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Eislingen-Prozess: "Für mich war er der netteste Mensch"

Sie lernte ihn in Italien kennen, chattete über Monate hinweg mit ihm im Internet - und verliebte sich sogar in ihn: Am Montag hat die 18-jährige Carolyn A. vor Gericht ihre Beziehung zu Frederik Begenat beschrieben - einen der mutmaßlichen Vierfachmörder von Eislingen.

Von Malte Arnsperger

Bei ihrem bislang letzten Treffen saßen die beiden Teenager im Sommer 2008 abends an einem Strand in Italien, haben ihren Urlaub genossen, über Gott und die Welt palavert und die Frage erörtert: "Wieso existieren wir eigentlich?" Am nächsten Morgen musste Carolyn A. abreisen, zurück in ihre luxemburgische Heimat. Ihre Ferienbekanntschaft Frederik Begenat aus dem schwäbischen Eislingen hat sie erst heute, eineinhalb Jahre später, wieder getroffen. In einem Ulmer Gerichtssaal. Während Carolyn als Zeugin aussagte, saß Frederik nur zwei Meter von ihr entfernt - in Fußfesseln auf der Anklagebank.

Am zehnten Verhandlungstag um den mysteriösen Vierfachmord von Eislingen vernahm das Ulmer Landgericht die 18-Jährige zu ihrer Beziehung zu dem Angeklagten Frederik Begenat. Der 19-Jährige hat gestanden, Ostern 2009 zusammen mit seinem besten Freund Andreas Häussler dessen Eltern und zwei Schwestern erschossen zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Mord aus Habgier vor. Dagegen sind für die Verteidiger innerfamiliäre Spannungen bei den Häusslers und die verhängnisvolle Beziehung der beiden Angeklagten ausschlaggebend für die Bluttat gewesen.

"Wir haben uns mal in den Arm genommen"

Frederik Begenat soll demnach aus falsch verstandener Solidarität seinem Freund Andreas gegenüber bei den Morden mitgemacht haben. Andreas, das ergaben die bisherigen Prozesstage, war das große Vorbild, der wichtigste Bezugspunkt, des scheuen und zurückhaltenden Frederik. Von Mitschülern zuletzt regelrecht gemobbt, hatte Frederik sonst keine Freunde. Über engere Kontakte, gar Liebeleien des Gymnasiasten mit Mädchen - davon berichtete bisher kein Zeuge.

Anders Carolyn A. Das zierliche Mädchen schilderte vor Gericht eine intensive Freundschaft mit Frederik. Den hätte sie an einem Abend in ihrem italienischen Urlaubsort kennengelernt. Die Initiative sei von ihr ausgegangen, berichtete die Luxemburgerin dem Gericht. Sie habe Frederik angesprochen, "denn der saß da so alleine rum". In den folgenden vier Tagen gingen die beiden gemeinsam auf Partys und unterhielten sich. Frederik sei ein netter, aufmerksamer zuvorkommender Gesprächspartner gewesen. "So etwas findet man ja heutzutage nicht mehr so oft", lobte die 18-Jährige. Doch es blieb bei einer platonischen Freundschaft. Zärtlichkeiten habe es nicht gegeben. "Wir haben uns mal in den Arm genommen."

Nach den gemeinsamen Tagen in Italien bestand die Freundschaft nur noch virtuell. Über Monate hinweg, beinahe täglich, tauschten sich die Jugendlichen im Internet-Chat aus. Doch obwohl sie sich nur durch ein verschwommenes Bild via Web-Kamera sahen, kamen sich die beiden in dieser Zeit scheinbar näher. "Ja", bestätigte Carolyn, sie habe sich irgendwann sogar in Frederik verliebt. "Für mich war das der netteste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Und ich hätte nie damit gerechnet, was dann passiert ist." Sätze, auf die im Gerichtssaal Schweigen folgte. Frederik ließ keine Gefühlsregung erkennen. Wie schon in den vorangegangenen Verhandlungstagen starrte er stur auf seinen Tisch.

Frederik war die Freundschaft wichtig

Dennoch scheint Frederiks Freundschaft mit Carolyn A. in den Monaten vor dem Vierfachmord eine wichtige Rolle für ihn gespielt zu haben. Dem psychiatrischen Gutachter hat der 19-Jährige wohl gesagt, Andreas und Carolyn hätten ihm von allen Menschen am meisten bedeutet. Frederik hatte dem Mädchen via Chat auch von Problemen mit seinen Eltern berichtet, von denen er sich benachteiligt gefühlt habe. Sogar ein Treffen mit Carolyn war für Ostern geplant. Das Mädchen sagte dies jedoch ab und signalisierte ihm, dass sie etwas Distanz brauche. Daraufhin habe Frederik ziemlich wütend reagiert, berichtete Carolyn. "Du kannst doch nicht den Kontakt einfach abbrechen", habe er geschrieben.

Das Gericht fragte Carolyn, ob sie in den Monaten vor dem Mord Stimmungsschwankungen bei Frederik mitbekommen habe. Sie verneinte: "Vor dem PC bekommt man die Gefühle einer Person doch nicht wirklich mit." So konnte Carolyn auch nicht einschätzen, was Frederik damit meinte, als er ihr im Januar schrieb: "Dass kannst du nicht wollen, dass ich dir zeige, wir hart ich bin und zu was ich fähig bin." Nein, sagte die Zeugin, darüber habe sie sich keine großen Gedanken gemacht. Für sie seien das harmlose Diskussionen gewesen. Auch als Frederik ihr per Chat mitteilte: "Ich bin kein Pazifist. Ich glaube nicht an eine gerechte Welt", habe sie sich nicht viel dabei gedacht. "Doch jetzt im Nachhinein", gab Carolyn A. zu, "läuft es mir eiskalt den Rücken runter, wenn ich daran denke."