Dutroux-Prozess "Warum hat er mich nicht umgebracht?"


Im Prozess gegen den mutmaßlichen belgischen Mädchenmörder Marc Dutroux hat sich das überlebende Opfer Sabine Dardenne direkt an seinen Peiniger gewandt.

Der Leidensweg von Sabine Dardenne begann am 28. Mai 1996. Fast acht Jahre später schaute die heute 20-Jährige ihrem Peiniger Marc Dutroux erstmals wieder in die Augen. Vor dem Schwurgericht in Arlon sagte Dardenne gegen den mutmaßlichen Kindermörder aus. Am Ende ihrer gut einstündigen Befragung wandte sie sich dem Hauptangeklagten direkt zu: "Er hat immer gesagt, ich habe einen Charakter wie ein Schwein. Warum hat er mich dann nicht umgebracht?", fragte Dardenne mit gefasster Stimme.

Sabine harrte fast drei Monate in dem Kellerverlies aus, bevor sie am 15. August 1996 nach Dutroux’ Festnahme zusammen mit der damals 14 Jahre alten, ebenfalls verschleppten Laetitia Delhez befreit wurde. Der Vorsitzende Richter Stephane Goux befragte die Zeugin ausführlich über die Umstände ihrer Entführung und die Zeit in Dutroux’ Haus. Details über die Vergewaltigungen ersparte er ihr und verwies auf die vergangene Woche im Gerichtssaal verlesenen Briefe, die sie in ihrer Gefangenschaft verfasst hatte.

Am Morgen des 28. Mai 1996 fuhr Sabine in ihrem Heimatort Kain bei Tournai mit dem Fahrrad zur Schule, als plötzlich ein weißes Wohnmobil hinter ihr auftauchte. Der Fahrer, den Dardenne als den mitangeklagten Michel Lelievre identifizierte, drängte sie zur Seite. Ein anderer Mann - Dutroux - zog sie in das Fahrzeug und betäubte sie.

"Ich dachte, ich würde sterben"

Die anschließende Fahrt erlebte Sabine im Halbschlaf. "Ich dachte, ich würde sterben." Nachdem sie am Ort des Grauens in Dutroux’ Haus in Marcinelle bei Charleroi angekommen waren, wurde das Mädchen in den ersten Stock gebracht, wo sie in einem Zimmer mit zugezogenen Vorhängen mehrere Tage ausharren musste. Dardennes Aussage zufolge war sie in der Zeit nur leicht bekleidet und mit einer Kette um den Hals angeleint. Dutroux habe sie bereits in dem Zimmer sexuell misshandelt.

Zudem habe er ihr sofort die Geschichte vom "bösen Chef" erzählt, der sie töten wolle. Er selbst stellte sich als ihr Beschützer dar. Schließlich habe Dutroux sie in das präparierte Verlies im Keller gebracht, um sie "besser zu beschützen. Ich dachte, er sei mein Freund, und war froh, dort zu sein." Dutroux habe ihr auch erzählt, dass der "böse Chef" mehrere Millionen belgische Francs Lösegeld verlange, ihre Eltern sich aber weigerten, das Geld zu bezahlen.

Den Briefen zufolge wurde Sabine während der rund 80 Tage im Keller mehrfach von Dutroux vergewaltigt. Dies hat der Angeklagte genau wie die Entführung auch bereits zugegeben. In einem selbst angefertigten Kalender versah das Mädchen die Vergewaltigungen mit einem Sternchen. Vor Gericht sagte sie aus, sie habe mit Dutroux zunächst immer Softpornos im Fernsehen anschauen müssen. "Ich wollte das nicht sehen, ich hatte das ja live", erinnerte sie sich.

Nachrichten waren verboten

Nachdem sie ihren Peiniger befriedigt hatte, durfte Sabine Fernsehsendungen nach eigener Wahl schauen. "Aber er hat immer darauf geachtet, dass ich keine Nachrichten sehe." Den Rest der Zeit verbrachte das Mädchen in ihrem Verlies hauptsächlich mit Lesen. Ihre Schulsachen hatte sie ja dabei, zusätzlich bekam sie Bücher von ihrem Peiniger. Schließlich begann sie auf Dutroux' Anregung hin, Briefe an ihre Eltern zu schreiben. Der aber schickte die Briefe niemals ab, sondern las sie selbst, um das Seelenleben seines Opfers besser zu kennen.

Dann wurde Laetitia, die am Dienstag aussagen wird, zu ihr gebracht. Laetitia habe erzählt, dass alle nach ihr suchten, erinnerte sich Dardenne. "Ich habe das aber nicht geglaubt, weil meine Eltern ja kein Lösegeld zahlen wollten." Sechs Tage später kam die nicht mehr für möglich gehaltene Befreiung. Ihren Eltern hatte sie in einem der Briefe geschrieben: "Ich glaube, dass ich Euch nicht wiedersehen werde." Nach der Freilassung sei sie bemüht gewesen, schnellstmöglich wieder in die Normalität zurückzukehren. Es waren noch zwei Wochen Sommerferien, danach ging Sabine wieder zur Schule.

Dutroux bleibt regungslos

Dutroux lauschte den Schilderungen regungslos. Als er von Dardenne schließlich gefragt wurde, warum er sie nicht umgebracht habe, antwortete er: "Es kam für mich nie in Frage, sie umzubringen." Er habe Sabine in dem Kellerverlies vergewaltigt. "Dafür trage ich die volle Verantwortung, Punkt." Dutroux’ Anwalt Xavier Magnee verzichtete auf Fragen an die Zeugin. Er erklärte lediglich: "Wir haben den größten Respekt für Sie und auch, obwohl viel zu spät, das größte Mitleid."

Dutroux muss sich wegen Entführung und Vergewaltigung von insgesamt sechs Mädchen verantworten. Vier von ihnen kamen grausam zu Tode, die bereits 1995 verschleppten achtjährigen Kinder Julie Lejeune und Melissa Russo sowie die 17 Jahre alte An Marchal und die 19-jährige Eefje Lambrecks. Dutroux ist auch des Mordes angeklagt, diesen Vorwurf bestreitet er aber.

Alexander Ratz/AP AP DPA

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