Dutroux-Prozess Überlebende sagen aus


Wenig Erkenntnisse gab es bisher im Prozess gegen den mutmaßlichen Mädchenmörder Marc Dutroux. Nun sollen endlich die zwei Überlebenden des Grauens zu Wort kommen.

Sie haben gelogen, schmutzige Wäsche gewaschen und falsche Fährten gelegt: Seit sechs Wochen schon sagt im Prozess gegen den mutmaßlichen Mädchenmörder Marc Dutroux eine schier endlose Reihe von Zeugen aus, und die vier Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig mit widersprüchlichen Angaben. Sichere Erkenntnisse haben die Geschworenen im Gericht von Arlon bisher wenig gewonnen, aber das könnte sich Anfang kommender Woche schlagartig ändern: Dann sagen mit Sabine Dardenne und Laetitia Delhez erstmals zwei Überlebende des Grauens im Dutroux-Keller aus.

Offizielle Untersuchung weist Lücken auf

Weil wesentliche Teile der Anklage auf Aussagen der Beschuldigten beruhen, steht das Gericht in vielen Einzelfragen vor einem äußerst komplizierten Puzzle. Eines immerhin musste den Laienrichtern auf der Geschworenenbank dabei deutlich werden: Die offizielle Untersuchung weist Lücken auf. So wurden etwa bei Dutroux gefundene Videobänder erst spät begutachtet, und einige Aufnahmen verschwanden auch. Die Fahndungspannen von Polizei und Justiz kamen in Arlon so häufig zur Sprache, dass Opferanwälte bereits zur Konzentration auf die Vorwürfe gegen die vier Angeklagten mahnten.

Die Beschuldigten schieben sich unterdessen gegenseitig die Verantwortung für die Entführung von sechs Mädchen zu, von denen vier in Gefangenschaft qualvoll starben. Auch die Ermordung seines Komplizen Bernard Weinstein versuchte Dutroux in dieser Woche seiner Ex-Frau Michelle Martin und einem Bekannten in die Schuhe zu schieben. Dabei hatte er früher schon selbst gestanden, Weinstein betäubt und bei lebendigem Leibe begraben zu haben.

Von seinem Erbe kaufte Dutroux einen Bagger, mit dem er die Leichen vergrub

Die Zeitung "Le Soir" hob in diesem Zusammenhang ein pikantes Detail hervor, das in den Wortgefechten vor Gericht fast untergegangen wäre: Das mütterliche Erbe, das der Ermordete kurz vor seinem Verschwinden vom Sparbuch abhob, entsprach fast exakt der Summe, die Dutroux kurz darauf für den Kauf eines Wohnmobils und eines Baggers ausgab. Mit dem Wohnmobil entführten Dutroux und der Mitangeklagte Michel Lelièvre weitere Mädchen. Mit dem Bagger wurden Weinsteins Leiche und die sterblichen Überreste von zwei verdursteten Achtjährigen auf einem Dutroux-Grundstück vergraben.

Mit Spannung werden angesichts der zahlreichen Widersprüche nun die Aussagen der beiden überlebenden Opfer erwartet. Die Kernfrage - handelte Dutroux aus eigenem Antrieb oder im Auftrag eines Pädophilen-Netzwerks - könnte allerdings ungelöst bleiben: Sabine Dardenne hat nach ihrer Befreiung aus 80 Tagen Kellerhaft bereits erklärt, sie habe in dem Verlies nur Dutroux gesehen. Ihre Mitgefangene Laetitia Delhez will nach ihrer Gefangennahme jedoch ein Telefongespräch belauscht haben, in dem Dutroux einen vieldeutigen Satz sagte: "Jean-Michel, es hat geklappt."

Roland Siegloff, DPA DPA

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