HOME

Dubai unter Druck: 250.000 fordern Freilassung vergewaltigter Wienerin

Dubai schockiert erneut mit einer Anklage gegen eine mutmaßlich missbrauchte Frau. Der Fall der Wienerin aber mobilisiert die Massen: 250.000 Menschen fordern ihre Freilassung per Petition.

Von Niels Kruse

Dubai beeindruckt nicht nur mit einer imposanten Skyline sondern auch mit einer fragwürdigen Sexualmoral

Dubai beeindruckt nicht nur mit einer imposanten Skyline sondern auch mit einer fragwürdigen Sexualmoral

Die Vereinigten Arabischen Emirate mögen mit ihren glitzernden Fassaden äußerlich hochmodern wirken - innerlich sind sie so ziemlich das Gegenteil. Vor allem, wenn es um Sexualmoral geht: 2007 wurde der damals 16-jährige Franzose Alexandre Robert von mehreren Männern vergewaltigt und um ein Haar wegen "homosexueller Handlungen" verurteilt. Vergangenes Jahr missbrauchte ein Arbeitskollege die Norwegerin Marte Dalelv – sie wurde "außerehelichem Geschlechtsverkehrs" zu 16 Monaten Haft verurteilt. Wenige Tage nach dem Schuldspruch kam sie frei, auch, weil die norwegische Regierung massiv intervenierte.

Nun ist eine 29-jährige Wienerin ebenfalls in der erschütternden Lage, sich nach einer Vergewaltigung vor einem Dubaier Gericht "verantworten" zu müssen. Auch ihr droht eine Verurteilung wegen nichtehelichem Sex, auch sie wird vom mutmaßlichen Opfer zum Täter gemacht und im Unterschied zur Norwegerin Marte kann sie im Zweifel nicht einmal auf einen "Westler-Bonus" hoffen. Denn die Österreicherin ist Muslimin und für die Richter daher eine der ihren. Ein Umstand, der nicht unbedingt Hoffnung auf ein milderes Urteil macht.

Überwachungskameras sollen helfen

Der Albtraum begann nach Darstellung der Frau am 1. Dezember. Damals habe sie ihren späteren Peiniger in einem Club kennengerlernt. Auch Alkohol soll im Spiel gewesen sein. Beide seien dann zusammen im Auto zu einer anderen Veranstaltung gefahren. In der Tiefgarage eines Hotels habe sich der Mann an ihr vergangen. Nun sichten die Behörden angeblich die Videoüberwachung, um festzustellen, wie aufgewühlt die Frau beim Verlassen des Autos gewesen sei. Nach der mutmaßlichen Tat zeigte sie den Mann bei der Polizei an. Und geriet dadurch ins Visier der Ermittler. Im Falle einer Verurteilung droht ihr eine mehrjährige Haftstrafe.

Unterstützung für die Frau kommt seit einigen Tagen nicht nur aus der Heimat Österreich, sondern aus fast allen Teilen der Welt. Mit Hilfe einer Online-Petition soll die Freilassung der 29-Jährigen erreicht werden. Die Zahl der Unterzeichner nimmt rasant zu: Beinahe im Sekundentakt trudeln auf der Petitionswebsite Avaaz.org die Solidaritätsbekundungen ein. Stand 15 Uhr am 30. Januar: 252.000 Unterschriften. Die Unterstützer wenden sich an Österreichs Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), der sich "persönlich für die umgehende Freilassung" der Wienerin einsetzen solle. Zudem wird gefordert, dass "die Gesetze so zu reformieren sind, dass Vergewaltigungsopfer geschützt werden und keine Gefängnisstrafe fürchten müssen, wenn sie ein Sexualverbrechen melden."

"Alle Hebel in Bewegung" in Wien

Zumindest der österreichische Außenminister hat den Ernst des Falls erkannt. Für den erst 27-jährigen Kurz ist es die erste internationale Bewährungsprobe seit seinem Amtsantritt Mitte Dezember. Kurz stehe mit den Emiraten in Kontakt und habe noch im Dezember ein hochrangiges Krisenteam entsandt, hieß es aus dem Außenministerium. Dies bestehe aus erfahrenen Diplomaten und Rechtsexperten, die vor Ort versuchten, der Frau zu helfen. "Es wird alles unternommen, um unserer Österreicherin zu helfen", teilte das Wiener Ministerium mit. Die höchst erfolgreiche Petition sei verständlich, "aber wir setzen ohnehin alle Hebel in Bewegung", so ein Sprecher weiter.

Amnesty International betrachtet die mögliche Verurteilung als klaren Verstoß gegen die Menschenrechte. Der Grund dafür sei die "absurde Sexualmoral und -gesetzgebung der herrschenden Klasse", sagte ein Sprecher der Organisation. Nach Ansicht der Initiative Liberaler Muslime Österreich ist die Situation der Wienerin auch deswegen schwierig, weil sie unabhängig vom Vergewaltigungsvorwurf auch in einer Bar gewesen sei, was für eine Muslimin kritisch werden könne, wie der Mitbegründer Amer Albayati sagte. Denn bei vielen Gläubigen ist der Genuß von Alkohol verpönt. Bei einer Rückkehr werde die Frau wohl auch von ihrer Familie nicht mit offenen Armen empfangen.