Dutroux-Prozess Welche Rolle spielten Dutroux' Komplizen?


An der Schuld von Marc Dutroux zweifelt niemand mehr. Daher rücken jetzt die vermeintlichen Komplizen in den Vordergrund der Plädoyers der Opfer-Anwälte. Gibt es Verbindungen zu einem Kinderschänder-Netzwerk?

Die ersten Plädoyers im Mädchenmordprozess gegen den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux haben zwei vermeintliche Nebenfiguren in den Mittelpunkt gerückt: seine frühere Frau und einen Bekannten. Die Anwälte der Opfer und ihrer Familien rollten zwar auch die Taten des Hauptangeklagten Dutroux ausführlich auf, doch kaum jemand zweifelt noch an der Schuld des 47-Jährigen. So konzentrieren sich Öffentlichkeit und Laienrichter zunehmend auf die Frage, welche Rolle Dutrouxs mitangeklagte Ex-Frau Michelle Martin und der mehrfach vorbestrafte Betrüger Michel Nihoul bei den Kindesentführungen gespielt haben.

Nihoul gilt als möglicher Verbindungsmann zu einem Netzwerk von Pädophilen, für das Dutroux nach Überzeugung mancher gearbeitet haben soll. Zeugen sagten dem Schwurgericht in Arlon, sie hätten den früheren Nachtclub-Betreiber kurz vor der Entführung des letzten Dutroux-Opfers am Tatort gesehen. "Gegen Michel Nihoul gibt es keinen harten Beweis, dass er an der Entführung von Laetitia Delhez beteiligt war", bemerkte die Zeitung "De Standaard". Aber Delhezs Anwälte zählten am Dienstag und Mittwoch eine lange Reihe von Indizien auf, die auf die Beteiligung Nihouls deuten.

Nach der Tat 1000 Pillen Ecstasy überreicht

33 Mal telefonierten Dutroux und Nihoul rund um den Tag der Entführung miteinander. Delhezs Anwälte bezweifeln, dass es dabei - wie von Nihoul behauptet - um die Reparatur seines Autos ging. Aus welchem Grund hätte Dutroux die Gespräche dann außer Hörweite seiner Frau geführt, wie diese in ihren ersten Aussagen erklärte? Warum sei der Wagen letztlich nie in Stand gesetzt worden? Und weshalb habe Nihoul dem drogensüchtigen Mitangeklagten Michel Lelièvre am Tag nach der Tat 1000 Pillen Ecstasy überreicht? "Das war die Bezahlung für die Entführung von Laetitia", glaubt Anwalt Georges-Henri Beauthier.

Für einen Schuldspruch - das Urteil wird Mitte Juni erwartet - reicht die innere Überzeugung der zwölf Geschworenen. Und die Mitglieder der Volksjury machten sich eifrig Notizen zu den Ausführungen der Delhez-Anwälte, wie ein Reporter der Zeitung "De Morgen" bemerkte. Eifriger jedenfalls als während der Plädoyers anderer Nebenklagevertreter, die Nihoul für unschuldig halten. Auch Dutrouxs Anwalt Xavier Magnée hält Nihouls Beteiligung nicht für erwiesen: "Aber Lügen, falsche Alibis... damit hat noch nie jemand etwas gewonnen bei einer Jury", sagte Magnée zu Journalisten.

Ängstliches Werkzeug oder aktive Täterin?

Bleibt die Frage nach der Schuld Michelle Martins, die sich stets als ängstliches Werkzeug ihres gewalttätigen Ex-Mannes Dutroux dargestellt hat. Die Anwälte der Opfer und Familien zeichneten in dieser Woche ein anderes Bild der 44-Jährigen. Schon in den 80er Jahren habe Martin ihrem Mann bei der Entführung und Vergewaltigung junger Mädchen aktiv geholfen - wofür beide anschließend ins Gefängnis kamen. Als Dutroux Mitte der 90er Jahre wieder Mädchen entführte und einsperrte, habe sie nichts dagegen unternommen - auch nicht, als ihr Mann im Winter 1995/96 in Haft saß und zwei Achtjährige in seinem Keller verdursteten.

Vier der sechs entführten Mädchen kamen qualvoll um. Ein Anwalt, der die Eltern der ermordeten 17-jährigen An Marchal vertritt, sagte Martin in dieser 13. Prozesswoche mitten ins Gesicht: "Das diabolische Ritual ihres Ehemanns hat ihnen Vergnügen bereitet!" Die Angeklagten folgten den Plädoyers der Opferanwälte schweigend. Dutroux schaute nicht einmal auf, als ein Anwalt ihn mehrfach mit Namen ansprach: Er starrte ausdruckslos auf ein Blatt Papier.

Roland Siegloff, DPA DPA

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