Dutroux-Prozess Hatte das Versagen der Behörden System?


Der Fall Dutroux hat Belgien in eine Vertrauenskrise gestürzt, und diese Wunde wird auch nach dem Urteil über das Strafmaß für den Mädchenmörder so schnell nicht heilen. Die jahrelange Aufarbeitung weist viele Lücken auf.

Unabhängig vom Strafmaß für den Mädchenmörder Marc Dutroux und seine Bande spekuliert die belgische Öffentlichkeit schon über einen Folgeprozess. Zwar hat das Schwurgericht von Arlon den Hauptangeklagten Dutroux, seine Ex-Frau und einen Komplizen auf der ganzen Linie schuldig gesprochen. Die Staatsanwaltschaft forderte am Montag lebenslange Haft für Dutroux. Für Dutrouxs Ex-Frau Michelle Martin beantragte der Staatsanwalt 30 bis 35 Jahre Haft. Es sei nicht glaubhaft, dass sie lediglich auf Befehl ihres Mannes gehandelt habe. "Sie hat geduldig auf ihn gewartet, als er sechs Jahre im Gefängnis saß. Sie nahm teil an seinen Verbrechen und wusste genau, was sie tat", sagte Anklagevertreter Michel Bourlet. Auch für den Komplizen Michel Lelièvre, der bei den Entführungen half, forderte der Anklagevertreter 30 Jahre Haft.

Etliche Fragezeichen bleiben noch

Aber dem juristischen Ausrufezeichen des Schuldspruchs stehen acht Jahre nach den Verbrechen weiterhin etliche von Fragezeichen gegenüber. Der Tag des Schuldspruchs war auch ein schwarzer Tag für Belgien. Denn die Wahrheit und die wirkliche Schwere und Tragweite der Verbrechen kamen in dem Mammutverfahren in Arlon nicht ans Licht. Nach den beispiellosen Ermittlungspannen, der Absetzung eines Untersuchungsrichters, der vielleicht auf eine zu heiße Spur gestoßen war, Kompetenzrangeleien bei der Polizei, nach Verdunkelung und Desinformation haben die Belgier das Vertrauen in ihre Justiz verloren. Hatte das Versagen der Behörden System? Viele Fragen ranken sich nach wie vor um die Figur des vierten Angeklagten, Michel Nihoul.

Die zwölf Geschworenen befanden den 63-Jährigen für schuldig, als Chef eine Bande von Drogen- und Menschenhändlern agiert zu haben. Vom Vorwurf, er habe an den Entführungen der sechs Mädchen mitgewirkt, wurde der vorbestrafte Betrüger mit den Stimmen der drei Berufsrichter knapp entlastet. Der Staatsanwalt verwies auf Nihouls Vorstrafenregister, die Schwere seiner Taten und den Mangel an Reue. Zudem habe der vorbestrafte Betrüger seine Rolle während der Ermittlungen sechs Jahre lang geleugnet. So spiegelt dieser teilweise Freispruch nach Ansicht mancher Beobachter lediglich eine "juristische Realität" wider.

Hinweis auf Ungereimtheiten

"Ein Urteil muss man respektieren", mahnte die Zeitung "De Morgen" nach dem Richterspruch und wies zugleich auf dessen Ungereimtheiten hin: So folgten die Fahnder zwar dem Hinweis eines Zeugen, der sich das Kennzeichen von Dutrouxs Wohnmobil merkte und so die Spur zu dem letzten Entführungsopfer wies. Doch die Aussage desselben Zeugen, er habe auch Nihoul am Tatort gesehen, ließen die Richter nicht gelten. Die Logik ihres Urteils folgte dem Argument, Nihoul habe an jenem Tag daheim sein Telefon benutzt. Aber eine Verbindung ging zum Apparat von Dutroux - der gleichzeitig am Tatort gewesen sein soll.

Nihoul fällt nach diesem Urteil als Verbindungsmann zu einem Kinderschänder-Netzwerk mehr oder weniger aus, auch wenn viele Belgier weiterhin an hochstehende Persönlichkeiten hinter der Dutroux-Affäre glauben. Der Schock war groß gewesen, als man 1996 die beiden überlebenden Opfer im Dutroux-Keller und anschließend die ausgemergelten Leichen von vier weiteren Mädchen entdeckte. Die Öffentlichkeit musste damals auch erkennen, dass Polizei und Justiz bei den Ermittlungen lange Zeit geschlampt hatten. Genau dies hatten die Eltern der Opfer immer wieder kritisiert.

Die jahrelange Aufarbeitung des Falls weist ebenfalls viele Lücken auf. Untersuchungsrichter Jacques Langlois ging von der Annahme aus, Dutroux habe als isolierter Einzeltäter gehandelt. Andere Spuren ließ er beiseite. Nur widerwillig akzeptierte Langlois die Analyse von 6000 Haaren aus dem Keller und den Autos von Dutroux, die sein abgelöster Vorgänger in Auftrag gegeben hatte. Die gentechnische Untersuchung dieser Haare dürfte 1,85 Millionen Euro kosten und frühestens 2006 fertig sein, schrieb die Zeitung "De Standaard".

Urteil eines Schwurgerichts gilt als endgültig

Der Fall Dutroux hat Belgien in eine Vertrauenskrise gestürzt und diese Wunde wird auch nach dem Urteil so schnell nicht heilen. Die Ermittlungsakte mit den Haarproben könnte Anlass bieten, die Affäre in einigen Jahren erneut aufzurollen. Vielleicht kommen dann weitere Verdächtige vor Gericht, werden bisher ignorierte Spuren näher untersucht. An Schuldspruch und Strafe für Dutroux und seine Bande wird das jedoch nichts mehr ändern. Das Urteil eines Schwurgerichts ist - von einer Wiederaufnahme des Prozesses wegen juristischer Verfahrensfehler einmal abgesehen - nach belgischem Recht endgültig.

Roland Siegloff/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker