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Ablauf und Reaktionen Polizist tötet 16-Jährigen in Dortmund mit fünf Schüssen aus Maschinenpistole – das ist über den Fall bekannt

Tatort in Dortmund
Trotz herbeigeeilter Rettungskräfte verstarb der 16-Jährige im Krankenhaus, nachdem er in Dortmund von fünf Schüssen einer Polizei-Maschinenpistole getroffen wurde
© Markus Wüllner / Videoline-TV / DPA
Warum schoss ein Polizist in Dortmund mit einer Maschinenpistole auf einen 16-Jährigen und tötete ihn? Eine von vielen Fragen, die nach dem Einsatz noch offen sind.

Inhaltsverzeichnis

Ein 16-Jähriger ist in Dortmund gestorben, nachdem ein 29-jähriger Polizist mehrfach auf ihn geschossen hat. Der Fall sorgt für Diskussionen – auch über die eingesetzte Waffe, eine Maschinenpistole.

Die Ermittlungen stehen noch am Anfang, das ist bisher über den eskalierten Einsatz bekannt:

Was ist in Dortmund passiert?

Es war am Dienstagnachmittag gegen 16.20 Uhr, als die Polizei in Dortmund in die Holsteiner Straße im Stadtbezirk Innenstadt-Nord gerufen wurde. Der Betreuer einer dortigen Jugendeinrichtung hatte sie gerufen, teilte das Polizeipräsidium Dortmund mit. Er wollte demnach den 16-jährigen Bewohner der Einrichtung mit einem Messer gesehen haben. Was Mohammed D. mit dem Messer (Klingenlänge: etwa 15 Zentimeter) vorhatte, ist laut Staatsanwaltschaft unklar. Möglicherweise habe er Suizid begehen wollen.

Die Schilderungen des anschließenden Geschehens fielen knapp aus: "Im Laufe des Einsatzes griff ein 16-jähriger junger Mann die Polizisten mit einem Messer an", schrieb die Dortmunder Polizei bei Twitter. "Es kam zu einem Schusswaffengebrauch durch Polizeibeamte."

Rat und Hilfe

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich.  Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Der 16-Jährige kommt ins Krankenhaus und stirbt wenig später trotz einer Notoperation an den Schussverletzungen. Noch am selben Tag wird der Leichnam obduziert. Das vorläufige Ergebnis zeigt laut Staatsanwaltschaft: Insgesamt fünf Schüsse haben den Jugendlichen getroffen. Einer im Bauch, drei an Schulter und Unterarm und einer am Kopf, genauer: im Kiefer. Ein sechstes Projektil sei am Tatort gefunden worden.

Was ist zum Vorgehen der Polizei bekannt?

Insgesamt sollen elf Polizistinnen und Polizisten vor Ort gewesen sein, zu deren Vorgehen dort ist wenig bekannt. Laut Staatsanwaltschaft haben sie Reizgas und einen Elektroschocker eingesetzt, bevor die tödlichen Schüsse fielen.

Der schießende Polizist hat dabei nicht seine normale Dienstpistole eingesetzt, sondern eine Maschinenpistole vom Typ "MP5" des Herstellers Heckler & Koch. Sie ist das Standardmodell der deutschen Polizeibehörden. Nach mehreren Anschlägen im In- und Ausland hatte das nordrhein-westfälische Innenministerium 2016 entschieden, jeden Streifenwagen im Land mit einer zweiten Waffe dieses Modells auszustatten, insbesondere zur Terrorbekämpfung. Die Maschinenpistolen werden in der Regel in Schubladen im Kofferraum der Fahrzeuge transportiert. Die Beamtinnen und Beamten müssen an regelmäßigen Schießtrainings teilnehmen.

Heckler & Koch "MP5"
Heckler & Koch "MP5": Standard-Maschinenpistole der Polizeibehörden in Deutschland
© Wolfgang Kumm / DPA / Picture Alliance

Die Maschinenpistole ist laut Landespolizeigesetzt neben Schlagstock, Taser, Pistole, Gewehr und Revolver ausdrücklich als Waffe für die Polizei zugelassen. "Enorm zuverlässig, äußerst anwendersicher, einfach in der Handhabung, modular im Aufbau, extrem präzise und im Schuss außerordentlich gut kontrollierbar", preist der Hersteller das Neun-Millimeter-Kaliber-Modell an.

Was ist über das Opfer bekannt?

Mohammed D. stammte übereinstimmenden Medienberichten zufolge aus dem Senegal. Er soll der Betreuungseinrichtung in der Holsteiner Straße erst vor Kurzem zugeteilt worden sein und dort zuletzt übernachtet haben. Es stehe im Raum, dass er sich wegen psychischer Probleme in Behandlung begeben habe, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dem stern. Zu möglichen Angehörigen des Jugendlichen und seiner Lebensgeschichte wurde bislang nichts Weiteres bekannt.

Wie wird jetzt ermittelt?

Die Dortmunder Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen den 29-jährigen Beamten, der den Jugendlichen erschossen hat, eingeleitet – ein übliches Vorgehen in solchen Fällen. Der Anfangsverdacht lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Die Ermittlungen führt dabei aus Neutralitätsgründen das Polizeipräsidium Recklinghausen. Das NRW-Innenministerium hält eine neutrale Ermittlungsführung damit für sichergestellt. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft verspricht "sehr sorgfältige" Ermittlungen.

Für die Rekonstruktion des Geschehens sind die Ermittelnden vor allem auf Zeuginnen und Zeugen angewiesen. Drei Betreuer der Jugendhilfeeinrichtung sollen den Einsatz beobachtet haben. Auch die zehn Beamtinnen und Beamten, die nicht geschossen haben, sollen von ihren Kolleginnen und Kollegen aus Recklinghausen befragt werden. Zudem wird auch noch das endgültige Obduktionsergebnis erwartet. Die Spurensicherung am Tatort ist inzwischen abgeschlossen. Es dürfte in den Ermittlungen auch darum gehen, ob der Polizist die Maschinenpistole auf Feuerstoß eingestellt hatte.

Auch Videoaufnahmen des Einsatzes, möglicherweise aus Bodycams der Polizei, sollen laut Staatsanwaltschaft ausgewertet werden.

Was sagen Experten?

Ohne auf den konkreten Fall einzugehen, sagte Frank Schniedermeier aus dem Vorstand der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen der Nachrichtenagentur DPA, Messerangriffe gehörten zu den gefährlichsten Angriffen auf Polizisten: "Wenn Arterien getroffen werden, verblutet man innerhalb weniger Minuten." Rückzug und den Rücken zudrehen ist demnach meist nicht möglich – schließlich hätte man dann den Straftäter nicht mehr unter Kontrolle. Messerangriffe müsse man auf Distanz abwehren. Wenn ein Täter erst einmal neben einem stehe, habe man keine Chance mehr, sagte der Polizeigewerkschafter. Bei einem Angriff habe man nur Sekundenbruchteile für eine Entscheidung. Bleibt noch Zeit, soll ein Warnschuss abgegeben werden – ansonsten müsse man so schießen, dass das Gegenüber "angriffsunfähig" sei, erklärte Schniedermeier.

Auch der Kriminologe Rafael Behr sagt, dass der Einsatz der Schusswaffe im Dortmunder Fall gerechtfertigt sein kann, auch wenn das Opfer erst 16 Jahre alt war: "Wenn jemand einigermaßen bedrohlich wirkt, dann ist das Alter erstmal zweitrangig." Jemandem aus kurzer Distanz gezielt ins Bein oder in den Arm zu schießen, sei darüber hinaus in der Praxis zudem schwierig.

Allerdings fragt sich Behr: "Was mir nicht erklärlich ist, ist, wie die Maschinenpistole hier ins Spiel kommt. Warum die eingesetzt wurde und vor allem in welcher Feuerstärke sie eingesetzt wurde." Die Waffen seien für Amok- oder Terrorlagen gedacht und für große Distanzen, nicht jedoch für die Abwehr von mit Messern bewaffneten Menschen.

Ähnlich äußerte sich Behrs Kriminologen-Kollege Thomas Feltes von der Uni Bochum: "Warum wurde dort eine Maschinenpistole eingesetzt? Das ist überhaupt nicht nachvollziehbar", sagte er der DPA. Das martialische Auftreten von elf Polizisten mit der automatischen Waffe mache sehr wohl einen Unterschied, weil es bei einem Menschen – vor allem wenn er kein Deutsch verstehe – den Eindruck eines Angriffs erwecke. "Bei solchen Einsätzen sollte immer ein Psychologe oder Psychiater dabei sein", so Feltes. In bestimmten Fällen sei es oft besser, die Lage zu stabilisieren und sich, wenn möglich, zurückzuziehen, sagt der Kriminalitätsforscher.

Grundsätzlich gilt, dass Polizistinnen und Polizistinnen in Deutschland auch (Waffen-) Gewalt anwenden dürfen, um eine Gefahr abzuwehren, insbesondere für Leib und Leben. Dabei muss jedoch stets das Verhältnismäßigkeitsprinzip beachtet werden. Das heißt, es soll das mildeste Mittel gewählt werden, das geeignet ist, die Gefahr zu beenden. Also wie im konkreten Fall: zunächst das Pfefferspray, dann die Schusswaffe.

Der Kriminologe und Polizeiausbilder Martin Herrnkind sagte dem stern jüngst zu einem anderen Fall, dass der Einsatz von Pfefferspray bei psychisch kranken Personen "hochproblematisch" sei. Sie ließen sich dadurch nicht bändigen,, "sondern werden oft noch aufgeregter". Es gebe bei der Polizei Einsatztrainings für den Umgang mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen.

Wie sind die Reaktionen auf den tödlichen Einsatz in Dortmund?

Schon kurz nach Bekanntwerden des tödlichen Polizeieinsatzes standen sich Kritiker und Verteidigerinnen des Vorgehens der Einsatzkräfte in den sozialen Netzwerken gegenüber. Ihnen ist gemein, dass sie das Geschehen nicht mit eigenen Augen gesehen haben.

Während eine Gruppe die tödlichen Schüsse auf den 16-Jährigen als Notwehr ansieht, ist die andere überzeugt, dass es sich um einen Fall übermäßiger Polizeigewalt handelte.

Am Dienstagabend versammelten sich in Dortmund nach Behördenangaben etwa 150 bis 200 vor allem junge Menschen und zogen vor eine Polizeiwache. Die Versammlung sei emotional, aber friedlich verlaufen. In Redebeiträgen schilderten Teilnehmende eigene Erfahrungen mit der Polizei: "Ich hab' 'ne Pistole auf den Kopf bekommen. Hier ist die Narbe", zitiert "Spiegel Online" einen Mann. "Draußen wirst du kaputtgeschlagen, im Auto wirst du kaputtgeschlagen, in der Zelle wirst du kaputtgeschlagen." Ein anderer habe gesagt: "Wir wissen genau, was schon seit Jahren Menschen meiner Hautfarbe, Menschen meiner Geschichte, Menschen meiner Herkunft in diesem Land passiert." 

Tatort in der Dortmunder Nordstadt
Am Tatort in der Dortmunder Nordstadt erinnern Kerzen an den Tod des 16-jährigen Mohammed D.
© Bernd Thissen / DPA

Die Dortmunder Polizei übte sich nach dem tödlich verlaufenen Einsatz in Beruhigung: "Wir verstehen, dass der Einsatz an der Holsteiner Straße bei vielen Emotionen auslöst. Dennoch bitten wir Sie vor Abschluss der Ermittlungen durch das Polizeipräsidium Recklinghausen von Spekulationen abzusehen", twitterte die Behörde.

Trotz der Beschwichtigungsversuche: Der Ruf nach einer von der Polizei unabhängigen Institution, die derartige Vorfälle untersucht, wird wieder lauter. Und Deutschland dürfte erneute eine Diskussion über Polizeigewalt erleben.

Wie oft schießen Polizistinnen und Polizisten in Deutschland auf Menschen?

Dass Polizistinnen oder Polizisten in Deutschland auf Menschen schießen, kommt selten vor. Laut Bundesinnenministerium wurde im Jahr 2020 bundesweit 62 Mal auf Menschen geschossen. 15 starben durch Polizeikugeln, die meisten von ihnen in Notwehr- oder Nothilfesituationen

Gleichwohl sorgten in jüngster Zeit gleich mehrere tödliche Schüsse aus Dienstwaffen für Aufsehen: Am Dienstag vergangener Woche war bei einem Einsatz im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main ein obdachloser 23-Jähriger durch einen Schuss eines Polizisten tödlich verletzt worden. Einen Tag später wurde bei der Zwangsräumung einer Wohnung in Köln der 48 Jahre alte Mieter durch die Polizei erschossen. Am Sonntag war ein 39-Jähriger in Recklinghausen gestorben, nachdem er in einer Wohnung randaliert und massiv Widerstand geleistet haben soll und von der Polizei fixiert wurde. In diesem Fall ermittelt wiederum die Dortmunder Polizei.

Quellen: Polizeipräsidium Dortmund bei Twitter, Landespolizeigesetz Nordrhein-Westfalen, Heckler & Koch, "Rheinische Post"Bundesministerium des Innern, "Spiegel Online", Staatsanwaltschaft Dortmund, Nachrichtenagentur DPA

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