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Dominique Strauss-Kahn: Broadway-Star wider Willen

Er logiert in einem goldenen Käfig, trägt eine elektronische Fußfessel und wird rund um die Uhr bewacht. Die Anwälte des Ex-IWF-Chefs heuern indes Detektive an, um seine Unschuld zu beweisen.

Es ist ein elegantes Apartmenthaus, in dem Dominique Strauss-Kahn nun logiert: Gelegen am Broadway im Herzen von Manhattan. Ground Zero, die Wall Street und die historische Trinity Church sind nebenan, ein Stück die Straße hinunter liegt der beliebte Mode-Schnäppchenladen Century 21. Doch von alldem hat Strauss-Kahn nichts - seit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft steht er unter Hausarrest, seine Wohnung ist ein goldener Käfig.

Die Auflagen unter denen der Ex-IWF-Chef freigelassen wurde, sind äußerst streng: Er musste eine Million Dollar (umgerechnet 700.000 Euro) Kaution und Bürgschaften in Höhe von fünf Millionen Dollar hinterlegen. Der 62-Jährige wird zudem rund um die Uhr von bewaffneten Sicherheitsleuten überwacht und muss eine elektronische Fußfessel tragen. Verlassen darf er die Wohnung nur aus medizinischen Gründen. Erst später, wenn er in ein ständiges Domizil umgezogen ist, sind auch von Sicherheitsleuten begleitete Fahrten zu Gerichtsterminen, Treffen mit Anwälten oder Besuche in der Synagoge erlaubt - und auch das nur bei sechsstündiger Voranmeldung.

Anwälte verlassen sich nicht nur auf die Justiz

Strauss-Kahns Anwalt Benjamin Brafman unterstellte der US-Justiz, die strengen Auflagen für seinen Mandanten seien einem Prominenten-Malus geschuldet. Der israelischen Zeitung "Haaretz" sagte er, das Gericht habe nur deshalb eine so hohe Kaution gefordert, weil Strauss-Kahn berühmt und zudem Ausländer sei.

Brafman geht davon aus, dass Strauss-Kahn nicht verurteilt wird. "Er wird sich für nicht schuldig erklären, und am Ende wird er freigesprochen werden", so der Staranwalt. Offenbar verlässt sich der Verteidiger dabei nicht nur auf die Ermittlungen der Justiz. Auch eine Firma für Krisenmanagement soll dem Angeklagten helfen: Die von ehemaligen CIA-Mitarbeitern und früheren US-Diplomaten geleitete TD International in Washington ist bereits angefragt worden. Die französische Zeitung "Le Monde" berichtete zudem, Strauss-Kahns Anwälte hätten auch die Privatdetektei Guidepost Solutions eingeschaltet.

Zum Broadway-Star wider Willen avanciert

Was sich vor der Tür des neoklassizistischen Gebäudes abspielt, wird dem Angeklagten wenig gefallen: Vor dem von Marmorsäulen und Adler-Skulpturen verzierten Eingang lauert seit Freitag eine riesige Menge von Journalisten, Fernseh-Übertragungswagen säumen die Straße. Und binnen weniger Stunden ist der Franzose zum Broadway-Star wider Willen avanciert: "Auf der rechten Seite sehen Sie das Gebäude, wo der IWF-Chef jetzt unter Hausarrest steht", sagen Reiseleiter auf den offenen Doppeldecker-Bussen, die regelmäßig auf Stadtrundfahrt vorbeikommen.

Die anderen Bewohner des 1898 erbauten Empire Buildings mit seinen schicken Altbau-Wohnungen, Dachgarten und privater Sporthalle sind über ihren neuen Nachbarn indes alles andere als begeistert. "Ich bin ein bisschen schockiert", sagt ein gutgekleideter Man, als er den Medienzirkus vor der Tür sieht. "Das ist ziemlich surreal." Gemma Harding verlässt das Haus in weißem Abendkleid und Webpelz, als sie auf Strauss-Kahns Anwesenheit in dem Gebäude angesprochen wird. "Mir gefällt das nicht, ich finde es etwas angsteinflößend", kommentiert sie.

Nicole Mitrovic kommt gerade von einer Yoga-Stunde nach Hause, als sie von ihrem neuen Nachbarn erfährt. "Ich bin nicht besonders begeistert. Wird er bewacht? Als Frau mache ich mir ein bisschen Sorgen um mein Wohlergehen", sagt die 23-Jährige. "Ich werde die Augen offenhalten."

GPS sendet rund um die Uhr metergenaue Angaben

Doch die Aussichten, dass Mitrovic oder einer der anderen Hausbewohner Strauss-Kahn über den Weg laufen wird, sind minimal. Sollte der ehemalige IWF-Chef versuchen, die Wohnung zu verlassen, würde er vor der Tür sofort auf einen Sicherheitsmann stoßen. Zudem würde er von einer Überwachungskamera gefilmt werden, und seine elektronische Fußfessel würde rasch weitere Sicherheitsleute alarmieren. Diese "Personal Tracking Unit" liefert rund um die Uhr per GPS metergenaue Angaben dazu, wo Strauss-Kahn sich befindet.

Die Bewacher führen über alle Besucher bei Strauss-Kahn Buch. Nur vier Leute gleichzeitig dürfen den früheren IWF-Chef besuchen, Familienmitglieder nicht mitgezählt. Alle Besucher werden vor Betreten des Apartments auf Waffen durchsucht. Bei alledem muss Strauss-Kahn die auf mehr als 200.000 Dollar monatlich geschätzten Kosten für seine Rund-um-die-Uhr-Überwachung durch die Sicherheitsfirma Stroz Friedberg auch noch selbst tragen - plus möglicherweise entstehender Anwaltskosten für Stroz Friedberg, falls deren Sicherheitsleute Gewalt anwenden müssten.

Feministen beklagen sexistische Reflexe

In Frankreich ist wegen des DSK-Vorfalls nun eine Diskussion über frauenfeindliche Tendenzen in der Öffentlichkeit entbrannt, wie Feministinnen beklagen. Der Ex-IWF-Chef und dessen Freunde hätten die Leiden des mutmaßlichen Opfers heruntergespielt. Es gebe seither deutlich mehr sexistische und reaktionäre Reflexe in der französischen Elite, erklärten Frauengruppen. So hatte der ehemalige Kulturminister Jack Lang erklärt, Strauss-Kahn hätte schon längst freigelassen werden müssen, da ja schließlich "niemand gestorben ist".

nik/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters