HOME

Doppelanschlag in Norwegen: Polizei soll den Täter aus der Luft angegriffen haben

Mit einem Hubschrauber und Tränengas hat die Polizei angeblich den mutmaßlichen Attentäter von Norwegen gestellt. Mittlerweile 92 Menschen sollen den Anschlägen zum Opfer gefallen sein.

Der mutmaßliche norwegische Attentäter Anders Behring B. ist nach offiziell unbestätigten Angaben von Antiterror-Spezialisten aus der Luft angegriffen und mit Tränengas betäubt worden. Der TV-Sender NRK berief sich auf "Polizeikreise" Die Spezialeinheit soll am Vortag sofort nach den ersten Meldungen über Schüsse per Hubschrauber zu der 40 Kilometer entfernten Insel Utøya geflogen sein. Die Polizei wollte nichts über die Umstände der Festnahme des als rechtsradikal eingestuften Norwegers mitteilen. Im Sender NRK wurden Videobilder mit dem als Polizisten verkleideten 32-Jährigen gezeigt, wie er vor der Festnahme eine Pistole auf einen am Boden liegenden Jugendlichen richtet. Daneben liegen direkt am Wasser mehrere Verletzte oder Tote.

Der mutmaßliche Verantwortliche war früher Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei (FrP) und seiner Jugendbewegung. Der Tatverdächtige sei zwischen 1999 und 2006 FrP-Mitglied gewesen, teilte die Partei mit. Zwischen 2002 und 2004 habe er eine verantwortliche Stellung innerhalb der Jugendorganisation FpU innegehabt. Die frühere Mitgliedschaft des mutmaßlichen Täters mache sie "noch trauriger", erklärte Parteichefin Siv Jensen.

Sechs Tonnen Kunstdünger gekauft

B. könnte seine Bomben aus großen Mengen Kunstdünger hergestellt haben. Nach Angaben des TV-Senders NRK betreibt er eine kleine Firma für Agrarprodukte. Ein wesentlicher Bestandteil von selbsthergestellten Spengkörpern ist Kunstdünger. "Wir haben ihm Anfang Mai sechs Tonnen Dünger verkauft, was eine ziemliche Standard-Bestellung darstellt", sagte die Sprecherin einer landwirtschaftlichen Kooperative, Oddny Estenstad, am Samstag. Zur genauen Zusammensetzung des synthetisch hergestellten Düngers wollte sie keine Angaben machen. Angesichts der erheblichen Zerstörung im Regierungsviertel dürfte der detonierte Sprengsatz sehr schwer gewesen sein.

Auch für seinen zweiten Anschlag hatte Anders Behring B. alles Notwendige. Als Jäger sind auf ihn zwei Waffen zugelassen: ein Automatikgewehr und eine Pistole. Kaltblütig, brutal und möglicherweise aus kruden politisch-religiösen Motiven hat der Attentäter damit 85 Jugendliche auf der norwegischen Insel Utøya regelrecht gejagt und hingerichtet.

Augenzeuge: "Ich habe mich tot gestellt."

Schock, Verzweiflung und ungläubiges Entsetzen in Norwegen: Polizeisprecher Oystein Mæland rang am Samstagmorgen mit sich, als er im TV-Sender NRK das Ausmaß des Massakers bekanntgeben musste: "Man kann das nur schwer fassen." "Das ist ein Albtraum", sagte der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg. "Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt." Seit dem Zweiten Weltkrieg hätten die Norweger keine schlimmere Katastrophe erlebt, so Stoltenberg.

Eine Hölle aus der immer mehr der Überlebenden berichten: Lisa Irene Johansen Aasbø etwa, von ihrer Mutter im Arm gehalten, erzählte, wie sie vor dem wild schießenden Attentäter in Polizeiuniform und schusssicherer Weste am Ende ins Wasser geflüchtet war, um schwimmend zu entkommen. "Ich habe überlebt, weil Menschen kamen und mich in ihr Boot gezogen haben."

Jagd auf die Flüchtenden gemacht

Der 32-jährige Attentäter sei mit Taschen voll Waffen und Munition in das Camp gekommen, berichtete ein Augenzeuge. Mit einer halbautomatischen Pistole habe er in die Menge geschossen und anschließend regelrecht Jagd auf die Flüchtenden gemacht. Einigen am Boden liegenden verletzten Kindern und Jugendlichen soll er dann mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen haben, sagten Augenzeugen.

Er sei nur entkommen, weil er sich unter Leichen versteckt und sich tot gestellt habe, berichtete ein 21-jähriger Norweger dem US-Nachrichtensender CNN. "Er war so nah, ich konnte ihn atmen und die Schritte seiner Stiefel hören."

Aus Sicht der Helfer schilderte die Norwegerin Torill Hansen im NRK-Rundfunk, was für sie das Schlimmste war: Sie hatte mit ihrem Motorboot im Tyrifjord schwimmend flüchtende Jugendliche aus dem Wasser geholt. "Als ich zehn aufgenommen hatte, war das Boot voll. Es war so schrecklich, als ich die elften und zwölften abweisen musste." Das Wasser im Oslofjord ist auch im Sommer bitterkalt. Die Strecke von der Insel an das Festland ist eigentlich nur für sehr geübte Schwimmer zu bewältigen.

Polizei sucht zweiten Verdächtigen

Das Vorgehen des Täters war unglaublich kaltblütig. Nach seinem Bombenanschlag im Regierungsviertel der Hauptstadt bei dem sieben Menschen starben, war der Mann wohl mit dem Auto zu der Insel gefahren, um das Jugendlager der Partei von Ministerpräsident Stoltenberg zu attackieren. Etwa 560 Menschen waren in dem Ferienlager zusammengekommen. Als Polizist verkleidet habe er die Jugendlichen zusammengerufen. Er habe gesagt: "Kommt zu mir, ich habe wichtige Informationen, kommt zu mir, es besteht keine Gefahr", sagte die 15-jährige Elise nach Angaben der Nachrichtenagentur NTB. Dann habe er geschossen. "Die Leute rannten überall wie die Verrückten. Er schoss, er schoss", berichtete das Mädchen.

Möglicherweise handelte der Attentäter nicht allein. Die norwegische Polizei sucht nach einem möglichen zweiten Täter bei den Anschlägen vom Freitag. Das berichteten der TV-Sender NRK und die Nachrichtenagentur NTB unter Berufung auf die Polizei. Als Hintergrund wurden die Angaben von Augenzeugen genannt.

Eine nationalistische Gesinnung gehabt

Anders Behring B. habe "eine nationalistische Gesinnung" und sei "antimuslimisch" eingestellt, sagte die Polizei. Über sein genaues Motiv habe er indes noch nichts ausgesagt "Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass er sich erklären wird", sagte Fahndungschef Øystein Mæland. Die Angaben des Mannes über sich selbst deuteten auf einen "christlich-fundamentalistischen" Standpunkt hin.

Das Feriencamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF war "multikulturell orientiert", erzählten Teilnehmer. Als Gegner eines multikulturellen Norwegen hatte sich der mutmaßliche Attentäter im Internet präsentiert.

hlue/DPA / DPA