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Drama in Karlsruhe: Geiselnehmer hatte "Hinrichtung" geplant

Die Zwangsräumung einer Wohnung in der Karlsruher Nordstadt endete in einem Blutbad - fünf Menschen kamen ums Leben. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "regelrechten Hinrichtung".

Zwei Männer sitzen gefesselt auf dem Sofa, getötet per Kopfschuss. Auf dem Boden liegt ein weiterer Mann, von mehreren Kugeln niedergestreckt; im Schlafzimmer liegt eine tote Frau auf dem Bett: Ein grauenhaftes Bild bietet sich den Polizisten, als sie nach der Geiselnahme in Karlsruhe die Drei-Zimmer-Wohnung stürmen. Der 53-jährige Bewohner hat am Mittwoch vier Menschen und sich selbst erschossen, weil er die Zwangsräumung nicht akzeptieren wollte.

"Es war eine regelrechte Hinrichtung", sagte der Chef der Karlsruher Staatsanwaltschaft, Gunter Spitz. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter die Geiselnahme und Ermordung seiner Opfer von Anfang an geplant hatte. Der 53-Jährige hatte sich ein ganzes Waffenarsenal sowie Fesselwerkzeug bereitgelegt. Die bevorstehende Zwangsräumung habe seine "persönliche Existenz ins Wanken gebracht", sagte ein Ermittler.

Der Arbeitslose lebte mit seiner Lebensgefährtin in der Wohnung, zeitweise aber auch im Elsass. Die Frau war Eigentümerin der Wohnung, war aber mit den Zahlungen an die Hausgemeinschaft in Rückstand. Im April dieses Jahres wurde die Wohnung zwangsversteigert.

Die Tat spielte sich nach bisherigen Erkenntnissen so ab: Um acht Uhr morgens klingelte der Gerichtsvollzieher, begleitet vom Mitarbeiter einer Schlüsselfirma und auch einem Sozialarbeiter - eine Maßnahme der Stadt Karlsruhe, um den Geräumten Hilfe anzubieten. Vor dem Haus stand schon der Möbelwagen. Der 53-Jährige ließ das Team in die Wohnung. Dann nahm er die drei Männer als Geiseln. Er zwang die Männer mit Waffengewalt, sich hinzusetzen. Als sich der Gerichtsvollzieher weigerte, schoss der Täter ihm zweimal in die Beine.

Daraufhin forderte er den 33 Jahre alten Schlüsseldienstmitarbeiter auf, die anderen zu fesseln. Inzwischen war auch noch der neue Eigentümer der Wohnung eingetroffen, der Ende April die Immobilie erworben und die Zwangsräumung beantragt hatte. Der Schlüsseldienstmitarbeiter fesselte auch ihn und versuchte danach, sich zu wehren, Daraufhin streckte ihn der Geiselnehmer mit mehreren Schüssen nieder und ließ ihn schwer verletzt liegen.

Nach einer knappen Stunde ließ der 53-Jährige den Sozialarbeiter gehen. Dieser rief sofort die Polizei, die mit rund 200 Beamten anrückte. Sie sperrte den Tatort in dem Wohngebiet mit zwei Schulen und Kindergärten weiträumig ab. Mehrere Häuserblocks in der Karlsruher Nordstadt wurden evakuiert. Doch alle Versuche, Kontakt zu dem Geiselnehmer aufzunehmen, blieben erfolglos. Nach knapp drei Stunden stürmte ein Einsatzkommando die Wohnung, weil Brandgeruch herausdrang. Der Bewohner hatte den Teppich in Brand gesetzt.

Doch in der von Qualm erfüllten Wohnung fanden die Beamten nur noch Tote: Der Täter hatte zwei der gefesselten Geiseln mit Kopfschüssen getötet und sich mit dem Schrotgewehr in den Kopf geschossen. Auch der Mann vom Schlüsseldienst war seinen Verletzungen erlegen. Erst später entdeckten die Beamten die 55 Jahre alte Lebensgefährtin des Täters: Sie lag in ihrem Bett, mit einem aufgesetzten Brustschuss getötet.

"Der Gerichtsvollzieher konnte damit nicht rechnen"

Bei dem Geiselnehmer fand die Polizei ein Schrotgewehr, ein Gewehr mit langem Magazin, zwei Pistolen und eine Übungshandgranate. Zudem habe der Täter über reichlich Munition verfügt, hieß es. Woher der Mann die Waffen hatte, ist noch unklar.

"Wir stehen alle noch unter dem furchtbaren Eindruck dieses schrecklichen Geschehens", sagte Polizeipräsidentin Hildegard Gerecke. "Der Gerichtsvollzieher konnte mit dem schlimmen Verlauf zu keinem Zeitpunkt rechnen", ergänzte Oberstaatsanwalt Spitz. Der Täter sei zuvor nicht wegen Gewaltdelikten in Erscheinung getreten. Trotz der Bluttat brauchen Gerichtsvollzieher nach Ansicht ihres Verbandschefs keine Bewaffnung. "Sie tragen keine Schutzwesten und auch keine Waffen. Eine Bewaffnung lehnen wir ab", sagte der Vorsitzende des Deutschen Gerichtsvollzieherbundes, Walter Gietmann. Waffen seien Sache der Polizei.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und sein Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) zeigten sich schockiert. "Die schreckliche Tat hat mich zutiefst erschüttert", sagte Kretschmann. In Gedanken sei er bei den Opfern. "Mein tiefes Mitgefühl gilt ihren Angehörigen. Ganz Baden-Württemberg trauert mit ihnen."

nik/DPA/AFP / DPA