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DNA-Panne im "Phantom"-Fall: "Das hätte nicht passieren dürfen"

Alles deutet daraufhin, dass das Rätsel um das "Phantom von Heilbronn" gelöst ist. Noch prüft die Polizei ihren gesamten Bestand, doch laut Baden-Württembergs Jusitzminister sind stern.de-Informationen, nach denen DNA-Spuren der gesuchten Frau durch verunreinigte Wattestäbchen der Spurensicherung verteilt wurden, "höchst plausibel".

Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) hält das Rätsel um das "Heilbronner Phantom" für gelöst. Die an Dutzenden Tatorten gefundenen DNA-Spuren stammten vermutlich nicht von einer angeblichen Serientäterin und Polizistenmörderin, sondern seien eher auf Verunreinigungen von Wattestäbchen der Spurensicherung zurückzuführen. Goll bestätigte damit die Recherchen von stern.de. Die Polizei kündigte an, nun bundesweit den Wattestäbchen-Vorrat der Spurensicherung auf Verunreinigungen zu überprüfen. Der Bund der Kriminalbeamten forderte angesichts des Falls ein Gütesiegel für DNA-Analysen.

Dass die DNA durch verunreinigte Wattestäbchen der Spurensicherung auf die Beweismittel zu mindestens 40 Fällen geraten sind, habe "eine hohe Plausibilität", sagte Justizminister Goll am Donnerstag in Stuttgart. Er stelle sich darauf ein, dass es tatsächlich so gewesen ist - obwohl sich sein Innenministerkollege Heribert Rech (CDU) vorsichtiger äußerte und keine "voreiligen Schlussfolgerungen" ziehen wollte. Goll sagte dennoch bereits: "Das hätte natürlich nicht passieren dürfen." Den Ermittlern dürfe daraus aber kein Vorwurf gemacht werden. Sie hätten nichts falsch gemacht. "Die sehen es einem Wattestäbchen ja nicht an, dass da schon was dran ist", sagte der Minister. Immerhin: "Es ist nahezu auszuschließen, dass aufgrund einer solchen Panne tatsächlich jemals ein Unschuldiger für eine Tat verurteilt wird, die er nicht begangen hat", stelte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, fest.

Alle Wattestäbchen werden überprüft

Auf die Polizei kommt nun eine Menge Arbeit zu. Alle Wattestäbchen für die Spurensicherung, die derzeit in ihren Lagern liegen, müssen getestet werden. "Es sind allein einige tausend bei uns in Baden-Württemberg, die auf eine mögliche Verunreinigung hin überprüft werden", sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) in Stuttgart. Hinzu kommen die Watte-Sticks in anderen betroffenen LKA-Bereichen. Mitarbeiter der Firma, von der aus die Wattestäbchen in Umlauf gebracht wurden, sollen Speichelproben abgeben.

Die bereits vorhandenen Wattestäbchen werden zur Spurensicherung nicht mehr eingesetzt. Die Polizei ermittelt auch bei allen mit dem Wattestäbchenhersteller beteiligten Firmen. "Wir versuchen die Herstellungswege und -stationen der Wattestäbchen nachzuvollziehen. Die Komponenten stammen nicht vom ein- und demselben Hersteller", sagte der LKA-Sprecher. Ohnehin könnten in vielen Bundesländern Polizeibehörden selber entscheiden, wo sie die Stäbchen kaufen.

Sollte es tatsächlich Verunreinigungen gegeben haben, müssten für die Zukunft Sicherungsmechanismen eingebaut werden, dass so etwas nicht mehr passiere, betonte Goll. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte, eine Art Gütesiegel einzufürhen, um die Möglichkeit von Falschanalysen wegen Verunreinigungen auszuschließen. "Die Hersteller sollten den Packungen DNA-Merkmale der beteiligten Mitarbeiter als Code beilegen", sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen den "Stuttgarter Nachrichten". "Damit könnte diese Spur sofort ausgeschlossen werden." Auch bei der Sicherung von Fingerspuren seien in der Vergangenheit Merkmale des sachbearbeitenden Polizisten vermerkt worden, um nicht versehentlich nach eigenen Leuten zu fahnden.

Je feiner die Analyse, umso größer die Gefahr von Fehlern

Dass mit den immer besseren Methoden des genetischen Fingerabdrucks auch Gefahren von Fehlern heraufbeschworen werden, hatte der BKA-Experte und Serologe Hermann Schmitter bereits vor einiger Zeit festgestellt. "Die Untersuchungsmethoden sind derart verbessert und empfindlich geworden, dass sich die Frage stellt, was überhaupt spurenrelevant ist." Die wesentliche Arbeit im Labor sei nicht, alle gefundenen Spuren auszuwerten, sondern zu klären, "was überhaupt ins Reagenzglas gehört".

DPA/AP/dho / AP / DPA