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Doppelmord von Bodenfelde: "Ich weiß nicht, was mich da geritten hat"

Für den mutmaßlichen Doppelmörder von Bodenfelde hat die Verteidigung beim Strafmaß einen Bonus für dessen Geständnis gefordert.

Von Uta Eisenhardt, Göttingen

"Warum verteidigen Sie den? Warum verteidigen Sie so einen Menschen?" Mit diese Fragen sah sich Rechtsanwalt Markus Fischer in den vergangen Monaten des Öfteren konfrontiert. Geduldig habe er immer wieder geantwortet: "Weil ich diesen Auftrag vom Gericht bekommen habe, weil jeder Straftäter einen fairen Prozess bekommen muss." Markus Fischer ist der Verteidiger von Jan O., des mutmaßlichen Doppelmörders von Bodenfelde, des Mannes, der bereits gestanden hat, die 14-jährige Nina und den 13-jährigen Tobias getötet zu haben.

Es ist der zwölfte und vorletzte Verhandlungstag in einem Verfahren, das wohl Kriminalgeschichte schreiben wird: Einmalig ist die Motivation des 26-jährigen Angeklagten und darum so schwer begreifbar. Auch Jan O. tut sich mit Erklärungen schwer. Gegenüber dem Ermittlungsrichter äußerte er: "Ich steckte da so tief drin, ich kam da gar nicht mehr heraus." Manches von dem "da" will er wohl auch nicht wissen, wie Markus Fischer heute in seinem Plädoyer vermutete.

Kannibalistischen Neigungen nachgegeben

Detailliert hatte Jan O. in einem 19-seitigen "Endgeständnis" beschrieben, wie die beiden Kinder im November ums Leben kamen. Zunächst habe er das 14-jährige Mädchen vergewaltigen wollen. Weil es permanent schrie, würgte er es bis zur Bewusstlosigkeit. Erst dann habe er sich entschlossen, seinen vampirähnlichen, kannibalistischen und später auch nekrophilen Neigungen nachzugehen.

Als er fünf Tage später erneut zur Leiche von Nina kam, sah er eine "fette, widerliche Spinne" auf ihrem Bauch. "Das fand ich doch ein bisschen widerlich", schrieb Jan O. In seiner sexuellen Erregung muss er fieberhaft nach einem neuen Opfer gesucht haben. Das war Tobias.

Den 13-jährigen Jungen habe er zunächst für ein Mädchen gehalten. Seinen Irrtum will er erkannt haben, als sich das Kind auf sein Geheiß hin ausgezogen habe. Er habe ihn nicht aus sexuellen Gründen erstochen, sondern um die Entdeckung von Ninas Mord zu verhindern - so die Version des Angeklagten.

Verteidiger zweifelt an der Version seines Mandanten

Daran zweifelt jedoch selbst sein Verteidiger, zu viele Fakten sprechen dagegen. So sprach Jan O. davon, er habe sein Opfer nur mit der Armbeuge gewürgt. Der Rechtsmediziner aber fand an der Leiche ausgeprägte Würgemale "mit Fingerspuren". Außerdem entdeckte man das Blut des Jungen an Bein und Unterhose des mutmaßlichen Täters. "Das ist schwer zu erklären, wenn er sich nicht ausgezogen hat", so Markus Fischer. Obendrein war auch der Anorak des Kindes mit dessen Blut getränkt. Das passt nicht zu der Behauptung, Tobias habe sich vor seinem Tod selbst entkleiden müssen.

Er muss vielmehr sofort getötet worden sein, damit er nicht schreien konnte und "um sich in Ruhe an ihm zu vergehen", so der Verteidiger. Erst als der nackte Mörder sein Opfer - sein Sexualobjekt - entkleidete, bemerkte er seinen Irrtum, einen Irrtum, zu dem er aufgrund seiner rechtsradikalen Ansichten nicht stehen kann. "Homosexuelle Handlungen passen nicht in sein Weltbild", erklärt Markus Fischer. Tatsächlich erklärte sein Mandant immer wieder: "Ich bin doch keine Schwuchtel!"

Wegsperren für immer - aber wie?

Warum aber widerspricht der Verteidiger seinem Mandanten? Es geht um die Zukunft von Jan O., über die sich alle einig sind. "Der darf nie wieder herauskommen", das wünschen sich die Eltern der getöteten Kinder, das erwartet auch sein Verteidiger. Nur über die konkrete Form des "Wegsperrens für immer" diskutieren die Beteiligten.

Der psychiatrische Gutachter attestierte Jan O. eine vielschichtige Persönlichkeitsstörung mit dissozialen Zügen und eine schwere Paraphilie, also eine multiple Störung der sexuellen Vorlieben. Der Begutachtete gilt darum als vermindert schuldfähig und kann deshalb nicht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt werden, sondern nur zu höchstens 15 Jahren Haft. Dies und die Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie sowie die anschließende Sicherungsverwahrung hatte am Montag Staatsanwalt Jens Müller gefordert.

Wenn Jan O. bei beiden Taten vermindert schuldfähig war, könnte auch nicht die besondere Schwere seiner Schuld festgestellt werden, die ein Gericht verhängen kann, wenn es bei einer Tat mehrere Mordmerkmale feststellt. Diese Klassifizierung hat zur Folge, dass die Entlassung eines Häftlings erst weit jenseits der üblicherweise zu verbüßenden 15 Jahren erfolgt.

Verteidiger fordert Einlieferung in geschlossene Psychiatrie

Dennoch deutet der Vorsitzende Richter Ralf Günther an, dass für Jan O. durchaus die besondere Schwere der Schuld im Raum stehe. Möglicherweise tötete der Angeklagte den Jungen nämlich nicht aufgrund seiner psychischen Störungen, sondern lediglich um den Mord an Nina zu verdecken. So jedenfalls interpretiert es Steffen Hörning, der Anwalt von Tobias Eltern. Er hatte gestern auf lebenslange Haft, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, Unterbringung in der Psychiatrie und anschließend Sicherungsverwahrung plädiert - das ganze Programm.

Markus Fischer dagegen glaubt, ein "nie wieder auf freien Fuß" werde sich von diesem Gericht nicht festschreiben lassen. "Unser Gesetz kennt keine Rache. Wir dürfen uns nicht von persönlichen Gefühlen leiten lassen, sondern müssen berufsbedingt nüchtern urteilen." Darum begründete er in seinem Plädoyer, warum er beide Taten für Sexualmorde hält, ob dies seinem Mandanten nun recht ist oder nicht. Jan O. könne also nur zu maximal 15 Jahren Haft verurteilt werden. Obendrein müsse man ihm auch sein Geständnis strafmildernd anrechnen: Sonst wäre das ein Signal für andere Täter, sich nicht an der Aufklärung zu beteiligen. Dann aber würden Prozesse länger und quälender, viel öfter bliebe die so wichtige Frage nach dem "Warum?" unbeantwortet.

Nach Meinung des Verteidigers solle Jan O. nicht in die Sicherungsverwahrung, sondern in die geschlossene Psychiatrie für Rechtsbrecher kommen, auch wenn die Aussicht auf Heilung seiner schweren Störungen denkbar gering ist, wie ein Gutachter attestierte. Beide Einrichtungen dienen dem Schutz der Gesellschaft vor gefährlichen Straftätern, beide könnte Jan O. aber verlassen, wenn ein psychiatrischer Sachverständiger ihn für ungefährlich hält. Das ist zwar höchst unwahrscheinlich, aber eben kein "für immer". Im Unterschied zur geschlossenen Psychiatrie werde diese Möglichkeit bei der Sicherungsverwahrung aber erst nach zehn Jahren geprüft.

Beim Schlusswort fehlen Jan O. die Worte

Jan O. hat den Worten seines Verteidigers zugehört, den Blick wie immer verschämt nach unten gerichtet. Nun darf er noch einmal sprechen. Diese Chance nimmt er wahr. "Auch wenn die Nebenkläger sagen, eine Entschuldigung wird nicht angenommen, möchte ich mich trotzdem entschuldigen. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat und ..." Dann fehlen sogar ihm die Worte.

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