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Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Die Taten von Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach im Vergleich

Noch arbeiten die Ermittler, noch ist vieles zu den Tätern und Hintergründen unbekannt. Doch allmählich schälen sich einige Gemeinsamkeiten der Verbrechen von Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach heraus - und noch mehr Unterschiede.

Blumen für die Opfer liegen vor dem Olympia Einkaufszentrum in München. Hier erschoss David Ali S. neun Menschen und sich selbst

Die schlimmen Gewalttaten der vergangenen Tage, wie hier der Amoklauf von München, weisen einige Parallelen und viel mehr Unterschiede auf

In einem Atemzug werden Würzburg, München, Reutlingen und genannt, seit dort binnen einer Woche vier Gewalttaten die Öffentlichkeit schockierten. Täter und Taten scheinen einiges gemeinsam zu haben. Doch noch größer sind die Unterschiede.

Orte und Opfer

Eine Regionalbahn (Würzburg), ein Einkaufszentrum und ein Schnellrestaurant (München), eine belebte Straße (Reutlingen) sind öffentlich zugängliche Orte - und doch in ihrer Art sehr unterschiedlich. Der Selbstmordattentäter von Ansbach verletzte mit seiner Bombe 15 Menschen am Rande eines Musikfestivals, an dessen Eingang er abgewiesen wurde. Der Axt-Angreifer im Zug scheint seine schwer verletzten Opfer zufällig getroffen zu haben. Der Täter von München erschoss neun überwiegend jugendliche Menschen, alle Opfer sollen einen Migrationshintergrund gehabt haben. In Reutlingen starb eine Frau, die der Täter gut kannte; die, die er verletzte, traf er auf seiner Flucht.


Alter und Geschlecht

Alle vier Taten werden jungen Männern zugeschrieben. In Würzburg schlug nach Behördenangaben der Jüngste zu - ein 17-Jähriger. In München war es demnach ein 18-Jähriger, in ein 21-Jähriger. Der Mann mit der Bombe von Ansbach war schon 27 und verlor seine Frau und seinen sechs Monate alten Sohn, wie die "Bild"-Zeitung aus einem Gutachten zitierte, dessen Existenz das Bundesamt für Flüchtlinge bestätigte.

Herkunft und Status

Drei Männer kamen als Flüchtlinge nach Deutschland, zwei aus Syrien, der in Würzburg getötete Angreifer nach ersten Angaben aus Afghanistan. Der Mann in Reutlingen war anerkannter Flüchtling, der in Ansbach sollte nach Bulgarien zurückkehren. Für die mit neun Toten und 35 Verletzten folgenschwerste Tat wird ein Deutscher mit iranischen Wurzeln verantwortlich gemacht - er hob seine Nationalität in einem Video, das die für authentisch hält, besonders hervor: "Ich bin Deutscher, ich bin hier geboren worden."

Plan oder spontan

Der Münchner Schüler hat sein Tat lange vorbereitet, informierte sich nach Erkenntnissen der Ermittler zuvor über den norwegischen Massenmörder Anders sowie den Amoklauf in Winnenden und besorgte sich eine Waffe im sogenannten Darknet. Die Täter von Würzburg und Ansbach hatten ihre Angriffe offensichtlich ebenfalls geplant, aber weniger intensiv. Der Angreifer in Reutlingen griff nach Einschätzung der Ermittler hingegen spontan im Streit zur tödlichen Waffe, einem Dönermesser.

Vorgeschichte und Verdacht

Die Angreifer von München und Ansbach wurden wegen psychischer Probleme behandelt. Der 18-Jährige war der Polizei als Mobbing- und Diebstahlsopfer bekannt und soll häufig Ego-Shooter-Spiele gespielt haben. Über den Festgenommenen in Reutlingen erklärte die Polizei es nach der Tat, sie gehe Hinweisen auf psychische Probleme nach. Er sei schon wegen Körperverletzungen aufgefallen. Von dem 17-Jährigen in Würzburg heißt es, er galt als nett, höflich und etwas unsicher, habe ein Praktikum bei einem Bäcker gemacht und sich wohl unbemerkt radikalisiert.

Terror oder Amok

Die Taten von Würzburg und Ansbach hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für sich reklamiert. Der Würzburger Täter kündigte seine Attacke in einem Video an, das später das IS-Sprachrohr Amak später veröffentlichte. Zu Ansbach brachte Amak ein Bekennervideo heraus, dessen Authentizität zunächst unklar blieb. Für die Taten von München und Reutlingen schließt die Polizei einen terroristischen Hintergrund aus. Für den Amoklauf von München verdichten sich aber Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund des Täters. Er soll Adolf Hitler verehrt und Türken und Araber gehasst haben. Auch die Auswahl der Opfer und der Jahrestag des Breiviks-Attentats spricht dafür.

Waffen und Beschaffung

Die Reutlinger Tatwaffe fand sich am Arbeitsplatz des Angreifers, einem Imbiss. Die Würzburger Tat geschah mit einer frei verkäuflichen Axt und einem Messer. Der Attentäter von Ansbach sprengte sich mit einer wohl selbstgebauten Bombe in die Luft, die mit scharfkantigen Metallteilen in seinem Rucksack steckte. Der 18-jährige Münchner nutzte wie Breivik eine halbautomatische Glock-Pistole, die er sich illegal beschafft hatte.

Festnahme oder Tod

Der Angreifer von München erschoss sich am Ende selbst, der von Ansbach tötete sich mit der Zündung seiner Rucksackbombe. In Würzburg erschoss die Polizei den 17-Jährigen. Der 21-Jährige in Reutlingen lief vor ein Auto, fiel hin und wurde von der Polizei festgenommen - nur dieser Angreifer überlebte die Tat. 

Roland Siegloff / DPA