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Diebstahl: Hamburg sucht Störtebekers Schädel

Wer hat das Ding? Die Hells Angels? Grufties? Fußballfans? In Hamburg ist der Schädel des berüchtigten Piraten Klaus Störtebeker aus einem Museum verschwunden. Nun läuft eine bizarre Suche.

Von Roman Heflik

Und hoch! Höhnisch lachend reißt der Henkershelfer das abgehackte Haupt in die Höhe. Hier ist er, der Kopf der berüchtigten Verbrechers, des berühmten Piraten. Hier, seht, das ist der blutige Kopf von Klaus Störtebeker! Gerade hat der Scharfrichter den Piraten mit einem mächtigen Schwert enthauptet. Blitze zucken, Kirchenglocken läuten Sturm, grausiges Geheul schwillt zum Chor an.

Dann ist die Show vorbei. In der Hamburger Speicherstadt öffnet sich eine Tür, und die Besuchergruppe der Geisterbahn "Hamburg Dungeon" stolpert im Halbdunkel kichernd zur nächsten Grusel-Station weiter.

Es ist kein leichtes Leben und Sterben für Deutschlands bekanntesten Piraten im "Dungeon": mindestens sechs Mal die Stunde, sechs Stunden am Tag stirbt Störtebeker, immer und immer wieder. "Die Zuschauer finden die Störtebeker-Show toll", freut sich Sonja Bredtmann vom Hamburg Dungeon. "Störtebeker ist ja auch für Hamburg und Norddeutschland me-ga-bekannt." Und auch Sascha Albertsen von der Hamburg Tourismus GmbH sagt: "Störtebeker macht die Hamburger Historie authentisch."

Zusammen mit seinem Freund Godeke Michels gehörte Klaus Störtebeker gewissermaßen zu den Superstars der deutschen Piratenbranche des Mittelalters. Geboren um 1360 machte er sich als Mitglied der sogenannten Vitalienbrüder, einer Freibeuter-Gruppe, einen Namen. Und was für einen: Angeblich wurde er Störtebeker (=Stürz den Becher) genannt, weil er einen Vier-Liter-Humpen Bier aussaufen konnte. Beliebt schien er auch gewesen zu sein, zumindest kursieren seit damals Geschichten über mildtätige Gaben des Kapitäns an Bedürftige.

In Hamburg verehrt man lieber trinkfeste Gangster

Weil seine Karriere in Hamburg 1401 ein unschönes Ende fand, gehört Störtebeker inzwischen zur Elbmetropole dazu wie der Rollmops zum Labskaus, vielleicht sogar wie Blohm zu Voss. Andere Städte haben ihre Reliquienschreine mit den morschen Überresten vermeintlicher Heiliger - doch in Hamburg verehrt man in guter alter Rotlicht-Tradition lieber die Knochen eines mittelalterlichen und ziemlich trinkfesten Gangsters.

Ziel aller Piraten-Pilger war daher bislang das Museum für Hamburgische Geschichte, etwa zwei Kilometer Luftlinie vom Hamburg Dungeon entfernt. Zigtausende Exponate listet das Ausstellungsverzeichnis des Museums auf. Das wohl wichtigste Stück: Der sogenannte Störtebeker-Schädel, der mutmaßliche Totenkopf jenes me-ga-bekannten Freibeuters, und zugleich Stolz des ganzen Museums.

Museumssprecherin Bettina Beermann seufzt. Das wäre jetzt nicht schlecht: Wie im Dungeon einfach in einen Eimer greifen, und da wäre der Piratenkopf. Er müsste bloß aus echtem Knochen sein und nicht aus Silikonlatexschaum.

Plötzlich war die Störtebeker-Rübe weg

Aber die Vitrine im ersten Stock des Museumsbaus ist leer. Bis auf eine Gesichtsnachbildung, die man damals anhand des Schädels angefertigt hat, liegt nichts mehr darin. Und genau da liegt das Problem. Denn die Störtebeker-Rübe ist auf mysteriöse Art und Weise verschwunden. Die Polizei ermittelt bereits - und Tausende Hamburger fiebern mit.

Es scheint, als würde sich die Geschichte nach 600 Jahren wiederholen. Denn schon damals, im Mittelalter, waren die Hamburger ganz scharf auf Störtebeker. Allerdings keineswegs aus touristischen Gründen: Die Kaufleute der Stadt waren schwer genervt vom dem segelnden Suffkopp und Piraten Störtebeker, der ihnen dauernd in Nord- und Ostsee die schönen Handelsschiffe knackte.

Die Hansebürger verloren kurzzeitig die Contenance, für die sie so berühmt waren, und forderten den Kopf des Outlaws - und als Störtebeker ihnen am 22. April 1401 in die Falle ging, bekamen sie ihn auch. Und zwar mittels Schwert sauber abgetrennt vom restlichen Piraten.

Ohne Kopf an elf Kumpanen vorbeimarschiert

Der Legende nach aber gab es genau in diesem Moment eine Showeinlage der besonderen Art: Vor der Hinrichtung hatte Störtebeker von seinen Richtern Gnade erbeten für seine rund 70 Kumpane. Sein Vorschlag: Jeder, an dem er in enthaupteten Zustand vorbeilaufe, solle freigelassen werden. Der Rat lachte herzlich, stimmte zu - und musste erschrocken mitansehen, wie der kopflose Pirat an elf seiner Mitstreiter vorbeispazierte. Dann erst brachte ihn der Henker zu Fall. Die elf Piraten brachte man dann aber doch mit dem Rest der Gang um die Ecke. Störtebeker war vielleicht nicht erfolgreich gewesen - doch wer so abtritt, den vergisst man nicht.

Die Hamburger grübelten kurz, was sie mit der runden Piraten-Extremität anfangen sollten: Einerseits wollten sie Störtebeker-Fans von Nachahmer-Piraterie abschrecken. Andererseits könnte man vermuten, dass keiner von ihnen Lust verspürte, die bluttriefende Trophäe mit nach Hause zu schleppen. Also nagelte man den Kopf der Einfachheit halber gleich auf eine Planke am Hafen.

Trotzdem gelang den Hanseaten das Kunststück, den festgetackerten Knochen zu verschlampen. 1878 jedoch stießen ihre Nachfahren in Gestalt einiger Bauarbeiter an der ehemaligen Hinrichtungsstätte auf einen Schädel. Das Knochenteil hatte seinerzeit offensichtlich eine VIP-Behandlung genossen und war besonders liebevoll präpariert worden. "Muss wohl Störtebeker sein", dachten sich die Zuständigen, packten das Teil ein - und nagelten es letztendlich im Museum für Hamburger Geschichte schon wieder auf eine Planke.

Nach sechs Jahrhunderten wird wieder auf Störtebeker Jagd gemacht

Nach fast 600 Jahren hing also die Störtebeker-Birne wieder irgendwo, um von den Hamburgern begafft zu werden. Bis, ja, bis sie am 9. Januar verschwand. Einfach so. Aus einer abgeschlossenen Vitrine, von einem großen Nagel. Weg.

Und was passierte im Museum? Schrillende Alarmglocken, hektische Museumswächter, anrückende Polizei? Fehlanzeige. Es passierte: nichts. "Wir dachten erst, dass er vielleicht zu Restaurationszwecken von seinem Platz genommen wurde", sagte Bettina Beermann zerknirscht. Ganze vier Tage ließ man sich nicht aus der hamburgischen Entspanntheit bringen und schaute erstmal in aller Ruhe in allen Ecken des Museums nach. Als aber an Tag vier das runde Ding immer noch nicht wieder aufgetaucht war, schaltete man doch lieber die Polizei ein. Die ermittelt inzwischen wegen Diebstahls.

Sechs Jahrhunderte nach seinem Tod wird also auf Störtebekers Kopf wieder Jagd gemacht.

Dabei ist eigentlich alles unklar in diesem Fall. Das beginnt bei der Frage, ob der Knochen wirklich zu Störtebeker gehört. "Zu neunzig Prozent" stehe das fest, schätzt Beermann. Vieles deute darauf hin, auch das Alter der Knochen passe. Aber ein DNA-Test scheiterte, bei dem man das Erbgut aus dem Knochen mit heute lebenden Menschen namens Störtebeker hätte vergleichen können. Glaubt man einigen Stimmen, ist sogar die historische Identität des Piraten Störtebeker unklar.

Rocker oder Grufties - es wimmelt nur so vor Verdächtigen

Wer aber ein wirklicher Störtebeker-Fan ist, der stört sich nicht an solchen Details. Doch wer im Besitz der Räuber-Rübe ist, darüber gab es in den letzten Wochen wilde Spekulationen: Ein Grufti habe den Schädel bei sich im Keller, hieß es da. Fans vom FC Sankt Pauli, dem Fußballclub mit dem Totenkopf-Trikot, würden das Quasi-Fossil verehren. Schließlich kam auch die Rocker-Gang der Hell’s Angels in Spiel, die ebenfalls einen nackten Schädel in ihrem Logo tragen. Die "Hamburger Morgenpost" zitierte einen 58-jährigen Harley-Fahrer aus dem Umfeld der Rocker: "Klar, die Rot-Weißen haben den Schädel. Sie haben ihn zwar nicht selbst geklaut, aber der Dieb hat den Jungs das geile Teil geschenkt. Warum auch immer."

Während also die Hamburger Medien kopflos drauflos schreiben, kommen auch die schlauen Köpfe von der Polizei nicht weiter. Woher die bislang verbreiteten Verdächtigungen stammen, kann auch Polizeisprecher Holger Vehren nicht beantworten. "Wir ermitteln in alle Richtungen."

Vor kurzem sah es so aus, als sei der Spuk vorbei und Störtebeker wieder zurückgekehrt: Vor der Redaktion der "Hamburger Morgenpost" fand ein Angestellter einen Totenschädel, auf dem vermutlich die Hell’s Angels eine Schmähbotschaft gegen die verfeindeten "Bandido"-Rocker angebracht hatten. War der Störtebeker-Schädel wieder da und als neues Kommunikationsmittel zweckentfremdet worden?

Nein, heißt es bei den Hamburger Ermittlern, der gefundene Knochen sei gerade mal 60 Jahre alt, sozusagen ein Jungspund unter den Totenschädeln. Störtebeker bleibt also erstmal verschollen. Kein Grund zur Sorge, schließlich zeigt die Geschichte: Wenn die Hamburger scharf auf einen Kopf sind, dann kriegen sie ihn auch.