürzlich stoppte das Verwaltungsgericht Halle die Versetzungsverfügung.

Und auch die selbst gerät in die Kritik. Bei der Präsentation des Ermittlungserfolgs empfängt die Polizei Medienvertreter nur auf dem Parkplatz. Der Leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann gibt die Version des Tatverdächtigen bekannt, wonach man sich zu dritt zum einvernehmlichen Sex getroffen habe. Zugleich meldet er Zweifel an der Aussage an - sie könne aus Sicht der Ermittler nicht stimmen. Danach ist tagelang so gut wie niemand mehr für Presseanfragen zu erreichen.

Vergewaltige der mutmaßliche Mörder weitere Frauen?

Als das Innenministerium die Leitung der Ermittlungen von Dessau nach Halle überträgt, um Verquickungen zu vermeiden, wird das auch für die Staatsanwaltschaft erwogen. Die Dessauer Anklagebehörde aber bleibt zuständig. Die Kommunikation mit den Medien übernimmt derweil die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg.

Wenn der Prozess am Freitag beginnt, werden dem angeklagten 21-Jährigen zwei weitere Vergewaltigungen aus dem Sommer 2013 vorgeworfen. Die betroffene Frau hatte sich erst bei der Polizei gemeldet, als der Tatverdächtige in Untersuchungshaft war. Laut der Staatsanwaltschaft war sie von ihrem mutmaßlichen Peiniger eingeschüchtert worden und hatte deshalb keine Anzeige erstattet. Für den Prozess sind vorerst 19 Sitzungstage bis zum 28. Februar geplant. 

kis/DPA