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Ein falscher Arzt in München: Ein Hochstapler im weißen Kittel

Es war ein hollywoodreifer Betrug: In München hat ein Mann monatelang als Arzt in einer Klinik gearbeitet, der nur eine gefälschte Zulassung vorgelegt hatte. Mit geschickten Tricks narrte er das Krankenhaus und das Rote Kreuz.

Von Malte Arnsperger, München

Filmreif: Ein Mann bewirbt sich mit falschen Zeugnissen und arbeitet unbemerkt als Arzt

Filmreif: Ein Mann bewirbt sich mit falschen Zeugnissen und arbeitet unbemerkt als Arzt

Die Geschichte hat durchaus ihren dramatischen Reiz: Ein junger Mann ohne Uni-Abschluss gibt sich mit gefälschten Zeugnissen als Arzt aus und arbeitet unbemerkt in einem Krankenhaus. Hollywood hat die Geschichte des Betrügers im weißen Kittel vor einigen Jahren auf die Leinwand gebracht. Leonardo di Caprio spielte in "Catch me if you can" die Rolle des sympathischen Schwindlers Frank Abagnale, der sein medizinisches Wissen aus TV-Arztserien hatte. Ähnlich dreist ist in den vergangenen Monaten Sascha St. vorgegangen. Der 26-jährige Stuttgarter hat sich als Narkosearzt ausgegeben, arbeitete sogar als Notarzt und war für das Deutsche Rote Kreuz bei Notfalleinsätzen unterwegs - und das wohl ohne die erforderliche medizinische Ausbildung. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft ihm deshalb Betrug und Urkundenfälschung vor. Sascha St. sitzt nun in Haft - und die Mediziner schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Sommer 2009. Ein gewisser Sascha Schenk meldet sich bei einem Ärztevermittlungsbüro - einer Art Zeitarbeitsfirma für Mediziner - in Bielefeld. Er will als Arzt arbeiten. Als Beweis seiner Qualifikation schickt er der Agentur eine Kopie seiner Approbationsurkunde mitsamt offiziellem Siegel aus Stuttgart mit. Eine Fälschung, wie die Ermittler heute glauben. Ungefähr zur selben Zeit sucht die Paracelsus-Klinik in München einen Assistenzarzt für ihre Narkoseabteilung - wegen Urlaub und Krankheit ist das Personal knapp. Die Vermittlungsfirma empfiehlt Sascha Schenk. Wieder schickt dieser seine angebliche Approbationsurkunde. Nach dem Vorstellungsgespräch mit Chefarzt und Verwaltungsdirektor kann der vermeintliche Doktor anfangen. Bis Ende Dezember legt Sascha Schenk Patienten Narkosespritzen. In seiner freien Zeit besucht er seine Freundin in Aspach bei Stuttgart und hilft dem dortigen DRK-Ortsverband kostenlos bei den Einsätzen.

Einsätze für das Rote Kreuz

Ende Dezember meldet sich der Neue in München plötzlich krank. Er habe einen Reitunfall gehabt, gibt er an. Bei der Paracelsus-Klinik hört man danach auf einmal nichts mehr von dem hoffnungsvollen Nachwuchsmediziner, dem man eigentlich sogar eine Festanstellung anbieten wollte. Doch den Schwindler zieht es zurück in seine schwäbische Heimat. Beim Krankenhaus in Horb bewirbt er sich als Notarzt. Wieder mit der falschen Approbation, diesmal sogar mit einer notariellen Beglaubigung - auch die ist vermutlich gefälscht. Anfang des Jahres arbeitet der "Doktor" einige Zeit als Notarzt für die Horber Klinik. Er ist ehrgeizig. Der Rettungsleitstelle des Rems-Murr-Kreises, die für den DRK-Ortsverband in Aspach zuständig ist, schickt er sogar einen dreiseitigen Beschwerdebrief und kritisiert die Notfalleinsätze. Der Brief ist allerdings gespickt mit Rechtschreibfehlern.

Als bei der Leitstelle fast gleichzeitig ein Brief von Schenk eingeht, in dem er sich als Notarzt beim Klinikum in Backnang bewirbt, wird deren ärztlicher Leiter Rolf Kansy misstrauisch. "Es kam uns komisch vor, da haben wir seine Unterlagen mal geprüft." Kansy ruft beim Regierungspräsidium Stuttgart an. Die Auskunft: einem "Sascha Schenk" wurde nie die Approbation erteilt. Die Polizei nimmt ihn fest. Und aus dem Arzt Sascha Schenk wird der Häftling Sascha St. Der junge Mann hat mittlerweile ein Geständnis abgelegt. Da er bereits wegen Betrügereien, Diebstählen und der Verbreitung von pornografischer Schriften vorbestraft ist, droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe.

In den Einrichtungen, in denen Sascha St. in den vergangenen Monaten gearbeitet hat, beginnt nun die Aufarbeitung des peinlichen Vorfalls. Wer ist verantwortlich für diese Gutgläubigkeit? Die Ärztevermittlungsagentur in Bielefeld verspricht auf ihrer Homepage: "Die Prüfung der Arztqualifikation sowie Vertragsabwicklung und Abrechnung erfolgt über uns. Was Sie von uns erwarten dürfen: geprüfte Arztqualifikationen." Davon will die Inhaberin Sandra S. nun allerdings nichts mehr wissen: "Mich kann man nicht dafür verantwortlich machen", sagte sie stern.de. "Ich habe nur eine Kopie der Approbation bekommen. Die Klinik als Arbeitnehmer muss die Urkunden prüfen." Die bayerische Ärztekammer meint, dass die Verantwortung für die Qualifikationsprüfung des Bewerbers grundsätzlich beim Arbeitgeber liegt - in diesem Fall also beim Krankenhaus. Es solle die Originalurkunden auf Echtheit prüfen und im Zweifelsfall bei der Landesärztekammer nachfragen.

Kopfschütteln beim Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP). "Das ist ja fast schon kriminell", sagt Präsident Wolfram-Arnim Candidus. "Die Vermittlungsfirma wollte wohl ihre Vergütung bekommen und hat das ziemlich locker gehandhabt. Aber auch die Klinik muss einen Arzt viel besser prüfen und immer bei der Ärztekammer nachfragen. Denn sonst gefährdet man die Patienten."

Sie hätten "die notwendigen Sorgfaltspflichten" eingehalten, versichert allerdings auch Silvia Kerst, Sprecherin der Paracelsus-Klinik in München. "Die Approbationsurkunde des Mannes lag uns im Original vor, da haben wir keinen Verdacht geschöpft. Die Fälschung muss wirklich gut gewesen sein", sagt Kerst.

"Er hatte ja medizinische Grundkenntnisse"

Auch nach der Urkundenfälschung sei niemanden etwas Negatives an dem neuen Kollegen aufgefallen. Beschwerden von Patienten habe es nicht gegeben. "Er hatte ja medizinische Grundkenntnisse. Und wenn man die hat und weiß, wie das eine oder andere Gerät zu bedienen ist, erscheint mir das plausibel." Die Sprecherin beeilt sich hinzuzufügen: "Er hat als Assistenzarzt immer nur unter Aufsicht von erfahrenen Kollegen in der Anästhesie gearbeitet." Schwer enttäuscht sind die Kollegen von Sascha St. beim DRK in Aspach. Schließlich war der angebliche Arzt nicht nur ein engagierter Ehrenamtlicher bei Rettungseinsätzen. Er hat auch bei Altpapiersammlungen und bei Blutspendeterminen kräftig mitgeholfen. "Wir waren froh über ihn", sagt der Vorsitzende des Ortsverbandes. "Er war kein Aufschneider, war ein ganz normaler Mensch." Fast wäre Sascha St. sogar Mitglied beim DRK in Aspach geworden. Seine angebliche Approbation habe er schon vorgelegt, sagt der Vorsitzende des Ortsverbandes. Man habe noch auf ein Dokument gewartet, dass man bei Neuaufnahmen grundsätzlich anfordere: das polizeiliche Führungszeugnis.