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Einst umstritten, nun unverzichtbar Wie der DNA-Massengentest die Verbrecherjagd revolutioniert hat

DNA-Test: Vor 20 Jahren überführt Massengentest Kindermörder
1998, Niedersachsen: Beamte der Oldenburger Polizei suchen am Fundort der Leiche von Ulrike E. im Ipweger Moor (Kreis Ammerland) nach Kleidungsresten des Opfers und weiteren Spuren
© Ingo Wagner / DPA
Vor 20 Jahren wurde der Kindermörder Ronny Rieken festgenommen. Möglich gemacht hatte das der erste erfolgreiche Massengentest in Deutschland. Die Aktion revolutionierte die Verbrechensbekämpfung.

Es war der erste erfolgreiche Massengentest in Deutschland: Nach dem Mord an der elfjährigen Christina N. aus Strücklingen in Niedersachsen (Kreis Cloppenburg) vor 20 Jahren sammelte die Polizei Speichelproben von 15.000 jungen Männern aus der Umgebung, obwohl es dafür damals noch keine gesetzliche Grundlage gab. Die DNA-Reihenuntersuchung war ein datenschutzrechtlich umstrittener Schritt, der aber von Erfolg gekrönt war. "Der Fall Ronny Rieken sorgte seinerzeit für intensive Diskussionen und größte Aufmerksamkeit", sagt der Sprecher des niedersächsischen Landeskriminalamtes, Frank Federau.

Am 29. Mai 1998 wurde der damals 30-jährige einschlägig vorbestrafte Ronny Rieken aus Elisabethfehn (Kreis Cloppenburg) in seinem Garten festgenommen. Die Probe mit der Nummer 3889 stimmte mit den Spuren überein, die der Täter am Tatort hinterlassen hatte. Rieken war damit der erste Straftäter bundesweit, der mit einem DNA-Massentest überführt werden konnte. Rieken hatte freiwillig eine Speichelprobe abgegeben, weil er keine Ausrede hatte, als Verwandte ihn zur Teilnahme drängten.

Später gestand der dreifache Familienvater, dass er neben Christina N. auch die 13-jährige Ulrike E. aus dem Ammerland entführt, missbraucht und getötet hatte. Das Mädchen war mit einer Pony-Kutsche unterwegs gewesen, Rieken hatte es an den Haaren vom Kutschbock gezogen. Ulrike galt danach als vermisst. Rieken führte die Beamten schließlich an den Ort, wo er damals den Leichnam abgelegt hatte.

DNA-Reihenuntersuchung ist "ein Meilenstein"

Die DNA-Reihenuntersuchung sei "ein Meilenstein" gewesen, sagt LKA-Sprecher Federau heute. Massengentests sind seitdem keine Seltenheit mehr bei der Verbrechensbekämpfung, die Gesetzeslage wurde entsprechend angepasst. Die Abgabe der DNA-Proben erfolgt auf freiwilliger Basis, sie dürfen nur mit der Tatortspur verglichen werden, anschließend müssen die Daten vernichtet werden.

Noch immer gilt der Massengentest vor 20 Jahren als einer der größten in Deutschland. Ähnlich aufwendig war ein Reihentest 2006 im Raum Dresden. Mehr als 14.000 Männer gaben ihre Speichelproben ab, nachdem zwei Mädchen entführt und vergewaltigt worden waren. Die Behörden hatten sich sogar auf bis zu 100.000 Teilnehmer eingerichtet. Dazu kam es nicht, der Kinderschänder konnte eher gefasst werden.

Viele DNA-Reihenuntersuchungen blieben aber auch erfolglos, so etwa im Fall der Vergewaltigung einer Rügen-Urlauberin vor einem Jahr. Zwei Massengentests brachten keinen Treffer. Die Polizei hatte 500 Männer zur freiwilligen Abgabe einer Speichelprobe aufgerufen.

"Die Gendatei ist inzwischen ein unverzichtbares Mittel zur Kriminalitätsbekämpfung"

Doch der Massengentest im Mordfall Christina hatte noch eine andere Folge: Er trieb den Aufbau einer nationalen DNA-Analyse-Datei voran. Diese ging noch während der damaligen Ermittlungen an den Start. Zentral gespeichert sind darin DNA-Muster von Straftätern und von ungeklärten Straftaten. Ende 1998 lagerten dort nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) 600 Datensätze, aktuell sind es knapp 1,2 Millionen. "Die Gendatei ist inzwischen ein unverzichtbares Mittel zur Kriminalitätsbekämpfung", betont eine BKA-Sprecherin. Seit Errichtung der Datei konnte 210.000 Mal eine Tatortspur einer Person zugeordnet und damit vermutlich eine Tat aufgeklärt werden.

Insbesondere bei Tötungsdelikten leiste die DNA-Analyse gute Dienste. Am Tatort gefundene Spuren wie Haare oder Blut könnten innerhalb von Tagen abgeglichen werden. So geschah es auch nach dem Mord an dem Münchner Modezaren Rudolf Mooshammer im Jahr 2005. Der Fall wurde rasch aufgeklärt, weil der Mörder in der Datenbank gespeichert war. So wie Ronny Rieken wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Janet Binder / fs DPA

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