Dutroux-Prozess "Ich wollte ihn anfallen, erwürgen"


Paul Marchals Tochter An war 17, als Marc Dutroux sie 1995 verschleppte, hungern ließ und später lebendig begrub. Nachdem Dutoux zu "lebenslänglich" verurteilt wurde, sprach der stern mit Paul Marchal, 50.

Marc Dutroux, der Mann, der Ihre Tochter An ermordet hat, bekam lebenslänglich. Der Prozess ist abgeschlossen. Fängt für Sie und Ihre Familie nun ein neues Leben an?

Eigentlich nicht. Dutroux wird nie aus unserem Leben verschwinden. An ist nicht wiedergekommen. Dieser schmerzliche Verlust bleibt. Nur die Akzente verschieben sich. All die Stunden, die ich mit dem Dutroux-Dossier beschäftigt war, kann ich jetzt meiner Frau Betty und den Kindern widmen. Die Arbeit für meinen Verein, missbrauchten Kindern zu helfen, mache ich weiter. Außerdem nehme ich meinen Job als Lehrer wieder auf.

Welches war im Rückblick für Sie der schwierigste Moment in den neun Jahren zwischen dem Verschwinden von An und dem Abschluss des Prozesses?

Das war kein einzelner Moment. Das ganze Jahr war furchtbar, als wir nicht wussten, was aus An geworden war. Alle glaubten, sie würde leben, irgendwo. Jedesmal, wenn das Telefon klingelte, bekamen wir Herzklopfen. Würde An anrufen und sagen: Hier bin ich. Dieser Druck war kaum zu ertragen.

Hatten Sie ein Privatleben während all der Dutroux-Jahre?

Ja. Sogar, als An verschwunden war und wir sie mit freiwilligen Helfern in ganz Europa suchten, achtete ich darauf, dass die Familie Zeit für sich hatte. Wie früher fuhren wir in Urlaub an die Nordsee. Ich kochte täglich. Italienisch - meine Spezialität. Es durfte gelacht werden. Ohne Humor hätten wir die Trauer nicht überstanden.

Während des Prozesses kamen ungeheuer grausame Details ans Licht. Wie konnten Sie das aushalten?

Ich kannte die Akten schon vorher, inklusive der Gräuel. Die genaue Schilderung der Autopsie überraschte mich nicht mehr. Ich wollte dieser Konfrontation auch nicht ausweichen, weil es mir half, mich in An hineinzuversetzen, mich in ihr Schicksal einzufühlen. Als Vater musste ich diese Folter, lebendig begraben zu werden, den Hungertod, anhand der Akten durchleiden. Manchmal schaute ich das liebe, vertraute Gesicht von An in meinem Laptop an. Dann wusste ich wieder, wieso ich mich so quälte.

Wie war es für Sie, Dutroux wochenlang gegenüberzustehen?

Bei diesem Prozess saß er hinter Glas, weit entfernt von uns, den Eltern. Bei einer der ersten Sitzungen, als es noch darum ging, welches Gericht seine Schandtaten verhandeln sollte, hatte er seinen Platz neben mir. Nur ein Polizist trennte uns. In mir kochte eine gewaltige Aggression hoch, ich spürte aber auch meine Machtlosigkeit. Ich schwankte zwischen Vernunft und Hass. Im tiefsten Innern wollte ich ihn anfallen, erwürgen.

Sie töteten ihn in Gedanken?

Ehrlich gesagt, ja. Nicht mit einer Waffe, sondern mit meinen Händen, allerdings mit Handschuhen. Denn den Dreckskerl zu berühren, fand ich widerlich. Natürlich beherrschte ich mich letztendlich. Ich sagte mir: Du darfst dich nicht auf sein Niveau herablassen.

In Ihrem Plädoyer nannten sie ihn „Monster„ und schilderten einen anderen Weg, ihm das Leben zu nehmen.

Es ging mir darum, den Geschworenen klarzumachen, wie einem Vater zu Mute ist, wenn sein Kind ermordet wurde. Der unnahbare Täter saß lächelnd vor mir. Ich fantasierte, dass man das Glasgehäuse, das ihn gegen Kugeln schützt, am besten mit Wasser volllaufen lassen sollte, damit Dutroux und seine Komplizen ertrinken. Aber ich fügte hinzu, dass mein Verstand so ein Todesurteil nicht zulässt.

Am 3. September 1996 erfuhren Sie, dass Ans sterbliche Überreste ausgegraben worden waren. Wie hart traf Sie das?

Zuerst waren wir wie betäubt. Bald entwickelten wir neue Energie. Wir wussten, dass An aus ihrem Leid befreit war. Das war irgendwie erlösend. Nicht zu wissen, ob sie noch lebt, war für uns alle qualvoll. Nun brauchten wir nicht mehr zu suchen. Wir konnten An einen anderen Platz einräumen.

Wie gehen Sie mit ihrem Tod um? Gibt es Rituale zu ihrem Gedenken?

Wir möchten aus An keine Ikone machen. Sie ist unser Kind, beziehungsweise die Schwester von Karen, Kris und Gert. Jeder in der Familie gedenkt ihrer für sich, intim, individuell, wann er will. Wie es die anderen machen, weiß ich nicht. Meine Frau hat während des Prozesses an ihrem Arbeitsplatz Kerzen aufgestellt. Zu Hause brennen zur Erinnerung Teelichter oder Lämpchen. Am Geburtstag. Oder einfach so. Bei wichtigen Entscheidungen in der Familie fragen wir immer Ans Meinung. Ich selbst rede fast jeden Tag mit ihr, abends, kurz bevor ich mein Büro verlasse.

Bekamen Sie Hilfe von Kollegen, Verwandten, Geistlichen, Psychologen, um den Verlust zu verarbeiten?

Viele unterstützten uns: Freunde, Fremde, Bekannte, Angehörige. Die Solidarität war groß, intensiv und warm. Mit allen redeten wir offen über unsere Gefühle und Ängste. Das linderte den Schmerz. Die Kirche bot sich an. Zwar habe ich immer an Gott geglaubt. Aber wo war dieser Gott, als An verschleppt, vergewaltigt, gefoltert und getötet wurde? Mit diesem Gott pflege ich keine Beziehung mehr.

Wie haben Sie An in Erinnerung?

Als Teenager. Sie hatte sich gerade von ihrer Kindheit gelöst, physisch wie psychisch. Als 17-Jährige war sie noch Mädchen und auch schon eine junge Frau. Zum erstenmal erzählte sie, in einen Jungen verliebt zu sein - kurz bevor sie verschwand. Zwischen uns Eltern und An gab es keine besonderen Spannungen. Sie beschäftigte sich mit sich selber, ihren Freundinnen und mit ihrem Zoo, den Hühnern, den Enten, der Gans, den Tauben, der Katze und dem Hund. Ihr Taschengeld ging für Futter drauf. Manchmal machten sich die Tiere im ganzen Garten breit. Darüber gab es hin und wieder Auseinandersetzungen.

Wie war Ans Verhältnis zu ihren Geschwistern?

Gert und Kris, damals elf und 13 Jahre alt, waren ihr zu jung. Sie traf sich lieber mit gleichaltrigen Jungs, wie das Mädchen in diesem Alter eben tun, und neigte dazu, ihre Brüder zu bemuttern. Was Gert, dem Jüngsten, nicht gefiel. Dann krachte es. Jetzt spricht er oft über seine Schuldgefühle. Nach einem unbedeutenden Streit konnte er keinen Frieden mehr mit An schließen. Das findet er ganz, ganz traurig. Karen war Ans intimste Freundin - die Schwestern teilten ihre Mädchengeheimnisse.

Wie kamen die Kinder mit Ans Verschwinden zurecht?

Die Schulleistungen gingen stark zurück. Alle verloren ein Jahr. Als Vater und Lehrer habe ich vollstes Verständnis dafür. Es hätte schlimmer kommen können.

Hatten Sie keine Angst, die Kinder könnten den Halt verlieren, bei dieser ganzen Verzweiflung? Oder zu Drogen greifen?

Wir kamen uns alle eher näher. Andererseits gebe ich zu, dass wir alle mal auf die eine oder andere Weise von üblichen Normen abgewichen sind. Entgleisung will ich das nicht nennen. Es passierte halt so. Dinge, die unter normalen Umständen nicht geschehen wären.

Was waren das für "Dinge"?

Darüber will ich nicht sprechen.

Sie mussten neun Jahre warten, bis zum Urteil in der Dutroux-Affäre. Wurde die Belastung nie zuviel für Sie?

Betty und ich konnten das, als Erwachsene durchs Leben geschult, verkraften. Wir wissen, dass nichts so läuft, wie man hofft, erwartet oder erträumt. Karen, Kris und Gert waren dagegen oft außer sich. Weil sie mitkriegten, dass Fahnder schlampten. Als Vater und Mutter taten wir alles Menschenmögliche, um unsere liebe An wiederzufinden. Polizisten machten einen Fehler nach dem anderen. Das machte die Kinder so wütend. Als Eltern mussten wir versuchen, diese Ausbrüche einzudämmen.

Aber auch Sie regten sich über die Beamten auf, die in den Akten konsequent Ann schrieben, statt An mit einem "n".

Solche Schlamperei vertrage ich nicht. Es ist eine Respektlosigkeit. Wenn schon der Name nicht stimmt, was stimmt dann sonst in den Dokumenten? Sogar nach Protesten meines Anwalts korrigierte man den Fehler nicht.

Am Anfang waren Sie für die Medien der wichtigste Gesprächspartner. Später mussten Sie sich den Vorwurf gefallen lassen, Sie seien fernsehgeil.

Das war eine Verdrehung der Fakten. Zu Beginn informierte ich die Presse ausführlich. Aus eigenem Interesse - und als Vertreter der Eltern der anderen verschwundenen Mädchen. Die Publizität spornte Menschen an, mit uns nach den Verschollenen zu suchen. Als sie dann gefunden worden waren, wandten sich die Journalisten an mich, nicht umgekehrt. Und natürlich beantwortete ich ihre Fragen.

Ein Journalist sagte in einer Talkshow über Sie "Marchal tanzt als Narr auf dem Grab seiner Tochter".

Diesen Satz kann ich nie vergessen. Wer so etwas skandalöses verbreitet, ist wie Dutroux ein Irrer, ein Psychopath, ein Rufmörder.

Sie wollen nun wieder als Lehrer arbeiten. Ist der Fall Dutroux nun abgeschlossen?

Das bezweifle ich. Es gibt bei der Staatsanwaltschaft ein zweites Dossier mit allen offenen Fragen. Fragen, die darauf hinweisen, dass mehr - bislang unbekannte - Personen in die Affäre verwickelt sind. Neutrale Rechercheure und Richter sollten das überprüfen. Das große Aufräumen hat leider nicht stattgefunden.

Warum nicht?

Weil möglicherweise hohe Beamte und Politiker in den Fall verwickelt sind.

Besteht überhaupt die Chance, das Verbrechen restlos aufzuklären?

Dafür mache ich mich jedenfalls stark.

Jetzt kündigte Dutroux an, Revision zu beantragen.

Eine Farce. Eine Provokation. Der Kassationshof muss den Antrag auf seine Gültigkeit überprüfen. Die Richter werden Dutroux abblitzen lassen, sonst müsste der Prozess an einem anderen Ort noch mal aufgerollt werden. Das wäre ein Albtraum für die Eltern.

Interview: Albert Eikenaar print

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