Dutroux-Prozess Ein Land atmet auf


Der Dutroux-Prozess enthüllte eine unfassbare Kette von Inkompetenz, Versäumnissen und Gleichgültigkeit der Behörden. Die belgische Öffentlichkeit hat dennoch mit Erleichterung auf die Schuldsprüche reagiert.

Mit Erleichterung haben Opfer, Angehörige und Öffentlichkeit auf die Schuldsprüche im Prozess gegen den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux und seine Bande reagiert. Das Schwurgericht von Arlon habe endlich einen Schlusspunkt hinter die jahrelangen Untersuchung der Dutroux-Affäre gesetzt, kommentierten belgische Medien am Freitag. "Zufrieden" äußerte sich Paul Marchal, Vater der ermordeten An. Die beiden überlebenden Dutroux-Opfer Laetitia Delhez und Sabine Dardenne reagierten ähnlich.

"Auf der ganzen Linie" hätten die Geschworenen am Donnerstag sowohl Dutroux als auch seine Ex-Frau Michelle Martin und den Komplizen Michel Lelièvre schuldig gesprochen, betonte die Zeitung "De Standaard". Sie sind laut Urteil voll verantwortlich für die Entführung von sechs Mädchen Mitte der 90er Jahre, von denen vier qualvoll starben. Dutroux wurde wegen Mordes an zwei Entführungsopfern und einem Komplizen verurteilt.

"Nihoul rettet seine Haut"

Auseinander gingen die Meinungen indes zum vierten Angeklagten, Michel Nihoul. "Nihoul rettet seine Haut", lautete die Schlagzeile des Boulevardblatts "La Dernière Heure" am Tag nach dem Verdikt: Der vorbestrafte Betrüger, der lange als Dutrouxs Verbindungsmann zu Kinderschänder-Ringen galt, wurde vom Vorwurf der Beteiligung an den Entführungen freigesprochen. Das Gericht verurteilte ihn jedoch als Chef einer Bande von Drogen- und Menschenhändlern.

Das sei doch keineswegs ein "gutes Urteil" für Nihoul, meinte Opfer-Vater Marchal. "Wenn ich es gut verstanden habe, riskiert der Mann jetzt 20 Jahre Gefängnis." Laetitia Delhez, die im Sommer 1996 aus dem Dutroux-Keller befreit wurde, sah das ähnlich: "Selbst wenn er nicht in meine Entführung verwickelt sein soll, wird er eine harte Strafe für die anderen Taten bekommen", sagte die heute 22-Jährige, die kurz nach ihrer Entführung ein verdächtiges Telefonat belauschte: Darin hatte Dutroux - zu Nihoul? - gesagt: "Es hat geklappt."

Die zwölf Geschworenen stellten nach Ansicht des Opfer-Vaters Marchal jedenfalls klar, dass Nihoul keine weiße Weste habe: "Eine Mehrheit der Jury hält Michel Nihoul für schuldig an den Kindesentführungen. Dass die Berufsrichter sich letztlich der Minderheit angeschlossen haben, ist zwar schade, aber man muss es akzeptieren", zitierte die Zeitung "De Morgen" den Vater.

"Juristische Wahrheit" mit Unklarheiten

Das Urteil habe eine "juristische Wahrheit" geschaffen, die aber Unklarheiten übrig lasse, meinte Jean-Denis Lejeune, der seine Tochter Julie verlor. Dutroux und Martin wurden zwar der Freiheitsberaubung mit Folter und Todesfolge an der beiden 8-jährigen Julie und Mélissa schuldig gesprochen. Aber man wisse nicht, wie die zwei Freundinnen entführt wurden: "Dutroux behält diesen Teil der Wahrheit zweifellos für sich", sagte der Vater.

Obwohl Unsicherheiten - auch zur Rolle von Nihoul - bleiben, zeigte sich Julies Mutter Louisa Lejeune in der Zeitung "Le Soir" letztlich zufrieden mit dem Urteil: "Man hat auf alle Fragen mit Ja geantwortet: Dutroux ist schuldig für alle Taten, die mit Julie und Mélissa zu tun haben - das ist eine Erleichterung." Louisa Lejeune sprach für viele Belgier und erst recht für viele Betroffene, als sie fortfuhr: "Ich bin froh, dass es zu Ende geht und dass man zu anderen Dingen übergehen kann."

Urteil zum Strafmaß nächste Woche erwartet

Das Ende des Prozesse kommt Anfang nächster Woche mit dem Urteil zum Strafmaß: Erst wird die Staatsanwaltschaft ihre Strafanträge stellen, dann folgen Plädoyers der Verteidigung, schließlich entscheiden Geschworene und Berufsrichter. Kaum jemand in Belgien zweifelt daran, dass der dreifache Mörder Dutroux bis zu seinem Tod hinter Gitter kommt. Martin und Lelièvre drohen 30 Jahre Gefängnis, Nihoul muss mit bis zu 25 Jahren Haft rechnen.

Roland Siegloff/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker