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Drogenszene: Trip in die Verelendung

"Crack", die tödlichste aller Drogen, hat wegen seiner schnellen und kurzfristig euphorisierenden Wirkung nahezu sämtliche Heroin-Junkies in seinen Bann gezogen - besonders in Frankfurt und Hamburg.

"Wer hier am Bahnhof rumhängt, der nimmt auch Crack." Der städtische Sozialarbeiter Martin Dörrlamm macht sich keine Illusionen über die Gewohnheiten der mehrere hundert Süchtigen, die jeden Tag die Straßen am Frankfurter Hauptbahnhof bevölkern. Ohne Rücksicht auf die Folgen nehmen sie alles zu sich, was einen Rausch verspricht: Crack, Heroin, Rohypnol, Amphetamine, durcheinander oder zusammen, geraucht oder gespritzt, dazu immer wieder Alkohol. Doch nach Schätzungen der Polizei greift längst der größere Teil der rund 4000 polizeibekannten Frankfurter Süchtigen mehr oder weniger regelmäßig zu den "Steinen".

Im Frankfurter Bahnhofsviertel haben sich viele an Crack gewöhnt. "Raus kriegt man das hier nicht mehr", meint ein Polizist, der anonym bleiben möchte. "Crack ist absolut dominant", sagt Hans-Ewald Gemmer, Chef des Drogen-Kommissariats. Auch in Hamburg hat Crack dem Heroin den Rang abgelaufen. Im Jahr 2003 wurden dort Koks und Crack fast doppelt so häufig bei den Süchtigen gefunden als Heroin.

Horror-Droge aus den USA

Crack kam Mitte der 90er Jahre als Horror-Droge aus den US-Gettos und hat sich in Deutschland nach Expertenmeinung nur in Hamburg und Frankfurt richtig breit gemacht. Das mit einfachsten Mitteln chemisch modifizierte Kokain hat die Drogenszenen in den beiden Großstädten mit traditionell guten Verbindungen nach Südamerika gründlich umgekrempelt: Die Süchtigen sind extrem ruhelos, weil es beim Kokainkonsum keine Sättigungsgrenze gibt, wie der auf der Straße praktizierende Malteser-Arzt Joachim Krause immer wieder erfährt. Das Aids-Virus und Gelbsucht tragen viele, neuerdings ist auch wieder die Tuberkulose verbreitet. Der psychische Suchtdruck sei bei manchen so stark, dass sie Krankheiten und körperliche Gebrechen total vernachlässigten. "Sie sterben eher daran als direkt von der Droge." Es gibt für Crack keine vergleichbare Ersatzdroge wie das Methadon für Heroin.

Crack ist eine enorm schnelle Droge. Innerhalb von Sekunden sind die Brocken aus aufgekochtem Kokain in kleinen Pfeifchen geraucht, innerhalb weniger Tage macht die Droge ihre Konsumenten zu Junkies mit paranoid anmutenden Verhaltensweisen. In großer Hektik begeben sie sich stets aufs Neue auf die Suche nach dem angeblich unvergleichlichen, aber sehr kurzen Kick. Was übrig bleibt, ist die Gier. Typisch ist der stets auf den Boden gerichtete Blick: noch in der elendsten Gosse Frankfurts hoffen die Crack-Raucher einen der heiß begehrten "Steine" zu finden. Ihre Finger sind schwarz vom Wühlen und Suchen - letztlich werden sie doch nur wieder beim Dealer fündig.

Rasender Verfall

Der körperliche Verfall geht rasend schnell, erzählt Sozialarbeiter Christoph Ries. "Selbst die Alt-Heroin-Junkies fangen mit dem Mist noch mal an." Innerhalb weniger Wochen seien die dann völlig fertig. Prostituierte schlafen über Tage nicht, halten sich mit der Droge wach, bevor sie in einen totenähnlichen Schlaf fallen. Die Süchtigen schwanken zwischen extremer Müdigkeit und absolut hektischen Phasen, in denen viele sehr aggressiv sind. Auf der Straße drohen ihnen Angriffe und Diebstähle anderer Süchtiger und permanente Polizeikontrollen.

Die von den eher ruhigen Heroin-Junkies weitgehend unbekannte Aggressivität hat zu einer immer engeren Zusammenarbeit zwischen den Drogenhilfeeinrichtungen und der Polizei geführt, die immer wieder in und vor den vier Druckräumen und weiteren Hilfseinrichtungen für Ordnung sorgen musste. Bellende, krähende oder nackte Junkies auf der Straße gehören für die Helfer ebenso zum Alltag wie Crack-Raucher, die glauben, von Würmern innerlich zerfressen zu werden.

"Eine Pfeife ist schnell geraucht"

Die Mitarbeiter klagten über häufige Randale und wurden in Deeskalationstrainings geschickt. Nicht umsonst war bislang Crack-Rauchen in den Hilfseinrichtungen streng untersagt. "Eine Pfeife ist schnell geraucht", sagt Regina Ernst vom städtischen Drogendezernat. Es käme eher darauf an, den ruhelosen Süchtigen eine Chance zur Beruhigung im hektischen Drogen-Alltag zu geben. Dann seien sie möglicherweise eher ansprechbar für Hilfen. Nach Hamburger Vorbild hat die Stadt auf die veränderte Situation reagiert und in Bahnhofsnähe einen Konsumraum für Crack-Süchtige eingerichtet. "Wir konnten schließlich nicht einfach dastehen und zuschauen, wie sich die Szene total verändert", sagt Ries.

Mit dem Rauchraum wolle man das Leben der Crack-Süchtigen "entschleunigen" heißt es beim Drogendezernat der Stadt, die die neue Einrichtung bezahlt. Ries hofft, in der ruhigen Atmosphäre von Rauchraum und benachbartem Café besseren Kontakt zu dem hektischen Klientel zu bekommen. Seine Einrichtung hat zudem Ruhebetten, eine medizinische Ambulanz und mannigfaltige Beratungsangebote zu bieten. Das Problem ist, dass die Adressaten kaum zuhören, wenn die Betreuer von Krankenkassen, Wohnmöglichkeiten oder Therapien sprechen wollen. "Es ist unheimlich schwer, mit einem Crack-Süchtigen mal zehn Minuten zu reden", sagt der 49-jährige Sozialarbeiter. Viele der Elendsten haben noch nicht einmal einen Ausweis, den Schlüssel zu vielen Hilfen der Bürokratie.

Der Drogenexperte und Fachbuchautor Günther Amendt erwartet in den kommenden Jahren einen Anstieg des Kokainkonsums weltweit, während bei Heroin und Opium zumindest in Europa eine gewisse Marktsättigung eingetreten sei. Amendt tritt eigentlich für die komplette Freigabe illegaler Drogen ein, nur bei einer Substanz hat er nach eigenen Angaben "erhebliche Bauchschmerzen": "Bei der völligen Freigabe von Kokain hätte ich Angst vor den sozialen Konsequenzen." Es seien bereits etliche Vermögen in Rauch aufgegangen, meint auch Streetworker Dörrlamm von der Jugendhilfe. "Doch eines ist nicht passiert: dass durch Crack massenweise sozial integrierte Leute in die Szene abgerutscht sind."

WM 2006 sorgt für Stress

Für zusätzlichen Stress in der Szene sorgt daher höchstens die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006. Die Junkies befürchten, am Sitz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und wichtigen Spielort Frankfurt aus der Stadt gejagt zu werden. Misstrauisch wird das neue Städtische Projekt "Ossip" beäugt, das sich trotz Kürzungen bei anderen Angeboten "offensive Sozialarbeit" und Prävention auf die Fahnen geschrieben hat. Fünf Sozialarbeiter sind unterwegs, um Krawalle vor den Druckräumen zu verhindern und einzelnen Süchtigen Hilfen anzubieten. "Wir haben Schlimmeres verhindert", meint die Vorsitzende der Integrativen Drogenhilfe, Gabi Becker.

Christian Ebner/DPA / DPA