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Drama in Münchener Arztfamilie Von der Mutter missbraucht, vom Vater benutzt?


Es ist ein verstörender Fall aus bestem Haus, der jetzt vor Gericht kommt: Eine Arztgattin soll ihren Sohn missbraucht haben. Die Beschuldigte spricht von Intrige. Das Opfer ist so oder so ihr Sohn.
Von Malte Arnsperger, München

Der zehnjährige Lukas* ist ein Opfer. Ganz gleich, ob ihn seine eigene Mutter tatsächlich hundertfach sexuell missbraucht hat. Oder ob sein Vater nur eine Intrige gegen die eigene Frau angezettelt hat. Lukas steht zwischen seinen Eltern, beide hetzen Anwälte gegeneinander, während Lukas bei einer Pflegefamilie lebt. Nun trifft sich die völlig zerstrittene Arztfamilie vor Gericht wieder.

Lukas steht im Mittelpunkt eines erbitterten Rosenkriegs, der seinen traurigen Höhepunkt am Mittwoch vor dem Landgericht München I findet. Sabine D. soll ihren Sohn Lukas seit seinem zweiten Lebensjahr sexuell missbraucht haben, so heißt es in der Anklageschrift, aus der stern.deschon im Frühjahr exklusiv berichtet hatte.

Die Münchner Staatsanwaltschaft beruft sich vor allem auf Aussagen, die das ehemalige Kindermädchen der Familie gemacht hat. Danach soll die 53-jährige Medizinerin von November 2003 bis Mai 2006 regelmäßig an ihrem Sohn herummanipuliert haben oder sich von ihm an der Brust haben streicheln lassen. Dabei soll sie sexuell erregt gewesen sein. Heinz W., der mittlerweile geschiedene Ehemann von Sabine D., will davon nie etwas bemerkt haben. Sabine D. bestreitet die Anschuldigungen.

Vorübergehend wurde das Verfahren eingestellt

Das Verfahren wurde nach der Anzeigeerstattung 2009 zunächst eingestellt, weil die Ermittler Zweifel an der Hauptbelastungszeugin hatten: Der Ehemann Heinz W., selber Mediziner, könnte Carina F. beeinflusst haben, um sich Vorteile im Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren zu verschaffen. 2010 nimmt die Staatsanwaltschaft das Verfahren aber wieder auf, vernimmt Carina F. nochmal und lässt Sabine D. dann sogar kurzzeitig in Untersuchungshaft stecken.

Diese 180-Grad-Meinungsänderung der Ermittler ist nicht die einzige Besonderheit an diesem Fall. Da ist die Konstellation, Mutter soll Sohn missbraucht haben, die zwar nicht einzigartig ist, aber dennoch selten vorkommt.

Zudem wurden die Vorwürfe gegen Sabine D. erst nach vielen Jahre erhoben und das zu einem Zeitpunkt, als der Trennungsstreit der Eheleute gerade richtig entbrannt war.

Deshalb macht Sabine D.s Rechtsanwalt Steffen Ufer im Gespräch mit stern.de klar, dass er die Vorwürfe gegen seine Mandantin für frei erfunden hält. Das Kindermädchen und Heinz W. steckten unter einer Decke, sie hätten sich abgesprochen, um seiner Mandantin aus unterschiedlichen Gründen zu schaden. Heinz W. habe es auf das Sorgerecht für seinen einzigen Sohn abgesehen und auf das Wohnrecht im Haus der Familie, das an das Sorgerecht gebunden ist. Um dies zu erreichen, habe der Mediziner zusammen mit dem Kindermädchen Carina F. die Missbrauchsgeschichte erfunden. Carina F., so Anwalt Ufer, profitiere auch davon: Denn die Hausangestellte hatte offenbar Schulden in Höhe von rund 10.000 Euro bei den Eheleuten. Heinz W. habe der Frau angeboten, auf das Geld zu verzichten, wenn sie in einer eidesstattlichen Versicherung die Vorwürfe gegen Sabine D. erhebt.

Kein Einzelfall

Sexueller Missbrauch als Waffe im Kampf um Geld und Kind also? Für Juristen eine durchaus bekannte Masche. Aber fast immer seien es die Frauen, die ihre Männer beschuldigen, sagt Ulrike Börger, Vorsitzende des Familienrechtsausschuss der Rechtsanwaltskammer. "Vor einigen Jahren gab es eine wahre Welle von Fällen, in denen Frauen solche Anschuldigungen für ihre Zwecke benützt haben. Aber mittlerweile ist dies wieder abgeebbt." Und Börger meint, Justiz und die Beteiligten selber gingen inzwischen sensibler mit diesem Thema um. "Schließlich weiß jeder, was das für eine Lawine auslösen kann." Zum einen würde meist versucht, solche Vorwürfe schon vor einer Anzeigeerstattung mit Hilfe von Sachverständigen und Psychologen zu klären. Zum anderen sei jedem klar, dass Kinder als Zeugen problematisch sind.

In dem Münchner Fall wird die Aussage des vermeintlichen Opfers auch eine wesentliche Rolle spielen. Denn Lukas hat bei einer Vernehmung vor dem Ermittlungsrichter die Anschuldigungen gegen seine Mutter nicht bestätigt und vielmehr gesagt, dies alles seien Lügen seines Vaters. Eine Gutachterin im familiengerichtlichen Verfahren hat nach Angaben der Verteidigung auch keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch gefunden. Die Staatsanwaltschaft glaubt aber, dass Lukas von der Mutter beeinflusst wird.

*Alle Namen von Familienmitgliedern und Zeugen geändert.

Für Sabine D.s Verteidiger ist die Aussage von Lukas ein sehr wichtiger Entlastungsbeweis. Aber viel wichtiger ist ihm der Zeitpunkt der Vorwürfe: Carina F. war von 2003 bis 2006 im Haushalt des Paares beschäftigt. Beinahe während der gesamten Zeit will sie den Missbrauch an dem kleinen Lukas bemerkt haben. Doch obwohl sie sich in den Jahren nach dem Ende ihrer Tätigkeit mit mehreren Personen über ihre Zeit bei den Eheleuten D. und W unterhalten hat, berichtete das Kindermädchen offenbar niemandem davon - auch nicht dem Ehemann. Erst 2009, als der Scheidungskrieg des Arztpaares bereits im Gange war, wird sie von Heinz W. angesprochen und gebeten, die eidesstattliche Versicherung zu unterzeichnen. Auf diesen Punkt geht auch die Staatsanwaltschaft in der Anklage ein, trotzdem glaubt sie fest an Carina F.

Vorausgesetzt der Missbrauch hat wirklich stattgefunden, befand sich die Haushälterin in einer schwierigen Lage, schließlich war sie finanziell abhängig von der Familie. Carina F. will Sabine D. sogar auf den angeblichen Missbrauch angesprochen haben. Offenbar ohne Erfolg. Der Polizei sagte die Haushälterin: "Ich hatte gar keine Chance, irgendwelche Anschuldigungen zu erheben. Ich bekam zur Antwort, dass ich mir überlegen soll, wem ich was sage. Denn wem würde man eher etwas glauben: Der Putzfrau oder der Frau Ärztin?" Aber warum hat Carina F. dann bis 2009 gewartet, bis sie sich offenbarte? Der Anwalt von Heinz W. findet das nicht ungewöhnlich: „Es ist ein Tabuthema, über das man nicht gerne redet“, sagt Johannes Hock. "Und ich halte es eher für eine Bestätigung der Glaubwürdigkeit, dass jemand wartet und nicht sofort Anzeige erstattet."

Unappetitliche Vorwürfe

Heinz W. wiederum hatte stern.de 2010 gesagt, ihm sei zwei Jahre zuvor aufgefallen, dass ihm Lukas ständig an die Genitalien gefasst habe. "Ich dachte mir, das ist doch nicht normal. Aber meine Frau meinte: 'Lass nur - das darf er bei mir doch auch'". Er habe auch Lukas' Lehrer gefragt, die ihm von einem sehr auffälligen Kind berichteten, das ständig Mitschüler ärgere. "Bei mir schrillten die ersten Alarmglocken", sagte W. Erst dann habe er Carina F. angesprochen, die ihm von dem Missbrauch erzählt habe. Anzeige erstattete jedoch ein Freund von Heinz W. Der Mann will gesehen haben, wie sich Sabine D. 2004 in der Umkleidekabine eines Modegeschäftes von ihrem Sohn an die Brust fassen ließ, der BH sei dabei heruntergezogen gewesen.

Sabine D.'s Anwalt will vor Gericht zu Sprache bringen, wie die Anzeige und die Vorwürfe zustande gekommen sind. Denn zum einen habe seine Mandantin aufgrund einer Rückenverletzung nie BHs getragen. Zum anderen habe die Haushälterin ihre Beobachtungen erst in der eidesstattlichen Versicherung bekräftigt, nachdem ihr Heinz W. schriftlich versichert habe, dass er nun "alle anderen Vorgänge als erledigt betrachte".

Mit "Vorgängen" seien vor allem die Schulden gemeint, sagt Steffen Ufer. Bestechung für eine Falschaussage? Von stern.de darauf angesprochen, wollte sich Heinz W. so kurz vor dem Prozess nicht mehr äußern, sein Anwalt Hock wusste davon nichts.

Was hat Nina S. gesehen?

Die Verteidigung prangert noch weitere vermeintliche Ungereimtheiten in der Anklage an. So arbeitetet zwischen 2002 und 2004 eine zweite Frau im Haushalt der Familie, Nina S. Sprich: Sie war in der Zeit im Haus, als es zu dem Missbrauch gekommen sein soll. Die Staatsanwaltschaft zieht sie als weitere Belastungszeugin heran. Laut Anklage hat Nina. S beobachtet, dass Lukas seiner Mutter an der Brust gegriffen hat, obwohl er schon längst abgestillt war. Sexuelle Erregung der Mutter oder gar weitere Vorfälle, wie sie Carina F. gesehen haben will, schilderte Nina S. jedoch nicht. Die Verteidigung sieht in der ihrer Aussage deshalb "einen entscheidenden Entlastungsbeweis." Und auch Heinz W.'s Anwalt gibt zu: "Ich weiß nicht, warum diese Zeugin sonst nichts gesehen hat. Das wird sie vor Gericht erklären müssen."

Voraussichtlich nichts wird das einzige wirkliche Opfer dieses unappetitlichen Verfahrens vor Gericht sagen. Lukas wird wohl von seinem Schweigerecht Gebrauch machen. Seine Eltern bekriegen sich derweil mit allen Mitteln. Der Anwalt seines Vaters sagt, Sabine D. habe Heinz W. in einem Vieraugen-Gespräch gebeten, alles zu vergessen und die Haushälterin zurückzupfeifen. Auf der anderen Seite listet die Staatsanwaltschaft mehrere Anzeigen von Sabine D. gegen ihren Ex-Mann auf, die allesamt eingestellt oder zurückgezogen wurden. Unter anderem hat Sabine D. ihren Ex-Mann des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Angebliches Opfer: Lukas, der gemeinsame Sohn.


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