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Doppelmord von Bodenfelde: Eine Mutter, die die Schuld bei sich sucht

"Es hätte ihn besser getroffen, wenn man ihn zur Adoption freigegeben hätte": Die Mutter des mutmaßlichen Doppelmörders von Bodenfelde sagte vor dem Landgericht Göttingen aus und berichtete von der Kindheit ihres Sohnes Jan O. Eine Kindheit, die von Gewalt und Aggression dominiert war.

Von Uta Eisenhardt, Göttingen

Sie verstehe das Ganze nicht, sagt Andrea O. vor dem Landgericht Göttingen: "Jan ist ein netter, höflicher, lieber Junge, das sagen alle. Er gibt nur das weiter, was man mit ihm macht." Immer wieder bemüht sich die 47-Jährige um Augenkontakt zu ihrem fünf Meter entfernt sitzenden Sohn. Der senkt sichtlich verlegen seinen Kopf, schaut auf den vor ihm befindlichen Tisch. Die kleine, burschikose Frau mit den dunklen Knopfaugen versucht, den 26-Jährigen in Schutz zu nehmen. Auch wenn es ihr zuweilen schwer fällt, sucht sie die Schuld an seiner Entwicklung auch bei sich selbst. Einer Entwicklung, die zur Tragödie von Bodenfelde geführt haben muss. Im November 2010 soll ihr Sohn dort zwei Teenager getötet haben - den 13-jährigen Tobias und die 14-jährige Nina.

Bei seiner Geburt sei sie 20 Jahre alt gewesen, berichtet die Zeugin. Schnell habe sie sich von dem Kind überfordert gefühlt. "Ich habe ihn ungerecht behandelt, ihn verbal angegriffen." So habe sie Jan angeschrieen, weil sein Zimmer nach dem Besuch eines Nachbarkindes wie ein Schlachtfeld ausgesehen habe. Das Nachbarskind dagegen habe sie nicht zum Aufräumen angehalten: "Andere Kinder waren mir immer wichtiger als mein eigener Sohn." Als Jan einmal auf den Tisch gekleckert hatte, sei sein Vater "hochgesprungen wie ein Pinguin. Ich habe mich nie getraut, mich gegen meinen Ex-Mann zu stellen. Sonst hatte der mich am Wickel."

Sie sei zu schwach gewesen, um ihren Sohn zu beschützen. Jan habe darum einmal zu ihrer Freundin gesagt: "'So eine Mutter wie dich hätte ich gern gehabt. Meine hält nur zu dem Alten.' Damit hatte er recht", gibt Andrea O. zu. "Ich habe ihm nie beigestanden."

Schläge ohne Grund

Auch sie selbst habe das Kind regelmäßig geschlagen. "Immer wenn ich mich überfordert fühlte, hat es Backpfeifen gegeben. Teilweise habe ich ihn auch grundlos angegriffen, weil ich mich über jemanden geärgert habe", sagt die Mutter. "Wenn ich selber nicht klar kam, wenn ich Stress mit seinem Vater hatte, dann habe ich diese Wut an Jan weiter gegeben." Es habe ihr bald darauf leid getan. "Dann habe ich ihn getröstet."

Schon mit drei Jahren sei ihr Sohn so verhaltensauffällig gewesen, dass man ihn vom Kindergarten "suspendiert" habe, wie es die Zeugin formuliert. Er sei dann in die Vorschule gekommen, die der Fünfjährige bereits nach kurzer Zeit geschwänzt habe. Jan sei immer eine Station vor der Schule ausgestiegen und in der Stadt umher gelaufen.

Jan O. war acht Jahre alt, als sich seine Eltern das erste Mal trennten. Die Mutter zog zu einem Bekannten, der sei Alkoholiker gewesen. Darum habe Andrea O. nichts dagegen gehabt, als ihr Sohn zu seinem Vater und dessen Eltern zog. Dort sei Jan gemästet worden, meint die Zeugin: "Und als er so dick war, da haben ihn die Großeltern 'fette Sau' tituliert." Obendrein sei der Junge von seinem Vater angehalten worden, Fahrräder zu klauen. "Der Alte hat sie dann verkauft."

In der Schule sei Jan durch Zappeligkeit aufgefallen. "Dann fing er auch wieder an zu schwänzen. Er hat die Schule gehasst." Man schickte ihn auf eine Sonderschule, in der pro Klasse nur fünf Kinder lernten. Dennoch schaffte er den Schulabschluss nicht.

Tötete Jan O. aus Hass auf seinen kleineren Bruder?

Jan sei schnell ausgerastet. "Meist hat er sich selbst weh getan, hat sich seine Fäuste zerschnitten. Mir hat er nie etwas getan." Er sei für einige Zeit in einem Kinderheim untergebracht worden, die Probleme blieben. Die Richter wollen genauer wissen, was Andrea O. unter "Ausraster" verstehe. "Er hat seine Oma verbal angegriffen und ..." Hörbar atmet die Zeugin durch. "Er hat sie auch getreten."

Der Angeklagte war nun 14 Jahre alt, seine Eltern lebten wieder zusammen. Jan kam in seine Familie zurück. In dieser Zeit habe er seinem Vater bei der Sanierung eines Hauses helfen müssen. Als der Teenager um Geld für Zigaretten bat, habe ihm Fred O. keins gegeben, ihm statt dessen erklärt: "Du wohnst doch bei mir!" Jan habe sich gedemütigt und ausgenutzt gefühlt und sich wohl auch gerächt: "Einmal fuhr er mit Vaters Auto voll Karacho in die Nachbargarage", erzählt seine Mutter. Sie glaubt: "Jan hat die Scheiße gebaut, damit ihn der Alte anschreit. Das war das Einzige, wo er sich mal um ihn gekümmert hat."

Der Heranwachsende habe sich nun auch mit seinem Vater geprügelt. "Der musste dann zum Doktor", so die Zeugin. In der Konsequenz schickte das Jugendamt den 16-Jährigen für zwei Jahre nach Griechenland. Seine Mutter bekam dann noch einen weiteren Sohn. "Manchmal gab es Eifersüchteleien", erzählt Andrea O. "Er hat vielleicht mal die Autos von dem Kleinen zerdeppert. Aber er hat ihm kein Haar gekrümmt."

Die Richter konfrontieren die Zeugin mit einer anderen Information: So soll Jan O. gesagt haben, er hasse seinen Bruder genauso wie seinen Vater. Tötete der Angeklagte den 13-jährigen Tobias etwa aus Wut auf seinen kleineren Bruder? Bislang wurde dieser Grund noch nicht im Göttinger Gerichtssaal erörtert.

"Der fand jede Frau toll"

Seine Mutter will aber einen Hass auf ihren Jüngsten nicht bestätigen. Diese Meinung würde Fred O. vertreten, glaubt sie. Der halte seinen Sohn ohnehin nur für einen "Schläger, Drogi und Säufer", so die Zeugin. Von Anfang an habe er dieses Kind nicht haben wollen. "Es hätte Jan vielleicht besser getroffen, wenn man ihn zur Adoption frei gegeben hätte."

Ob ihr Sohn Freunde gehabt hätte, wollen die Richter noch wissen. "Nein", antwortet sie. "Er hat ja noch nicht einmal eine Mutter gehabt, die zu ihm hält." Wenn er Freunde gehabt habe, dann nicht die richtigen. "Er ist in verkehrte Kreise gekommen, in solche, die ihn noch mehr auf die schiefe Bahn brachten." Auch von einer Freundin weiß sie nichts. "Ich habe nie eine kennengelernt. Er hat nie von einer erzählt." Ähnliches beschreibt auch eine gute Bekannte des Angeklagten, die ebenfalls vor Gericht aussagt: "Er hatte wohl eine ältere Freundin, die kam von auswärts. Die haben wir alle nicht gesehen." Ihr sei aber aufgefallen, dass Jan O. von jeder Frau etwas wollte: "Der fand jede toll."

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