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Als Schöffe am Gericht: 17 Tage Suche nach der Wahrheit

Unser Autor ist zum Schöffen gewählt worden. Fünf Jahre lang kann er nun als Laienrichter zu Gerichtsprozessen hinzugezogen werden. Beim ersten Fall urteilt er mit den Richtern über einen Mann, der Menschen nach Deutschland geschleust haben soll.

Saal im Hamburger Landgericht

Saal im Hamburger Landgericht

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Im Januar dieses Jahres tritt die Kriminalität in mein Leben – plötzlich geht es um gefälschte Pässe, abgehörte Telefonate, illegale Einreisen, dubiose Geldflüsse. Ich weiß auf einmal, wie man Reiserouten vor den Behörden verschleiern kann. Wo man gefälschte Reisepässe besorgen kann. Ich höre von Geldübergaben und davon, wie Menschen versuchen, in Deutschland unterzutauchen. Und ich erfahre, wie Polizei und Justiz dagegen vorgehen. Und dass nicht immer alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Im November 2018 habe ich einen Brief bekommen. Der Inhalt klang fast wie ein Glückwunschschreiben: "Nach den Bestimmungen des Gerichtsverfassungsgesetzes sind Sie für die Geschäftsjahre 2019 bis 2023 zum Hauptschöffen gewählt worden."

Ein Schreiben, das bei fast jedem Deutschen im Briefkasten landen kann. Alle fünf Jahre müssen an den deutschen Strafgerichten – vom kleinen Amtsgericht bis hin zu den Landgerichten – mehr als 60.000 Schöffenstellen neu besetzt werden. Der Arbeitgeber muss die Schöffen für die Zeit der Verhandlung freistellen, ob es ihm passt oder nicht. Das Gehalt in dieser Zeit übernimmt die Justizkasse. Ausgenommen von der Pflicht, das Schöffenamt zu übernehmen, sind nur bestimmte Berufsgruppen, zum Beispiel Ärzte, Krankenpfleger, selbstständige Apotheker oder aber Gewerbetreibende, für die es wirtschaftlich unzumutbar wäre, ihre Geschäfte während der Verhandlungszeiten ruhen zu lassen. Auch Vorbestrafte kommen als Schöffen in der Regel nicht in Frage.

Nun saß ich weder im Gefängnis, bin nicht selbstständig noch habe ich Medizin studiert, aber immerhin ein abgebrochenes Jura-Studium auf der Habenseite. Um über Prozesse zu berichten, war ich häufig in Gerichtssälen zu Gast – im Zuschauerbereich. Nun ist mein Platz auf der Richterbank.

Schöffen, das sind Laienrichter in Strafprozessen, mit fast gleichen Rechten wie die Berufsrichter. Zum Beispiel dürfen sie Fragen stellen und Beweise würdigen. Und sie müssen am Ende des Prozesses gleichberechtigt über Schuld oder Unschuld entscheiden. Und über das Urteil.

Die Hamburger Justizbehörde hat mir zur Erklärung einen Leitfaden beigelegt. "Schöffinnen und Schöffen tragen zur demokratischen Legitimation unseres Rechtssystems bei", steht da, und weiter: "Neben dieser eher abstrakten Funktion hat die Beteiligung von Laien aber auch eine ganz praktische Bedeutung. Als Schöffin oder Schöffe bringen Sie Ihre Lebenserfahrung und Sichtweise in die Entscheidungsfindung ein. Damit tragen sie dazu bei, die Justiz bürgernäher und transparenter zu gestalten". Klar, die Urteile fallen ja auch "im Namen des Volkes".

Vorbereitet auf die fünfjährige Amtszeit werden ich und die übrigen rund 4000 Schöffen in Hamburg in Einführungsseminaren. In der Aula einer Berufsschule sitzen an drei aufeinanderfolgenden Mittwochabenden mit mir rund 200 Laienrichter – die einen offenkundig eher widerwillig, die anderen neugierig und engagiert. Ein Richter am Landgericht leitet den sechsstündigen Crashkurs in Sachen Recht: Auf Powerpointfolien fliegen Begriffe wie Strafprozessordnung, Tateinheit, Zeugnisverweigerungsrecht oder Beweiserhebung über die Wand, dazu gibt es kurze Erklärungen und Antworten auf Zwischenfragen. Erinnerungen an das abgebrochene Jura-Studium werden wach.

Der Prozessbeginn

Ein Montag im Januar. Ich werde gebraucht. Die Große Strafkammer 19 ruft. So steht es in einem Schreiben der Kammer. Ein Prozess. Insgesamt 25 Verhandlungstage sind angesetzt. Das ist alles, was ich vor Prozessbeginn weiß. Ich gehe um kurz vor neun in das Strafjustizgebäude in der Hamburger Innenstadt und bin gespannt: Worum wird es in dem Prozess gehen? Was werden meine Aufgaben sein? 

Zumindest auf die erste Frage gibt es schnell eine Antwort. Vor dem Saal 137 im Erdgeschoss hängt ein weißer Zettel, die sogenannte Terminrolle. Darauf: Die 25 vorgesehenen Verhandlungstermine und jede Menge Namen: Vorsitzende Richterin, Beisitzer, Berichterstatter, Staatsanwälte, Verteidigung, Angeklagter, die zweite Schöffin und mein Name. Die Prozessbeteiligten. Und, ganz klein in der Ecke, der Verhandlungsgrund: "wegen: Einschleusens von Ausländern u.a."

In meinem Kopf entstehen Bilder: Ist der Angeklagte einer dieser Schleuser, die verzweifelte Menschen in seeuntüchtige Schlauchboote setzen und übers Mittelmeer von Afrika nach Europa schicken? Oder sie in den Laderaum eines Lkw einsperren, um sie darin unter lebensgefährlichen Umständen quer durch Europa zu karren? Mir kommt aus irgendeinem Grund die Stimme von Horst Seehofer ins Ohr: Ihnen, den Schleppern und Schleusern, müsse ja das Handwerk gelegt werden. Bin ich jetzt der, der das umsetzt?

Meine ersten Schritte als Schöffe mache ich im Beratungszimmer, das direkt an den Verhandlungssaal grenzt. Ein großer Tisch, ein Schrank, eine Handvoll Stühle, eine Uhr, die meist falsch geht, ein Telefon. Viel mehr ist nicht drin in dem Raum mit Blick auf die Mauer des benachbarten Untersuchungsgefängnisses.

Ich lerne meine Mitschöffin kennen, die Vorsitzende Richtern und ihre zwei Kollegen. Händeschütteln, kurze Vorstellung, Smalltalk und dann geht es durch die Tür in den Gerichtssaal. "Learning by Doing" ist offenbar die Devise für das Schöffendasein.

Im Saal sind zunächst Objektive von Kameraleuten und Fotografen auf uns gerichtet. Der NDR wird im Radio und Fernsehen über den Prozessauftakt beichten, dazu die Lokalausgaben von "Welt" und "Bild" sowie das "Hamburger Abendblatt."

Die Hamburger Lokalpresse berichtete über den Prozessauftakt

Die Hamburger Lokalpresse berichtete über den Prozessauftakt

Der Angeklagten, nennen wir ihn für diesen Text Robert F., ist keiner der Sorte, die ihr Gesicht hinter einem Aktenordner verbergen. Der Ghanaer nutzt die Anwesenheit der Reporter, um eine Botschaft aus dem Buch Mose zu verbreiten. Er lächelt in die Kameras, "Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?", steht auf dem Blatt, dass er sich vor den Bauch hält.

Ein dankbares Motiv für die Pressevertreter, die kurz darauf ihre Kameras und Mikrofone ausschalten müssen: Während des Prozesses sind weder Bild- noch Tonaufnahmen erlaubt. Die Journalisten nehmen ebenso wie einige Zuschauer hinter einer Glaswand Platz. Neben den Prozessbeteiligten bleiben eine Beamtin fürs Protokoll und zwei Justizbeamte, die die herrlich antiquiert klingende Bezeichnung "Wachtmeister" tragen und für die Sicherheit sorgen sollen.

Bevor mein erster Prozess startet, müssen meine Mit-Schöffin und ich unseren Eid ablegen: "Ich schwöre, die Pflichten eines ehrenamtlichen Richters getreu dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und der Verfassung der Freien und Hansestadt Hamburg und getreu dem Gesetz zu erfüllen, nach bestem Wissen und Gewissen ohne Ansehen der Person zu urteilen und nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen." Klingt feierlicher, als es sich anfühlt.

Wir setzen uns und der Prozess beginnt. Er folgt, wie alle Gerichtsverhandlungen, einem festgelegten Ablauf: Aufruf der Sache und Feststellung der Anwesenheit, Feststellung der Personalien und Verlesung der Anklageschrift; Vernehmung der oder des Angeklagten zur Sache; Beweisaufnahme; Schlussvorträge und letztes Wort; Beratung, Urteilsverkündung und Rechtsmittelbelehrung.

Die Anklageschrift hat eine Besonderheit, auf die wir schon während des Einführungsseminars hingewiesen wurden. Unter anderem in Hamburg besteht sie aus nur einem einzigen Satz – und sei sie noch so lang. In Fall von Robert F. sind es sieben Seiten. Die Folge: viele, sehr viele Kommas. Das macht das Verstehen nicht unbedingt einfacher. Doch es gibt auch für die Schöffen eine Kopie der Anklageschrift.

Die Staatsanwaltschaft wirft Robert F. vor, in 23 Fällen insgesamt 29 ghanaischen Frauen, Männern und Kindern geholfen zu haben, illegal in die EU oder nach Deutschland einzureisen. Mal soll er die Flüge gebucht haben, die oftmals über Umwege nach Europa führten, mal soll er falsche Pässe organisiert haben, mal beim Untertauchen in Deutschland geholfen haben – teils mit Erfolg, teils ohne. Als Gegenleistung sollen jeweils Beträge in vierstelliger Höhe an den Angeklagten geflossen sein. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 32-Jährigen nicht vor, Menschen gequält oder in Gefahr gebracht zu haben. Horst Seehofers Stimme ist spätestens jetzt aus meinem Ohr verschwunden.

Nach dem Verlesen der Anklage kündigt Robert F. ein Geständnis an. Stundenlang tauchen wir in sein Leben ein, erfahren von ihm seinen Werdegang: Kindheit, Schule, Ausbildung, erste Vorstrafen wegen Betruges oder Fahren ohne Führerscheins, Jobs, Wohnorte, Schulden. Er hat es, so viel lässt sich schon jetzt sagen, in seinem Leben nicht leicht gehabt. Über seine Kirchengemeinde will er in das Schleusergeschäft geraten sein. Er helfe gerne und habe immer ein offenes Ohr für die Nöte seiner Landsleute. Ja, er habe Menschen geholfen, illegal nach Europa zu kommen. Doch je mehr die Richterin nachfragt, desto weniger räumt er die vorgeworfenen Taten so ein, wie sie in der Anklageschrift stehen. 

Er habe nur seine kranke Tochter nach Deutschland bringen wollen, seine Daten seien von anderen benutzt worden, er sei unter Druck gesetzt worden oder sei in einzelnen Fällen gar nicht an den mutmaßlichen Schleusungen beteiligt gewesen, erklärt Robert F. in seinen Einlassungen zum Beispiel.

Welche Versionen stimmen? Die der Staatsanwaltschaft? Oder die von Robert F.? Darum wird es nun in den folgenden Verhandlungstagen gehen. Die Beweisaufnahme beginnt.

Die Beweisaufnahme

Die Beweisaufnahme, quasi der Kern der Verhandlung, hat eine Aufgabe: "Hier soll das Tatgeschehen möglichst objektiv rekonstruiert werden", heißt es dazu im Leitfaden für die Schöffen. Sie dient der "Erforschung der Wahrheit", drückt es die Strafprozessordnung aus. 

Bevor ich mich im Rhythmus Montag-Mittwoch-Freitag mit der Erforschung der Wahrheit beschäftige, muss ich jeweils aber erst einmal warten. Wie die Zuschauer müssen auch die Schöffen durch die Personenkontrolle am Eingang des Strafjustizgebäudes. Es läuft ab wie am Flughafen. Uhr abnehmen, Gürtel ausziehen, und zusammen mit Portemonnaie und Schlüssel in eine Plastikwanne legen, durch ein Tor mit Metalldetektoren gehen – erst dann geht's ins Innere des Gerichtsgebäudes, allerdings ohne Handy. Es muss an der Eingangskontrolle abgegeben werden.

Das Prozedere ist ein Vorgeschmack auf die Gründlichkeit, mit der die Justiz arbeitet. Es ist allerdings auch notwendig. In dem Gebäude werden Morde verhandelt, Terror oder blutige Milieukonflikte. Immer wieder gab es in der Vergangenheit auch Angriffe auf den Gerichtsfluren oder im Saal.

Im Prozess von Robert F. ist davon glücklicherweise nichts zu spüren. Diszipliniert, kooperativ, höflich und strukturiert arbeiten sich alle Beteiligten durch die Beweisaufnahme. Die umfangreichen Ermittlungsakten bekommen wir Schöffen dabei nicht zu Gesicht, sie füllen sicherlich einen Regalmeter, nicht alles dürfte dabei aber für das spätere Urteil relevant sein. Hinzu kommt: Zur Urteilsfindung dürfen ausschließlich die im Saal angeführten Beweise dienen. Es kann sich dabei laut Strafprozessordnung um Sachverständigengutachten, Urkunden, Zeugenaussagen, die sogenannte Augenscheinnahme und natürlich um die Einlassungen des Angeklagten handeln. Im Prozess um Robert F. nehmen wir alle Arten von Beweismittel in Anspruch.

Was sind die Beweismittel? Klicken Sie sich durch die Beispiele:

Die Beweismittel
Zeugenaussage

Zwei Zeugen werden im Verlauf des Prozesses geladen. Bei einem handelte es sich um den in Deutschland lebenden Ehemann einer Ghanaerin, die Robert F. mutmaßlich aus dem westafrikanischen Land über Russland in die EU einschleusen wollte. Nachdem der Zeuge zunächst behauptet, er habe mit seiner Frau nur ein paar schöne Tage in Moskau verbringen wollen, räumt er nach einer Verhandlungspause ein, dass er sie aus der russischen Hauptstadt nach Deutschland bringen wollte – organisiert von Robert F.

Der zweite Zeuge ist der Ermittlungsleiter der Bundespolizei in dem Fall. Er schildert über anderthalb Verhandlungstage hinweg, wie er und seine Kollegen Robert F. auf die Spur gekommen sind: Telefonate wurden abgehört, Pässe geprüft, der Angeklagte observiert, Wohnungen durchsucht, Handys und Computer ausgewertet.

Augenscheinnahme

Sie bezeichnet im Verfahren gegen Robert F. im Wesentliche das gemeinsame Anschauen und Prüfen von Reisepässen, Passbildern und anderen Dokumenten. Bei Reisen unter falschen Identitäten kann so beispielsweise festgestellt werden, dass ein Bild im Reisepass nicht dieselbe Person zeigt, deren Foto im Ausländerzentralregister hinterlegt ist – und die mögliche Fälschung der Ausweise kann nachgewiesen werden. Auch Fotos, die zum Beispiel von der Polizei oder von Überwachungskameras aufgenommen wurden, werden in Augenschein genommen.

Sachverständigengutachten

Zwei Sachverständige werden im Laufe der Verhandlung hinzugezogen. Während der Angeklagte fortwährend behauptet, er sei auf einem seiner vielen Flüge von seiner Frau begleitet worden, sind wir fünf Richter wegen eines Fotos der reisenden Frau nicht davon überzeugt. Zeigt es wirklich die Ehefrau von Robert F.? Oder ist jemand unter ihrem Namen gereist? Um das abschließend zu klären, lässt die Vorsitzende Richterin ein anthropologisch-biometrisches Gutachten erstellen. Anhand des Vergleichs der Fotos kommt der Gutachter zu dem Schluss: Die beiden angebildeten Frauen sind nicht identisch. 

Deutlich umfangreicher sind die Gutachten, die ein Sprachsachverständiger für das Gericht erstellt. Im Rahmen der Ermittlungen hat die Polizei mehrere hundert Telefonate des Angeklagten abgehört und mitgeschnitten. Sie wurden zu Großen teilen in der Muttersprache des ghanaischen Angeklagten geführt: Asante-Twi, ein Dialekt einer der Amtssprachen Ghanas. Für das Gericht übersetzt und interpretiert der vereidigte Sprachsachverständige zahlreiche der Tonaufnahmen. 

Urkunden

Buchungsbestätigungen, Flugtickets, Observationsberichte, Kontoabrechnungen, Briefe, Polizeivermerke, E-Mails, Protokolle vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Hotelbuchungen – es sind unzählige Dokumente, die im Verhandlungsverlauf zur Sprache kommen, im wahrsten Wortsinne. Alle als Beweismittel eingebrachten Urkunden und Dokumente werden von der Vorsitzenden Richterin im Saal verlesen (Ausnahme: das Selbstleseverfahren, siehe unten).

Aussagen des Angeklagten

Den breitesten Raum in der Beweisaufnahme nimmt jedoch die Befragung von Robert F. ein. Er wird zu jedem einzelnen Vorwurf ausführlich befragt. Mal antwortet er schnell und nachvollziehbar, mal erscheinen seine Aussagen weniger glaubwürdig. Er erklärt, er rechtfertigt sich, er beschreibt, wie sich was aus seiner Sicht zugetragen hat. Er gesteht die einen Teile, bestreitet die anderen. Dass er sich umfassend äußert, erleichtert dem Gericht die Beweisaufnahme. Er hätte auch zur Sache schweigen können.

So verstreichen die Tage der Beweisaufnahme. Mal dauert ein Verhandlungstag sieben Stunden, mal nur eine halbe. Doch die Erforschung der Wahrheit endet für die Schöffen nicht beim Verlassen des Gerichtsgebäudes. Es vergeht kaum ein Prozesstag, an dem ich mit leeren Händen das Gerichtsgebäude verlasse. Regelmäßig wird "das Selbstleseverfahren angeordnet", wie es im Juristendeutsch heißt. Damit nicht alle Unterlagen stundenlang in der Verhandlung verlesen werden müssen, nehmen wir Schöffen Kopien der Schriftstücke mit nach Hause und müssen sie dort lesen. Darunter sind in unserem Fall  Buchungsbestätigungen von Fluggesellschaften, Observationsberichte der Polizei, Protokolle der Telefonüberwachung, Kopien von echten und womöglich gefälschten Reisepässen, Vermerke der Grenzbehörden, Auszüge aus dem Vorstrafenregister, Lohnabrechnungen – eben alles, was unter "Urkunden und Dokumente" fällt und der Wahrheitsfindung dienen möge. Anstatt auszugehen, fernzusehen oder ein Buch zu lesen, verbringe ich nun viele Abende mit den Gerichtsakten auf dem Sofa oder am Wohnzimmertisch, tauche mehr und mehr in die Welt von Robert F. ein – durch am Ende mehr als 800 Din-A4-Seiten.

Die einzelnen Fallkomplexe bekommen im Verlauf der Verhandlung schnell Namen wie "Istanbul", "Casblanca", "Moskau" oder "Dubai", je nachdem, welche Stadt bei den mutmaßlichen Schleusungen eine Rolle spielt. Schritt für Schritt gleichen wir im Saal die Aussagen von Robert F. mit den übrigen beweisen ab. Warum ist hier Geld geflossen? Wann war der Angeklagte an welchem Ort? Welche Flüge hat er wann gebucht? Was war Inhalt der Telefonate? Weshalb hatte der Angeklagte verschiedene Passbilder im Gepäck? Stückchen für Stückchen setzt sich das Puzzle zusammen – bis am Ende alles gesagt, alles ausgewertet, alles abgeglichen ist und wir die Wahrheit bestmöglich erforscht haben.

Das Urteil

Wir sind damit schneller durchgekommen als geplant. Die Wahrheitsfindung dauerte nur 17 Tage statt der vorgesehenen 25. Nun muss ein Urteil fallen. Nachdem Staatsanwaltschaft (sechs Jahre) und Verteidigung (2 Jahre, zehn Monate) plädiert haben, hat der Angeklagte das letzte Wort. Es ist still im Gerichtssaal, Robert F. schluchzt, es fließen Tränen. "Es tut mir sehr leid", kommt es aus ihm heraus. "Ich habe gegen Deutschland und Europa gesündigt. Es ist meine Schuld." Er bittet das Gericht und Gott um Verzeihung. "Geben Sie mir noch ein Chance, es wird nie wieder passieren." Stille.

Wir, die nun das Urteil fällen müssen, ziehen uns zurück. Im Beratungszimmer muss jeder der beteiligten Laien- und Berufsrichter seine Entscheidung treffen: Schuldig oder nicht schuldig? Und ein Urteil fällen: Welche Strafe ist gerecht?

Wer welche Strafe für angemessen gehalten hat, ob es schnell Einigkeit oder doch lange Diskussionen gegeben hat, welche Argumente ausgetauscht wurden, welche Fragen es gab – das alles muss geheim bleiben. Es gilt das richterliche Beratungsgeheimnis. Nichts, was im Beratungszimmer besprochen wird, darf hinausdringen. Am Ende steht ein gemeinsames Urteil der Großen Strafkammer fest, das die Vorsitzende Richterin dem Angeklagten verkündet: Er muss für drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. "Im Namen des Volkes."

23 Fälle hatte die Staatsanwaltschaft zur Anklage gebracht, wir sind sie alle detailliert durchgegangen, haben Unterlagen gelesen, Gutachter gehört, Zeugen und den Angeklagten befragt. Am Ende der Wahrheitsfindung blieben 14 Fälle übrig, in denen Robert F. gegen das Gesetz verstoßen hat. 

Das Hamburger Strafjustizgebäude

Das Hamburger Strafjustizgebäude

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Beim Urteilsspruch gibt die Vorsitzende Richterin dem 32-Jährigen wohlmeinende Worte mit auf den Weg. Er habe doch alle Chancen, sei clever, höflich, könne sich doch etwas aufbauen. Und doch verschwindet er gleich wieder in Begleitung der Wachtmeister durch die Tür hinter ihm. Durch einen unterirdischen Gang geht es für ihn zurück ins Untersuchungsgefängnis – so wie immer am Ende der vergangenen Verhandlungstage. Doch nun zum letzten Mal. Er wird in Kürze seine mehrjährige Haftstrafe in einem anderen Gefängnis antreten, seine Kinder und seine Frau nur noch zu den Besuchszeiten sehen.

Meine erste Verhandlung als Schöffe ist beendet. Ich verlasse das Strafjustizgebäude, die Sonne scheint. In den kommenden Tagen denke ich noch häufig darüber nach: Ist das Urteil gerecht? Und ich stelle mir die Frage, ob das Gefängnis wirklich immer die beste Antwort auf Straftaten ist.

Ein Fazit

Was hat es nun gebracht, dass ich an diesem Prozess mitgewirkt habe? Es waren interessante Tage: Ich habe miterlebt, wie Richterinnen und Richter arbeiten, wie gründlich und mit welchem Aufwand die Wahrheitsfindung betrieben wird. Was es in der Praxis bedeutet, dass jeder das Recht auf ein faires Verfahren hat: zuhören, abwägen, Perspektiven wechseln.

Aber ich habe auch einige der Probleme gesehen, mit der die Justiz zu kämpfen hat: Staatsanwälte müssen sich in der Verhandlung abwechseln, weil die Arbeit sonst nicht zu schaffen wäre. Richterinnen und Richter müssen Überstunden machen, damit sie ihre Verfahren vor- und nachbereiten können. Der Apparat wirkte auf mich bisweilen unterfinanziert. Dass im Gerichtsgebäude die Farbe von den Wänden blättert oder sich die Verhandlung mitunter in die Länge zog, weil Papierakten und elektronische Akten nicht einheitlich nummeriert sind, ist da nur eine Randnotiz.

Und warum müssen nun Schöffen bei Gerichtsverhandlungen mitwirken? Die Berufsrichterinnen und -richter sind dadurch gezwungen, ihre Arbeit zu erklären. Sie müssen für die Laienrichter Paragraphen und Abläufe deutlich machen und können sich nicht nur in einer Juristenblase bewegen. Die Justiz wird für den Normalbürger transparenter und ist in die Gesellschaft eingebunden, die Urteile unterliegen so einer öffentlichen Kontrolle. Das Recht wird quasi legitimiert – das ist gut und wichtig.

"Die Richter sind unabhängig und nur dem Gesetze unterworfen", heißt es im Grundgesetz. Sie fällen ihre Urteile "Im Namen des Volkes", aber sie reden dem Volk oder den Volksvertretern nicht nach dem Mund und sie arbeiten gründlich und fair – das ist eine beruhigende Erkenntnis aus dem zu Ende gegangenen Prozess.

Allerdings frage ich mich, ob es tatsächlich nötig ist, die Schöffen gleich für fünf Jahre zu verpflichten. Schließlich stellt die regelmäßige Teilnahme an Prozessen durchaus einen großen Eingriff in die dem Alltag dar. Tut es nicht auch ein Jahr? Oder zwei?

Dennoch überwiegt am Ende das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Nun ist für mich erst einmal Pause. Es wird wohl bald wieder ein Brief kommen – und die Kriminalität wieder in mein Leben treten.

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30. Mai 2019

© stern

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(