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Drama in Schwerin: Das letzte Geleit für Lea-Sophie

Zehn Tage nach ihrem qualvollen Hungertod ist Lea-Sophie in Schwerin beigesetzt worden. Ihre Eltern durften an der Trauerfeier nicht teilnehmen. Unterdessen wurden in Berlin erneut verwahrloste Kinder von der Polizei befreit.

Eine Woche nach ihrem qualvollen Hungertod ist die fünfjährige Lea-Sophie aus Schwerin im engsten Kreis der Familie beigesetzt worden. Etwa 30 Trauergäste kamen zur Beerdigung auf den Waldfriedhof der Stadt. Die wegen Totschlagsverdachts in Untersuchungshaft sitzenden Eltern waren wegen eines gerichtlichen Verbots nicht dabei. Unterdessen wurden erneut Kinder aus einer verwahrlosten Berliner Wohnung geholt. Auf ausdrücklichen Wunsch der Großeltern von Lea-Sophie nahmen auch keine Vertreter der Stadt an der Bestattung teil. Der Beisetzungstermin war geheim gehalten worden.

Ein Kranz von der Stadt Schwerin

Die kirchliche Versöhnungsgemeinde in Schwerin-Lankow hat Geld für den Grabstein gesammelt. Das Grab des Mädchens ist schlicht gehalten. Rote Rosen und helle Nelken umschließen die Trauerkränze der Großeltern. Auch die Stadt Schwerin hatte einen Kranz geschickt. Auf einem stand: "Du wirst immer in unserem Herzen bleiben." Jemand hat zwei Plüschbären dazu gestellt. Lea-Sophie war am Abend des 19. November in die Klinik gebracht worden und in der Nacht trotz aller Rettungsbemühungen der Ärzte gestorben. Laut Obduktion war sie qualvoll verhungert und verdurstet, weil sie über Monate nicht ausreichend ernährt wurde. Zuletzt wog das Kind nur noch 7,4 Kilogramm.

"Lebensgefahr nicht erkannt"

Die Mutter Nicole G. will die Lebensgefahr nicht erkannt haben. Ihr Rechtsanwalt Ullrich Knye sagte am Mittwochabend in der Sendung "stern TV": "Sie hat nicht wahrgenommen, dass sie in einem lebensgefährlichen Zustand war." Seine Mandantin wolle aber nicht die Schuld von sich weisen, erklärte er. Das Mädchen habe sich bis zur Geburt ihres Bruders vor zwei Monaten völlig normal entwickelt, danach sei es "erziehungsschwierig" geworden.

Dafür, dass Lea-Sophie vor dem Jugendamt versteckt wurde, macht die Mutter nach Angaben Knyes ihren Lebensgefährten, den Vater des Kindes, Stefan T. verantwortlich. Er sei sehr dominant und habe auch den Kontakt zu den Großeltern, den Adoptiveltern von Nicole G., unterbunden, bei denen das Mädchen in den ersten zwei Lebensjahren aufgewachsen war.

Schwerin sieht keine Schuld bei Behörden

Die Eltern hätten mit Lea-Sophie auch drei Jahre lang keinen Arzt besucht, sagte Knye. "Die beiden haben in einer kleinen Welt gelebt, die ihre heile Welt war", erklärte der Anwalt. Sie hätten Lea-Sophie allein erziehen wollen. Knye sagte weiter, Nicole G. habe sich damit einverstanden erklärt, dass ihr zwei Monate alter Sohn zu ihren Adoptiveltern kommt. Er sei bisher in einer Einrichtung des Jugendamts untergebracht.

Der Tod des Mädchens hat die politische Diskussion über Vorsorge zur Verbesserung des Kinderschutz neu entfacht. Die in der Kritik stehenden städtischen Behörden erarbeiten gegenwärtig einen Prüfbericht, der von einem Gremium des Stadtparlaments begleitet und ergänzt werden soll. Das Jugendamt hatte mehrfach Kontakt zu der Familie von Lea-Sophie, bekam das Mädchen aber nie zu Gesicht. Die Stadt Schwerin sieht aber keine Schuld bei den Behörden.

Neues Familiendrama in Berlin

Unterdessen hat die Berliner Polizei zum dritten Mal innerhalb von vier Tagen Kinder aus verwahrlosten Wohnungen geholt. Diesmal waren es zwei neun und 13 Jahre alte Mädchen im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Ein 17-jähriger Bruder der Mädchen sowie der Vater blieben in der Wohnung, wie die Behörde am Donnerstag berichtete. Die 48-jährige Mutter aber nahm die Beamten gleich mit, da sie offensichtlich betrunken war und "desorientiert wirkte". Die Polizei beschrieb die Wohnung als völlig verwahrlost, übel riechend, mit gefährlichem Gerümpel, offenen Mülltüten, leeren Bierflaschen und vollen Aschenbechern.

DPA / DPA