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Jahresrückblick

Vor Gericht: Serienmörder, Massenvergewaltigung, Rockermord: Diese Prozesse sorgten 2019 für Aufsehen

Im November startete in München ein kurioser Prozess. Ein falscher Arzt soll Frauen gedrängt haben, sich selbst Stromstöße zu verabreichen. Nicht das erste Verfahren, das dieses Jahr für Aufsehen sorgte. Der stern zeigt die zehn spektakulärsten Gerichtsfälle aus 2019.

Die Angeklagten Mario S. (l-r) und Andreas V. stehen im Gerichtssaal des Landgerichts nebeneinander

Die Camper, die jahrelang Kinder missbrauchten

Für Schlagzeilen sorgte im Jahr 2019 ein Campingplatz in Lügde. Über Jahre hinweg sollen hier etliche Kinder missbraucht worden sein. Die Haupttäter Andreas V. (mit Aktenordner vorm Gesicht) und Mario S. wurden Anfang September zu hohen Haftstrafen und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Das Landgericht Detmold verhängte eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren gegen den 56-jährigen Andreas V., der 34-jährige Mario S. erhielt 12 Jahre. Das Gericht ordnete außerdem die anschließende Sicherungsverwahrung für die beiden Deutschen an - zu groß sei das Risiko, dass sie sich nach der verbüßten Haft wieder an Kindern vergehen würden, begründete das Gericht. Auf dem Campingplatz im lippischen Lügde hatten die beiden jahrelang und hundertfach insgesamt 32 Kinder sexuell missbraucht. Andreas V. wurden insgesamt rund 290 Missbrauchstaten zur Last gelegt. Mario S. hatte sich in rund 160 Fällen an Mädchen und Jungen vergangen. Unter den Taten waren insgesamt rund 250 Vergewaltigungen. "Anal-, Oral- und Vaginalverkehr, um es hier mal beim Namen zu nennen", führte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda in ihrer Begründung aus. Die jüngsten Opfer waren zur Tatzeit erst vier Jahre alt. Neben der Vielzahl der Fälle, der Dauer des Missbrauchs und seiner Gewalttätigkeit wertete das Gericht die "infame und niederträchtige Vorgehensweise" der Angeklagten strafverschärfend: Beide Männer seien in der Verhandlung als "Kindermagnete" beschrieben worden, schilderte Grudda. Mit Geschenken und Unternehmungen um und im "Kinderparadies" Campingplatz hätten sie sich das Vertrauen der Kinder erschlichen und sich mit Erpressung, Gewaltandrohungen und emotionalem Druck das Schweigen ihrer Opfer gesichert. Zu den Opfern des Dauercampers zählte auch ein Mädchen, das als Pflegetochter bei ihm einzog und als Lockvogel diente, um an weitere Opfer zu kommen. Worte wie "abscheulich, monströs, widerwärtig" reichten nicht aus, das Geschehen zu beschreiben, fasste Grudda zusammen. "Sie haben 32 Kinder und Jugendliche zu Objekten ihrer sexuellen Begierden degradiert und 32 Kindheiten zerstört", sagte Grudda. Immer wieder wandte sich die Richterin direkt an die beiden Angeklagten: "Es ging Ihnen nie um die Kinder, es ging Ihnen immer um sich selbst." Die Kammer habe aufrichtige Reue bei beiden nicht erkennen können.

DPA

Mitte November startete am Landgericht München II ein Aufsehen erregender Prozess: Ein 30 Jahre alter Mann ist wegen versuchten Mordes an 88 Frauen und Mädchen angeklagt. Er soll sie per Skype dazu gebracht haben, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen.

Der Mann aus dem Raum Würzburg soll sich als Wissenschaftler ausgegeben und behauptet haben, er suche Teilnehmerinnen für eine medizinische Studie. Über Skype, so die Vorwürfe, wies er die Mädchen und jungen Frauen an, Apparate zu bauen, um sich selbst lebensgefährliche Elektroschocks zuzufügen. Die Videochats zeichnete der IT-Spezialist auf. Die zuständige Staatsanwaltschaft München II spricht von einem "ungewöhnlichen Fall". 

Ein Fetisch soll das mutmaßliche Motiv des Angeklagten sein. Es soll ihn sexuell erregt haben, wenn eine Frau durch einen Stromschlag Schmerzen erleidet.

Frauen sollten sich selbst Stromschläge verpassen

Über Skype, so die Vorwürfe, wies er die Mädchen und jungen Frauen an, Apparate zu bauen, um sich selbst lebensgefährliche Elektroschocks zuzufügen. Diese Videochats zeichnete er auf - um sie sich immer wieder ansehen zu können. Auf die Spur des IT-Fachmanns aus dem Landkreis Würzburg kamen die Ermittler, nachdem ein 16 Jahre altes Opfer des Mannes Anzeige erstattet hatte. Im Februar 2018 wurde er festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft. 

120 Opfer aus ganz Deutschland sollen laut Polizei auf ihn hereingefallen sein. Dass nur 88 Fälle davon nun angeklagt sind, liegt nach Angaben der Staatsanwaltschaft daran, dass "in den weiteren untersuchten Fällen (...) eine Strafbarkeit nicht gegeben oder nicht nachweisbar" sei.

Nun muss sich der 30-Jährige wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, Missbrauch von Berufsbezeichnungen und anderen Delikten vor dem Landgericht München II verantworten.

Es ist nicht der einzige Fall, der in diesem Jahr für Schlagzeilen sorgte. Der stern hat zehn weitere Prozesse zusammengetragen, die den Lesern mit Sicherheit noch gut in Erinnerung geblieben sind. 

jek / DPA