Doppelmord in Schweden Lebenslange Haft für deutsche Studentin

Eine Studentin aus Hannover ist in Schweden wegen Mordes an zwei Kleinkindern und Mordversuchs an der Mutter zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Motiv der 32-Jährigen für die Bluttat: Eifersucht. Voraussichtlich kann die Frau ihre Strafe in Deutschland verbüßen.
Von Thomas Krause

Bis zuletzt hatte Christine S. alle Tatvorwürfe bestritten. Umsonst. Denn nach Auffassung eines Gerichts in der schwedischen Stadt Västerås ist die 32-jährige Studentin aus Hannover schuldig - schuldig, zwei Kinder im Alter von einem und drei Jahren mit einem Hammer erschlagen und deren 23-jährige Mutter schwer verletzt zu haben. Als Motiv der mutmaßlichen Täterin führte die Staatsanwaltschaft Eifersucht an. Denn die Opfer waren die neue Freundin von Christines Ex-Freund Torgny H. und deren Kinder.

Schon Ende August, lange vor dem förmlichen Urteil, hatte sich das Gericht weitgehend auf die Schuld der Deutschen festgelegt. Am Dienstag nun haben die Richter das Strafmaß verkündet: Christine S. muss in lebenslange Haft, eine Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt bleibt ihr erspart. Ein Gutachten hatte der Deutschen attestiert, an keiner ernsthaften psychischen Störung zu leiden.

Nach Schilderung der Staatsanwaltschaft hat sich das Verbrechen folgendermaßen zugetragen: Es ist der frühe Abend des 17. März 2008, als die junge Schwedin der Person die Tür öffnet, die ihre Kinder erschlagen wird. Die Spuren von mehr als vierzig Hammerschlägen finden die Gerichtsmediziner später an den Leichen von Max, 3, und der einjährigen Saga. Auch die 23-Jährige selbst wird angegriffen, erleidet schwere Kopfverletzungen und fällt ins Koma. Erst zehn Tage später erwacht sie wieder. Unterdessen flieht die Deutsche nach Angaben der schwedischen Polizei nach Deutschland. Am 20. März stellt sie sich in Hannover der Polizei, Ende April wird sie nach Schweden ausgeliefert.

Tragisches Ende eines Urlaubsflirts

Nach dieser Darstellung ist der Doppelmord das tragische Ende eines Beziehungsdramas, das als Urlaubsflirt begann. Auf der griechischen Insel Kreta hatten sich Christine S. und Torgny H. im August 2006 kennengelernt und eine Beziehung begonnen. Doch die Liebe währte nur wenige Monate. Schon als Christine S. den Schweden im Dezember 2006 in Arboga besuchte, spürte Torgny H. nach eigener Aussage, dass ihre Beziehung zu Ende sei. Ihre Interessen seien zu unterschiedlich gewesen, sagt der 28-Jährige vor Gericht aus. Mehrfach habe er versucht, die Beziehung zu beenden, doch die deutsche Studentin habe das nicht akzeptieren wollen.

Stattdessen begann sie offenbar, ihren Ex-Freund mit E-Mails und Telefonanrufen zu belästigen. Sie zog ihm sogar nach Schweden hinterher. Doch H. hatte ein neues Glück gefunden: Er lebte mit der 23-Jährigen und ihren beiden Kindern zusammen. Eine Beziehung, die Christine S. nach Einschätzung von Staatsanwältin Frieda Gummesson mit "immer drastischeren Maßnahmen" zu verhindern suchte. So erzählte die Studentin ihrem Ex-Freund mehrfach, sie habe einen Jungen zur Welt gebracht, dessen Vater er sei. Das Kind habe sie jedoch zur Adoption an einen ihr bekannten Mann freigegeben. Auch vor Gericht blieb die Nordistik-Studentin bei dieser Geschichte, die letztendlich der Anklage in die Hände spielt. Denn weder die Schwangerschaft noch die Existenz des Kindes konnte die Hannoveranerin nachweisen oder durch Zeugen glaubhaft machen. Die Angeklagte erschütterte so ihre eigene Glaubwürdigkeit.

"Man muss sich schon fragen, warum sie lügt"

Es ist nicht die einzige Lüge, die die Staatsanwaltschaft der Deutschen im Laufe des Prozesses nachweisen konnte. Denn Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, dass Christine S. sich zum Tatzeitpunkt im Wohnort ihres Ex-Freundes aufhielt - eine Tatsache, die die Angeklagte am Anfang des Verfahrens bestritten hatte. Wegen der am Bahnhof von Arboga entstandenen Aufnahmen muss sie dann zugeben, sich am Tag der Tat in der Kleinstadt aufgehalten zu haben. S. hätte genügend Zeit gehabt, die Morde zu begehen. Doch will Christine S. in dem Ort nur historische Ausgrabungsstätten besucht haben.

Auch andere Indizien sprechen für die Täterschaft der Deutschen: Am Tatort fand die Polizei Abdrücke, die zu einem Paar Schuhe der Frau passten. Die Fahnder entdeckten aber lediglich Fotos von ihnen auf einem PC, die Schuhe selbst bleiben ebenso verschwunden wie die mutmaßliche Tatwaffe: ein spitzer Hammer. So ein Werkzeug hatte sich Christine S. vor dem Doppelmord in Arboga von ihrer Vermieterin in Stockholm ausgeborgt und nicht zurückgegeben. "Den brauchte ich zum Reparieren meines Rades. Ich kann mich nicht erinnern, warum der verschwunden ist", sagt die Studentin, als sie am zweiten Tag ihrer Aussage Fragen zum entliehenen Hammer beantworten muss.

Beeinträchtigtes Erinnerungsvermögen

Weil die Ermittler am Tatort auch keine verwertbaren DNA-Spuren fanden, musste sich die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer auf Indizien stützen. Für das überlebende Opfer stand allerdings fest, wer die Tat begangen hat: Sie erkenne S. Gesicht, ihre dunklen Züge, ihr dunkles Haar und ihre Stimme wieder, sagte die Schwedin aus. Ein Gutachter stellt dagegen das Erinnerungsvermögen der 23-Jährigen infrage. Der renommierte Gedächtnis-Forscher Sven-Ake Christiansson erklärt, es sei unwahrscheinlich, dass die Mutter nach den Schlägen auf den Kopf sich so genau an bestimmte Ereignisse erinnern könne. Tests hätten ergeben, dass ihr Erinnerungsvermögen beeinträchtigt sei.

Einen Tag nach den Schlussplädoyers Ende August erklärte das Gericht die Deutsche in einer förmlichen Urteilsverkündung für schuldig. Ein psychiatrisches Gutachten sollte anschließend klären, ob es geboten sei, Christine S. zu lebenslanger Haft zu verurteilen oder sie dauerhaft in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen.

Keine ernsthafte psychische Störung

Obwohl Christine S. in Deutschland wie auch in Schweden mehrfach psychiatrisch behandelt wurde und mehrere Selbstmordversuche hinter sich hat, ergab die angeordnete psychiatrische Untersuchung, dass die Frau als nicht ernsthaft psychisch gestört eingestuft wurde. Die Deutsche hatte die aktive Beteiligung an der mehrwöchigen, vom Gericht angeordneten psychiatrischen Untersuchung verweigert. Allerdings kündigte sie an, dass sie bei einer von ihr beantragten Berufungsverhandlung an einer solchen Untersuchung mitwirken werde. Auch ihr Verteidiger erklärte, es werde in jedem Fall ein Berufungsverfahren geben. Es kann sein, dass Christine S. nach Deutschland zurückkehrt: Schwedische Medien berichteten, dass die Deutsche die Strafe voraussichtlich in ihrem Heimatland verbüßen kann.


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