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Ein Opfer der Justiz?: Fall des Nürnbergers Mollath wird erneut geprüft

Lange Jahre war Gustl Mollath einer von vielen in Deutschland, die wegen vermuteter Gemeingefährlichkeit in der Psychiatrie sitzen. Doch nun wird der gerade erst geprüfte Fall noch einmal untersucht.

Seit 2006 sitzt der Nürnberger Gustl Mollath in der Psychiatrie - und seitdem kämpft er für seine Freilassung. Die bayerische Justiz hält Mollath für gefährlich, Mollath sich selbst für ein Justizopfer. Eine Gefahr ist Mollath inzwischen ohne Zweifel für das Ansehen der bayerischen Justiz geworden. Denn Mollaths Unterstützer haben den Verdacht aufgeworfen, ein Mensch sei willkürlich weggesperrt worden. Deswegen wird der gerade erst überprüfte Fall nun noch einmal überprüft. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) beugt sich dem öffentlichen Druck, weil sie Schaden von der Justiz abwenden will.

Sowohl Mollaths Zwangsunterbringung als auch Merks heutige Schwierigkeiten sind Folge eines Rosenkriegs der furchtbarsten Art. Die Vorgeschichte: Vor gut zehn Jahren zerstreitet sich Mollath mit seiner Frau, damals Mitarbeiterin der HypoVereinsbank in Nürnberg. 2002 erstattet sie Anzeige gegen ihn wegen Körperverletzung - er soll sie geschlagen und gebissen haben. Mollath hingegen wirft seiner Frau vor, sie sei in Schwarzgeldgeschäfte in der Schweiz verwickelt.

Er war nach eigenem Bekunden bei mehreren Fahrten dabei, als seine Frau als Kurierin Gelder deutscher Kunden in die Schweiz transportierte. Im Sommer 2003 erhebt die Nürnberger Staatsanwaltschaft Anklage wegen Körperverletzung gegen Mollath. Gleichzeitig läuft die Scheidung. Über ihren Anwalt unterstellt seine Frau ihm eine "ernsthafte psychiatrische Erkrankung".

Mollath dankte dem Papst und schrieb Briefe an Kofi Annan

Im Dezember 2003 folgt Mollaths Anzeige wegen Schwarzgeldgeschäften gegen seine Frau, mehrere andere Mitarbeiter der HypoVereinsbank und 24 Kunden. Aus damaliger Sicht der Ermittler war das wohl die Retourkutsche im Rosenkrieg der Mollaths. Das heute offen kursierende Papier ist wirr geschrieben, und die Nürnberger Staatsanwaltschaft leitet damals keine Ermittlungen ein. Mollath legt damals außerdem ein 106-seitiges Schreiben vor, in dem er unter anderem dem Papst dankt, Briefe an UN-Generalsekretär #Link;http://www.stern.de/politik/ausland/kofi-annan-90324694t.html;Kofi Annan#, viele hundert Bundestagsabgeordnete und Altbundespräsident Theodor Heuss erwähnt.

2006 ordnet das Landgericht die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung an. Denn Mollath soll auch Reifen zerstochen haben, womit er eine Gefahr für die Allgemeinheit wäre. Mollath hatte vorher jede Zusammenarbeit mit dem Gutachter abgelehnt, der seinen Geisteszustand untersuchen sollte. Der bescheinigt ihm ein "paranoides Gedankensystem", zu dem auch die Schwarzgeldverschiebungen gehören.

Genau das ist heute das Problem der Justiz: Inzwischen ist ein interner Revisionsbericht der Bank öffentlich geworden, der zumindest einige Vorwürfe Mollaths bestätigt. Wenn Mollaths Vorwürfe damals in Teilen zutrafen, kann man sie nicht als Beleg für Verfolgungswahn werten. Damit steht der Verdacht im Raum, Mollath sei willkürlich weggesperrt worden. Die Leserbriefspalten mehrerer bayerischer Zeitungen füllten sich in den vergangenen Tagen mit empörten Zuschriften. Die Grünen fordern die Entlassung von Ministerin Merk. Sogar Ministerpräsident #Link;http://www.stern.de/politik/deutschland/horst-seehofer-90250279t.html;Horst Seehofer# hat sich inzwischen über den Fall informiert.

Psychisch krank trotz teils wahrer Aussagen

Merk hatte bislang eine neuerliche Überprüfung abgelehnt: "Doch nachdem der Fall derartige Wellen in der Öffentlichkeit erzeugt hat, sagt die Justiz offensiv, dass wir den Fall noch einmal überprüfen wollen." Doch das bedeutet nach Merks Einschätzung nicht, dass Mollath deswegen harmlos ist: "Schon 2011 hat bei der Begutachtung die Frage eine Rolle gespielt, ob Herrn Mollaths damalige Schwarzgeld-Vorwürfe möglicherweise richtig waren", sagt sie.

Der Gutachter sei gefragt worden, "ob weiter von einer wahnhaften Erkrankung auszugehen ist, auch wenn die damalige Anzeige begründet gewesen sein sollte. Das hat der Gutachter bejaht." Das heißt: Mollaths Anzeige war 2003 möglicherweise nicht das Produkt wahnhafter Fantasie - aber psychisch krank ist er möglicherweise dennoch.

Von Carsten Hoefer, DPA / DPA