Dutroux-Prozess Schilderung der Gräueltaten


Im belgischen Mädchenmord-Prozess gegen den Kinderschänder Marc Dutroux sind Anklage und Verteidigung am zweiten Verhandlungstag hart aufeinander geprallt.

Im belgischen Mädchenmord-Prozess gegen den Kinderschänder Marc Dutroux sind Anklage und Verteidigung am zweiten Verhandlungstag hart aufeinander geprallt. Staatsanwalt Michel Bourlet hielt Dutroux und seinen drei Mitbeschuldigten am Dienstag grausame Einzelheiten der Entführungen, Misshandlungen und Morde vor. Angehörige der getöteten Mädchen brachen während der Schilderung der Gräueltaten in Tränen aus. Dutroux-Anwalt Xavier Magnée rügte hingegen, die Ermittler hätten unvollständig gearbeitet. Er beklagte eine öffentliche Vorverurteilung seines Mandanten als "das Monster".

Misshandlungen minutiös festgehalten

Vier der sechs entführten Mädchen starben qualvoll, zwei konnten lebend aus einem kaum zwei Quadratmeter messenden Kellerverlies in Dutroux' Haus befreit werden. Die Leichen der vier Getöteten seien völlig abgemagert auf verschiedenen Grundstücken des Hauptangeklagten ausgegraben worden, erläuterte Bourlet in seiner 32 Punkte umfassenden Anklageschrift. Die damals zwölfjährige Sabine Dardenne habe alle Misshandlungen und Vergewaltigungen durch ihren Peiniger seit ihrer Entführung am 28. Mai 1996 minutiös festgehalten, bis sie am 15. August 1996 zusammen mit der später gefangenen Laetitia Delhez befreit wurde.

Anwalt kritisiert Vorverurteilung

Dutroux-Verteidiger Magnée ging auf die schrecklichen Einzelheiten der Vorwürfe nicht näher ein. Ausführlich zitierte der Anwalt in seiner Antwort eine jüngste Umfrage, wonach 66 Prozent der Belgier im Falle eines Schuldspruchs die - abgeschaffte - Todesstrafe für Dutroux wünschen würden. Magnée kritisierte, tausende Haarproben aus dem Kellerverlies seien noch nicht analysiert und umstrittene Spuren zu einer Satanisten-Sekte oder Hinweise zum Verschwinden zweier achtjähriger Mädchen nicht ausreichend geprüft worden.

Angehörige der getöteten Mädchen reagierten betroffen auf die Schilderung der grausamen Ereignisse. Die Mutter von Eefje Lambrecks brach in Tränen aus. Auch ihre Tochter war im Sommer 1996 in einem Garten von Dutroux vergraben gefunden worden. Sie war laut Autopsie wie drei andere Mädchen verhungert und verdurstet. Der Hauptangeklagte streite jede Rolle beim Tod von Eefje und ihrer Freundin An ab - "dabei ist es Marc Dutroux, der Anfang September 1996 den Ort anweist, an dem sie vergraben wurden", sagte Bourlet.

Kriminelle Bande gebildet

Die Mädchen Julie und Melissa kamen vermutlich ums Leben, während Dutroux wegen eines anderen Delikts für einige Monate inhaftiert war. Seine Ex-Ehefrau, die mitangeklagte Michelle Martin, hat es laut Anklage unterlassen, die Kinder zu versorgen, doch Mord wird in diesen Fällen nicht vorgeworfen. Neben Dutroux und Martin machen die Strafverfolger auch die mutmaßlichen Komplizen Michel Nihoul und Michel Lelièvre für das Leid der Kinder mitverantwortlich. Alle Angeklagten hätten eine kriminelle Bande gebildet, aus der heraus die schrecklichen Verbrechen begangen worden seien.

Erste Anzeichen von Nervosität

Dutroux zeigte bei Verlesung der 56 Seiten umfassenden Anklageschrift erste Anzeichen von Nervosität. Beim Prozessauftakt am Montag hatte er streckenweise eine schlafende Haltung angenommen. Am Dienstag nun zupfte Dutroux an seinem dunklen Schnurrbart und kaute an den Fingernägeln. Sein Anwalt Magnée erklärte, er sehe nicht näher ergründete Netzwerke hinter den Taten. "Sollten wir das einzige Land auf der Welt sein, in dem die Kinderschänder einzelne isolierte Perverse sind?", fragte der Verteidiger am Ende seines Vortrags.

Anwalt Paul Quirynen, der im Prozess die Eltern der getöteten An Marchal vertritt, appellierte an Dutroux, die Wahrheit zu sagen. Die Angeklagten erhalten am Mittwoch das Wort, um auf die Anklage zu antworten. Dutroux ist wegen früherer Taten bereits als Entführer und Vergewaltiger verurteilt.

DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker