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Kriminalität: 14 Überfälle in 20 Jahren: Die Geschichte eines Elektrikers, der zum Räuber wurde

Er mag Motorräder und andere schöne Dinge. Doch von einem Elektrikergehalt kann ja kein Mensch leben – ein Mensch wie er jedenfalls nicht. Deswegen wurde er zum Räuber, immer und immer wieder.

Von Marc Bädorf

Dieser Bundeswehr-Elektriker beginn 14 Überfälle in 20 Jahren

Munition und Waffen, die Polizisten im September 2017 in den Wohnungen der mutmaßlichen Bandenmitglieder fanden. Links: Die zerschossene Seitenscheibe des Geldtransporters, der 2004 bei Wetter-Volmarstein ausgeraubt wurde. Angeklagt ist dafür nun Emil H., ein Elektriker bei der Bundeswehr.

Er ist Elektriker bei der Bundeswehr, ein ganz normaler Job. Tag für Tag rund acht Stunden Arbeit, Monat für Monat rund 3000 Euro Gehalt. Davon kann man ganz ordentlich leben und hin und wieder einen Urlaub bezahlen – das war's dann auch.

Weiter und weiter

Aber er mag seine Arbeit. Sie lässt ihm viel Zeit für alles Mögliche. Er ist mit 29 anderen Handwerkern zuständig für die Instandhaltung von Kasernen, in denen oft gar nichts kaputtgeht, und dann sitzt er da acht Stunden lang, und nichts passiert. So raucht er und füttert die Krähen und schaut den Wolken beim Vorbeiziehen zu, und am Nachmittag kommt er nach Hause und fragt sich wohl, ob er tagsüber irgendetwas mit einem Funken Sinn und Verstand gemacht hat. Wäre da nur die Arbeit, würde er vor Langeweile vielleicht zugrunde gehen. Aber da ist ja nicht nur die Arbeit. Er hat genug anderes zu tun, genug anderes zu planen.

Eigentlich müsste er sich nicht mehr um die Leitungen in irgendwelchen Kasernen kümmern, er hat in den vergangenen Jahren ausreichend Geld zwischen die Finger bekommen. Geld in Mengen, die für einen Menschen wie ihn nur begreiflich sind, wenn er sich ausrechnet, wie viele Jahre er dafür arbeiten müsste. Eine Million? 30 Jahre. Zwei Millionen? 60 Jahre. Drei Millionen? Ach, hör mir auf.

Er hat nicht im Lotto gewonnen, nein, aber er ähnelt diesen Lotto-Gewinnern, die das Geld in Säcken aus dem Fenster werfen und sich dann, nach drei Jahren oder fünf oder acht, wundern, wo es denn hin ist. Er mag Motorräder und andere schöne Dinge, und so ist das ganze tolle Geld, das mal seins war, bald wieder weg. Und von einem Elektrikergehalt kann ja kein Mensch leben – ein Mensch wie er jedenfalls nicht. Deswegen muss er weitermachen, weiter und weiter und darf nie aufhören.

Ein paar Kalaschnikows

Angefangen, lässt Emil H. seinen Anwalt vor Gericht sagen, habe alles in den Frühlingsmonaten des Jahres 1995. Was folgte, war eine der denkwürdigsten Überfall-Serien Deutschlands. 14 Geldtransporter hat Emil H., so gibt er zu, mit sechs Komplizen in wechselnder Konstellation ausgeraubt, quer durch halb Nordrhein-Westfalen, einmal sollen seine Komplizen außerdem noch ohne ihn tätig gewesen sein. Die Überfälle im Einzelnen: Langenfeld bei Düsseldorf im Jahr 1997, dann Hagen, 1998, Neuss, 2000. Düsseldorf, 2001, Werl, 2001. Werl, 2002. Wetter-Volmarstein, 2004. Wülfrath, 2006. Velbert, 2007, Erkrath, 2008, Solingen, 2008. Euskirchen, 2010. Neuss, 2012. Düsseldorf, 2012. Dortmund, 2015.

Lange Zeit hatte die Polizei keine Spur. Dann begingen die Gangster, von denen die meisten ein vollkommen gewöhnliches und unauffälliges Leben führten, einen Fehler. Und sitzen jetzt zu siebt seit dem Sommer des vergangenen Jahres vor dem Landgericht Hagen, sechs von ihnen angeklagt wegen bandenmäßigen Raubes in besonders schwerem Fall, einer wegen Beihilfe. Emil H. und drei weitere Komplizen sind außerdem wegen versuchten Mordes beschuldigt. Nach 38 Verhandlungstagen und mehr als 200 Zeugen soll Ende Januar das Urteil fallen.

Emil H. hat gleich zu Beginn des Prozesses von seinem Anwalt ein Geständnis vorlesen lassen, erklärt, dass es 1995 begonnen habe, weil er da, neben seinem sowieso schon erheblichen Alkoholkonsum, auch noch angefangen habe, Koks zu nehmen. Bald hätten die Tage, an denen er kokste, jene weit übertrumpft, an denen er das nicht tat – zahlenmäßig natürlich, aber auch sonst, im Allgemeinen, denn die Tage mit Koks waren die besseren. Vor Gericht sagt zwar niemand außer seinem Bruder, dass er Emil H. je mit Koks gesehen habe, und auch sonst gibt es wenig Anzeichen dafür, dass er sich nach seinen langen Tagen bei der Bundeswehr am Abend in der Wohnung noch einen Kick genehmigte. Aber er bleibt dabei: Drogen und Spielsucht waren es, die ihn in finanzielle Nöte führten, sodass er überall und allen Geld schuldete, dass er sich umschaute, wie er die Löcher in seinem Budget stopfen könnte.

Bei der Bundeswehr war für Emil H. nicht mehr viel zu rauszuholen. Da ihm auch sonst nichts Besseres einfiel, beschloss er, gemeinsam mit zwei anderen Männern, einen Überfall auf einen Geldtransporter zu begehen. Die beiden künftigen Komplizen waren, davon geht die Anklage aus, Joachim R., sein Schwager, und Josef J., ein guter Freund. Wie er selbst waren sie Deutsche polnischer Abstammung. Und wie er selbst hatten sie normale Arbeitsstellen mit normalen Gehältern – und nichts dagegen, diese Gehälter ein wenig (oder: ganz ordentlich) aufzubessern.

Viel Zeit zum Nachdenken bei der Bundeswehr

Sie fingen an, sich vorzubereiten. Für einen Überfall auf einen Geldtransporter, daran bestand für sie offenbar kein Zweifel, brauchten sie Waffen, am besten solche, die groß waren und teuer und furchterregend. Die Räuber besorgten sich über gewisse Kontakte ein paar Kalaschnikow- und G3-Gewehre sowie eine Panzerfaust-Attrappe. Dann schlich sich Emil H., der den Umgang mit Sturmgewehren günstigerweise bei der Bundeswehr erlernt hatte, heimlich durch das Loch eines Zauns auf ein Militärgelände, um dort mit seinen Neuerwerbungen zu üben.

Auch sonst überließen die zukünftigen Räuber nichts dem Zufall: Sie verbrachten Monate damit, die Routen von Geldtransportern auszukundschaften, sie überlegten, welche mit dem geringsten Risiko zu überfallen seien und zu welcher Zeit. Emil H. hatte ja bei der Bundeswehr viel Zeit zum Nachdenken, und auch den anderen beiden ließ die Arbeit offenbar Zeit zur Muße. Einer war angestellt beim Tiefbauamt der Stadt Hagen.

Viele, viele Monate gingen ins Land. Dann entschieden sich die Nebenerwerbsgangster dafür, ihren ersten Überfall an einem Samstagmittag in Langenfeld bei Düsseldorf zu begehen, genauer: um 14.02 Uhr am 21. Juni 1997. Sie klauten einen Mercedes, packten ihre Panzerfaust-Attrappe ein und bewaffneten sich mit ihren Gewehren, zogen Sturmhauben über. Der Geldtransporter, der soeben beim Supermarkt des Städtchens Einnahmen abgeholt hatte, war gerade losgefahren, als das Räubertrio ihn rammte und damit endgültig auf die schiefe Bahn abbog.

Nachdem sie den Geldtransporter gerammt hatten, stiegen zwei der Räuber aus dem Mercedes, zerschossen einen Vorderreifen des Transporters und zwangen Fahrer und Beifahrer mit vorgehaltener Waffe, die Tür zum Tresorraum zu öffnen und den Wagen zu verlassen. Der Fahrer und der Beifahrer leisteten – was blieb ihnen auch übrig? – den Anweisungen Folge und öffneten den Tresorraum. Die Räuber schnappten sich das Geld, rannten zu einem BMW, den der dritte Komplize steuerte. Dann verschwanden sie, im Kofferraum eine Beute von mehr als einer Million Mark.

Die Polizei, die bald am Tatort auftauchte, hatte nicht den Hauch einer Vorstellung, wer die Täter sein könnten. Und Emil H., Joachim R. und Josef J. waren jetzt reich. So fing es an.

Uhren, Autos, Grundstücke

Eine Million Mark und noch ein bisschen mehr, das ist viel Geld, doch für das Räubergespann, das die Beute angeblich bis auf die Kommastelle genau gleich unter sich aufteilte, reicht es gerade mal ein Jahr. Die Männer kaufen sich Uhren, Grundstücke, Autos, verleihen Geld an Menschen, die versprechen, es zu verdreifachen, es aber nie zurückzahlen, und die, wie in einem schlechten Witz, anschließend von Emil H. dafür angezeigt und vor Gericht gezerrt werden.

Doch Gerichtsprozesse dauern, das Geld ist bald alle, und so machen die Gangster weiter, fast im Jahresrhythmus.

Sie planen stets lange im Voraus, und zwar exakt und umsichtig, mit einem Blick für Details. Die Autos, mit denen sie die Transporter rammen, klauen sie manchmal bereits ein Jahr vor der Tat und bringen sie in gemieteten Garagen unter. Der Tatablauf selbst ist immer ähnlich: Meist rammen sie die Transporter, feuern einige Schüsse auf Reifen und Unterbau, zwingen die Fahrer dann, den Transporter zu verlassen.

Einmal, bei einem Überfall nahe der A 1 bei Wetter-Volmarstein, schießen sie durch die Windschutzscheibe und die Seitenscheibe des Transporters, verfehlen die Insassen nur knapp. Emil H. sagt, er wollte nicht, dass irgendjemand bei den Überfällen zu Schaden kommt – aber er nimmt es offenbar in Kauf.

Wenn ein Unternehmen läuft, expandiert es. Und genau das tun die Räuber. Während die Lokalpresse über ihre "filmreifen" Verbrechen berichtet und die Ermittlungen der Polizei ein ums andere Mal ins Nichts laufen, kommen immer neue Bandenmitglieder hinzu, allesamt Deutschpolen.

Da ist zum Beispiel Christoph C., Besitzer eines Autoplatzes im Ruhrgebiet, spezialisiert auf den An- und Verkauf von Fahrzeugen. Bei seiner späteren Vernehmung durch die Polizei erzählt er viele Geschichten, eine davon geht so: Irgendwann hat er das Trio-Mitglied Joachim R. kennengelernt, zufällig, während eines Urlaubs im Süden. Beide Männer haben gerade Ärger mit ihren Frauen, sie verstehen sich, und sie bleiben in Kontakt, auch in Deutschland.

Geldtransporter-Überfall-Geschäft

Als der Autohändler nach den Ferien feststellen muss, dass er von seiner Frau betrogen wird, rät der neue Bekannte ihm, Emil H. zu besuchen. "Der kann dir helfen, der hat das gleiche Problem", habe Joachim R. gesagt. "Der wollte sich sogar erschießen. Am Ende hat er sich aber nur zweimal ins Bein geschossen."

Also fährt Autohändler Christoph C. zu Emil H., will ihn betrunken und weinend und mit einer eiternden Wunde am Bein in seiner Wohnung angetroffen haben. Was genau der Urlaubsbekannte damit meinte, als er sagte, Emil H. könne helfen, bleibt unklar. Nach Angaben von Christoph C. besteht die Hilfe am Ende aus einem gemeinsamen Besäufnis und der leihweisen Überlassung von 60.000 Euro. Und, natürlich: Christoph C. wird Mitglied der Bande, nach Ermittlungen der Polizei als Beschaffer von Autos und als Fahrer von Fluchtwagen.

Teil der Gruppe ist bald auch Helmut S., ein weiterer Bekannter von Emil H. S. trägt, so erzählt es jedenfalls der Autohändler in seiner Vernehmung, stets schwarze Jeans, weiße T-Shirts, eine Bomberjacke und Springerstiefel. Er ist ein eher grober Typ, anscheinend vor allem dafür zuständig, das Geld, das Emil H. an Deutschpolen in der Gegend verleiht, wieder einzutreiben.

Und dann ist da Ernst H., der jüngere Bruder von Emil H. – was auf den ersten Blick nicht unbedingt auffällt. Während Emil H. eine Glatze hat und einen Bauchansatz, ist Ernst ein riesiger, muskulöser, bärenhafter Typ mit Bart. Lange Zeit konnten sich die Brüder nicht ausstehen, keiner weiß so wirklich, warum. Auch als Ernst, wahrscheinlich um das Jahr 2015, ins Geldtransporter-Überfall-Geschäft einsteigt, haben die Brüder kein harmonisches Verhältnis. Immer wieder schlagen sie sich die Köpfe ein, werfen sich, so hat es ein Bandenmitglied der Polizei erzählt, Bierkrüge an den Kopf. Doch wenn es um Geld geht, sind sie sich offenbar einig.

Showdown mit 200 Polizisten

Der letzte Überfall, von dem die Räuber nicht wussten, dass es der letzte sein würde, sollte ein Meisterstück werden, ein Meisterstück der Dreistigkeit. In einem Dortmunder Wohngebiet stoppten die Männer einen Geldtransporter der Firma Kötter. Während sich hinter ihnen die Autos stauten, schossen sie mit ihren Gewehren auf den Wagen, drohten mit der Panzerfaust-Attrappe. Dann versuchten sie mit einem Trennschleifer die Sicherheitstür des Transporters aufzuschneiden, konnten sie einen Spalt weit öffnen und verschwanden mit einer Beute von 300.000 Euro in zwei Autos. Dass sie dabei von Dutzenden Zeugen beobachtet wurden, schien ihnen egal zu sein.

In einem der Fluchtautos legten sie Feuer, die Polizei kam ihnen nicht auf die Spur. Wieder, dachten sie, war alles gut gegangen. Es würde auch weiterhin gut gehen. Aber das stimmte nicht.

Die Polizei, die kurzzeitig sogar ermittelt hatte, ob vielleicht ehemalige Mitglieder der RAF für die Überfälle verantwortlich sein könnten, war der Bande auf die Spur gekommen. Nach dem Überfall in Dortmund hatte sie Blutspuren gefunden und einen Zettel mit einer Telefonnummer, die beide schließlich zu Emil H. führten. Zwei Jahre nach dem letzten Coup, im September 2017, rückten 200 Beamte aus und nahmen die Bandenmitglieder fest.

Lückenhafte Erinnerung

Emil H. und sein Bruder Ernst H. haben ihre Beteiligung an Überfällen gestanden, ebenso der Angeklagte, der wegen Beihilfe vor Gericht steht. Die anderen verfolgen meist regungslos den Prozess, der nun schon sieben Monate andauert. Auch viele Zeugen sagen nichts oder jedenfalls nichts von Belang. Er kenne den Mann gar nicht, sagt ein Immobilienmakler, als er gefragt wird, warum einer der Räuber mit einer Wunde an der Hand in seinen Geschäftsräumen gelegen haben soll. Er sei überfordert gewesen, total überfordert, sagt einer von Emil H.s Kollegen bei der Bundeswehr, als er gefragt wird, warum seine Aussagen vor Gericht nicht so recht mit denen bei der Polizei zusammenpassen.

Und so ist der Ausgang des Verfahrens in mancher Hinsicht offen.

Mit einiger Sicherheit sagen lässt sich jedoch, dass der frühere Bundeswehrelektriker Emil H. in der Zukunft, der nahen und vielleicht auch in der nicht ganz so nahen, wieder sehr viel Zeit haben wird.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(