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Eishallen-Einsturz in Bad Reichenhall: BGH hebt Freispruch für Statiker auf

Vier Jahre nach dem Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall hat der Bundesgerichtshof den Freispruch eines Statikers aufgehoben. Als Gutachter für das Stadtbauamt hätte er auf die Risse, undichten Fugen und durchnässten Dachbalken hinweisen müssen, erklärten die Bundesrichter am Dienstag in Karlsruhe.

Vier Jahre nach dem Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall hat der Bundesgerichtshof den Freispruch eines Statikers aufgehoben. Als Gutachter für das Stadtbauamt hätte er auf die Risse, undichten Fugen und durchnässten Dachbalken hinweisen müssen, erklärten die Bundesrichter am Dienstag in Karlsruhe. Statt dessen hatte er dem Hallendach im Jahr 2003 einen guten Zustand bescheinigt, ohne es näher zu untersuchen.

Beim Einsturz des tonnenschweren Hallendachs am 2. Januar 2006 waren zwölf Kinder und drei Mütter getötet und viele andere Menschen verletzt worden. Der Prozess gegen den Gutachter Rüdiger S. muss jetzt vor einer anderen Kammer des Landgerichts Traunstein neu aufgerollt werden. Damit hatte die Revision von Staatsanwaltschaft und Nebenkläger Erfolg.

Ursache der Katastrophe war eine ganzen Kette von Konstruktions- und Rechenfehlern, Pfusch der Zimmerleute und versäumter Kontrollen. Das Landgericht Traunstein hatte den Gutachter und einen Architekten im November 2008 aber freigesprochen und nur einen leitenden Bauingenieur wegen fahrlässiger Tötung zu 18 Monaten Bewährungsstrafe verurteilt. Der Freispruch des Architekten ist bereits rechtskräftig, über die Revision des Bauleiters will der BGH später entscheiden.

Der Statikexperte hätte für die Stadt Bad Reichenhall nur die Sanierungskosten für die Eishalle ermitteln sollen. "Obwohl vom Auftrag nicht umfasst, kam der Angeklagte aufgrund unzulänglicher Untersuchung zu dem falschen Ergebnis, die Tragekonstruktion des Hallendachs sei in einem guten Zustand", erklärte der BGH. Die Staatsanwaltschaft hatte vor dem Landgericht Traunstein ein Jahr Haft auf Bewährung und 30.000 Euro Geldbuße für den Gutachter gefordert. Das Gericht hatte ihn jedoch freigesprochen.

Die Bundesrichter widersprachen am Dienstag der Annahme des Landgerichts, die Stadt Reichenhall wäre auch bei den "gebotenen Warnhinweisen" des Gutachters auf die mangelnde Tragfähigkeit des Hallendachs untätig geblieben. Die Risse und die Nässe wären "ein Alarmsignal für die mangelnde Tragfähigkeit des Hallendachs gewesen", erklärten die Bundesrichter.

Im neuen Prozess müsse auch die Verantwortung der Stadt unter die Lupe genommen werden. Es sei zu prüfen, "ob sich den Verantwortlichen der Stadt die mangelnde Zuverlässigkeit der Erklärung des Angeklagten hätte aufdrängen müssen. Das liegt angesichts des in Auftrag gegebenen geringen Umfangs der Begutachtung nicht ganz fern", mahnte der BGH.

Die Traunsteiner Richter hatten der Stadt jahrelange Untätigkeit vorgeworfen und den Freispruch des Gutachters mit erheblichen Zweifeln begründet, dass die Stadt auf Warnungen überhaupt reagiert hätte. Der Freispruch hatte die Familien vieler Opfer empört.

Die Dachträger der Eissporthalle waren vorschriftswidrig konstruiert, falsch berechnet und zudem mit einem ungeeigneten, wasserlöslichen Leim verbunden worden. Nach Schneefällen waren die 40 Meter breiten Tragbalken am 2. Januar 2006 fünf Minuten vor Betriebsschluss eingestürzt.

AP / AP