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Flüchtiger Drogenbaron: Suche nach "El Chapo" wird zur Phantomjagd

Vor zwei Monaten türmte der mächtige Drogenhändler "El Chapo" aus dem Gefängnis. Seitdem wird nach Joaquín Guzmán gesucht. Hat er sich ins Ausland abgesetzt oder lebt er etwa unbehelligt in seinem Heimatdorf?

Mit diesen Bildern fahnden US-Behörden nach dem Drogenhändler "El Chapo"

Mit diesen Bildern fahnden US-Behörden nach dem Drogenhändler "El Chapo" 

"El Chapo" ist überall und nirgends. In einem Reisebus auf dem Weg nach Chiapas im Süden von Mexiko soll er gesehen worden sein, sein Privatflugzeug wurde schon in Honduras vermutet und angeblich hat sein Sohn ein Foto von ihm im Internet veröffentlicht. Doch eine heiße Spur scheinen die Ermittler zwei Monate nach dem spektakulären Gefängnisausbruch des Drogenbosses nicht zu haben.

"Die einzige Möglichkeit, diese Schande wieder gut zu machen, ist seine Festnahme", sagte Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto nach der Flucht. Tausende Soldaten und Polizisten fahnden seitdem zu Land, zu Wasser und in der Luft nach Joaquín "El Chapo" Guzmán.

Die USA und Mexiko haben zusammen ein Kopfgeld von umgerechnet acht Millionen Euro auf ihn ausgesetzt. Doch der Chef des mächtigen Sinaloa-Kartells scheint wie vom Erdboden verschluckt. 

Tweet gibt Rätsel auf

Guzmán türmte am 11. Juli durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano im Bundesstaat México im Zentrum des Landes. Für den Bau des professionell angelegten unterirdischen Gangs muss der Chef des Sinaloa-Kartells Unterstützung innerhalb und außerhalb der Haftanstalt gehabt haben. Mittlerweile wurden vier Gefängnismitarbeiter angeklagt.

Der jüngste Hinweis auf den möglichen Aufenthaltsort von "El Chapo" stammt aus Costa Rica. Auf einem angeblich von Guzmáns Sohn Alfredo betriebenen Twitter-Account wurde am 31. August ein Foto veröffentlicht, auf dem neben dem jungen Mann jemand zu sehen ist, bei dem es sich um den flüchtigen Drogenboss handeln könnte. "Ihr wisst schon, mit wem ich hier bin", hieß es neben dem Bild.

Die Generalstaatsanwaltschaft teilte mit, sie prüfe die Authentizität des Tweets. Die Person, von der lediglich der untere Teil des Gesichts zu sehen ist, erinnert tatsächlich an "El Chapo". Allerdings ist es wohl unwahrscheinlich, dass der meistgesuchte Drogenhändler der Welt sein Versteck über die sozialen Netzwerke preisgibt. 

Privatarmee im Grenzgebiet

Sicherheitsexperten halten andere Szenarien für realistischer. Guzmán könnte sich im Grenzgebiet zwischen den Bundesstaaten Sinaloa und Durango im Nordwesten Mexikos versteckt halten. Dort verfügt Guzmán über eine Art Privatarmee, ein gut ausgebautes Netzwerk aus Informanten und den Rückhalt der Bevölkerung. "Die Leute hier lieben "El Chapo" und sie werden alles tun, um ihn zu beschützen", sagt der örtliche Journalist Miguel Ángel Vega.

Während die Behörden in "El Chapo" einen brutalen Drogenhändler sehen, der für den Tod Tausender verantwortlich ist, gilt er in seiner Heimatregion als Wohltäter, der für Sicherheit und Arbeit sorgt. In Sinaloas Hauptstadt Culiacán wurden nach Guzmáns Flucht T-Shirts und Kappen mit seinem Konterfei verkauft.

"Es gibt keinen sichereren Platz für ihn als in Mexiko. Dort hat er seine Infrastruktur, seine Kontakte", sagt der Co-Direktor der auf Sicherheitsthemen spezialisierten Plattform "Insight Crime", Steve Dudley. Nicht unwahrscheinlich ist zudem eine Flucht nach Guatemala, Honduras oder El Salvador. "Das Sinaloa-Kartell hat enge Verbindungen zu den wichtigsten Drogenbanden der Region aufgebaut", schreiben die Analysten von "Insight Crime". 

13 Jahre Fluchterfahrung

Der Mendoza-Clan aus der Provinz Petén im Nordosten von Guatemala und die Huistas aus Huehuetenango im Westen beliefern das Sinaloa-Kartell schon seit über zehn Jahren mit Drogen. Gut möglich, dass sie ihrem Geschäftspartner jetzt Schutz bieten.

Auf der honduranischen Insel Roatán beschlagnahmten die Behörden Anfang August einen Learjet mit mexikanischer Registrierung. Die beiden Piloten hatten das Flugzeug auf dem Airport zurückgelassen. Ermittler untersuchen, ob sich Guzmán an Bord der Maschine befand.

In El Salvador dürfte "El Chapo" ebenfalls über ausgezeichnete Kontakte in die Unterwelt verfügen. Das Sinaloa-Kartell macht seit Jahren gute Geschäfte mit den beiden wichtigsten kriminellen Organisationen des Landes, den Perrones und dem Texis-Kartell. In Kolumbien könnte Guzmán wohl auf die Unterstützung der paramilitärischen Urabeños zählen.

Wo auch immer er sich versteckt hält, die Sicherheitsbehörden sollten sich auf eine lange Suche einstellen. "El Chapo" verfügt über eine gewisse Erfahrung im Untertauchen: 2001 brach er schon einmal aus einem Hochsicherheitsgefängnis aus - und war dann 13 Jahre flüchtig.

Denis Düttmann / DPA