Dutroux-Prozess "Ich wollte die Kinder schützen"


Der Kinderschänder Marc Dutroux hat seine Richter mit völlig neuen Versionen zur Entführung mehrerer Mädchen überrascht und dabei seine Mitangeklagten schwer beschuldigt.

Dutroux äußerte sich am Mittwoch erstmals in dem Prozess in Arlon über die Verbrechen, die in den 90er Jahren das Vertrauen in die belgische Justiz erschüttert und das Land wegen vieler Ermittlungspannen in eine tiefe Krise gestürzt hatten. "Ich wollte nicht, dass dies geschieht", sagte der 47-Jährige in der Befragung. Er räumte eine Beteiligung an Entführungen ein, bestritt jedoch die Mordvorwürfe. Er habe die Mädchen vielmehr vor Missbrauch schützen wollen und deshalb ein Versteck im Keller gebaut. Opfer-Vertreter reagierten entsetzt auf Dutroux’ Aussage. "Ich könnte heulen", sagte ein Anwalt in einer Verhandlungspause. "Es ist widerlich. Er redet als ob er nichts getan hätte."

"Er redet als ob er nichts getan hätte."

Die Staatsanwaltschaft wirft Dutroux vor, sechs Mädchen entführt und vergewaltigt und vier ermordet zu haben. Doch Dutroux machte eine Verbrecherbande aus Charleroi für die ihm zur Last gelegten Fälle verantwortlich, die unter dem Schutz von Personen aus Polizei und Politik gestanden habe. Er gab damit Verschwörungstheorien Nahrung, die die belgische Öffentlichkeit bereits seit Bekanntwerden der Ermittlungspannen verunsichern.

Er selbst akzeptiere seinen Teil der Verantwortung, sagte Dutroux. "Vier Menschen werden niemals zurückkommen", sagte er mit fester Stimme. Sie wären nicht tot, "wenn ich nicht eingewilligt hätte zu tun, was ich getan habe".

Dutroux belastete seine Frau und zwei Komplizen

Dutroux belastete seine Frau und zwei mutmaßliche Komplizen. Die ersten Opfer, die achtjährige Julie und die gleichaltrige Melissa, habe er mit seiner mitangeklagten damaligen Frau und seinen mutmaßlichen Komplizen Bernard Weinstein und Michel Nihoul bei sich zu Hause vorgefunden, sagte Dutroux. Die beiden Männer hätten die Kinder als Prostituierte missbrauchen wollen. "Ich wusste gar nicht, was Pädophilie ist. Für mich war das alles Chinesisch."

"Jetzt sage ich die Wahrheit"

Nihoul ist ebenfalls angeklagt, Weinstein wurde 1996 ermordet in Dutroux’ Garten gefunden. Auf die Frage, warum er Nihoul nicht bereits damals bei der Polizei beschuldigt habe, sagte Dutroux: "Ich wollte meine Familie nicht in Gefahr bringen." Sich selbst stellte er als ein Opfer einer herrschsüchtigen Mutter dar, die ihn nicht unterstützt habe. In der Vergangenheit habe er oft die Unwahrheit gesagt, um seine Ex-Frau Michelle Martin zu schützen, sagte Dutroux. "Meine Erklärungen waren voller Lügen. Doch jetzt sage er "die volle Wahrheit".

Dutroux beschuldigt seine Ex-Frau

Dutroux warf seiner Ex-Frau vor, Weinstein getötet zu haben. Er widerrief damit ein früheres Geständnis aus der Haft. Zudem warf er seiner Ex-Frau vor, Julie und Melissa nicht versorgt zu haben, während er selbst eine dreimonatige Haft wegen Autodiebstahls und anderer Vergehen verbüßte. Die Kinder waren in dem Kellerverlies verhungert. Er selbst räumte die Beteiligung an der Entführung von vier der sechs Mädchen ein. Er habe dies jedoch nur auf Druck Nihouls getan. Mit der entführten und später ermordeten Eefje habe er mit deren Einverständnis Sex gehabt. "Eefje war wirklich ein sehr nettes Mädchen", sagte Dutroux weiter. Das Mädchen war bereits volljährig. "Wir haben viel geredet."

Dutroux macht Pädophilennetz für Morde verantwortlich

Dutroux’ Anwälte hatten bereits am Dienstag von Beweisen dafür gesprochen, dass Dutroux kein Einzeltäter sei. Die Staatsanwaltschaft sieht dagegen bislang keine Beweise für eine größere Verschwörung, ermittelt jedoch weiter. Die Anwälte der Opfer warfen den Verteidigern eine Verneblungsstrategie vor. Der Prozess dürfte mindestens zwei Monate dauern. Dutroux, der bereits 1989 wegen der Vergewaltigung Minderjähriger verurteilt wurde, droht lebenslange Haft.

Gilles Castonguay und Yves Clarisse/Reuters


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