HOME

Drogenbaron in Mexiko: Verhaftet: Der Gefängnis-Chef, der "El Chapo" zur Flucht verhalf

Mit Dámaso López Núñez wurde in Mexiko einer der schillerndsten Drogenbarone verhaftet. Der ehemalige Leiter der Justizpolizei und Vize-Sicherheitschef eines Gefängnisses verhalf einst "El Chapo" zur spektakulären Flucht durch einen Tunnel - und gilt heute als wichtigster Konkurrent von dessen Söhnen.

Schwerbewaffnete Soldaten und Polizisten stürmten die Wohnung von López Núñez und nahmen den Verbrecherboss fest

Schwerbewaffnete Soldaten und Polizisten stürmten die Wohnung von López Núñez und nahmen den Verbrecherboss fest

Im Herzen der mexikanischen Hauptstadt hat sich Dámaso López Núñez sicher gefühlt. Der mächtige Drogenbaron residierte standesgemäß in einer eleganten Wohnanlage mit Spa, Fitness-Center und Swimmingpool im bürgerlichen Viertel Nueva Anzures. Noch vor einigen Tagen schlenderte der mögliche Nachfolger von Joaquín "El Chapo" Guzmán als Chef des Sinaloa-Kartells zum nahe gelegenen Revolutionsdenkmal und ließ sich Meeresfrüchte in einem Restaurant schmecken.

Am Dienstag im Morgengrauen bereiten die Sicherheitskräfte dem Treiben ein Ende. Schwerbewaffnete Soldaten und Polizisten stürmen die Wohnung von López Núñez und nehmen den Verbrecherboss fest. Die Behörden feiern den Zugriff als Erfolg. Sogar Präsident Enrique Peña Nieto gratuliert. 

Allerdings dürften nicht nur im Regierungspalast, sondern auch in der Residenz der Familie Guzmán die Sektkorken geknallt haben. "El Licenciado" (Der Akademiker) war nämlich nicht nur einer der meistgesuchten Verbrecher des Landes, sondern auch der wichtigste Konkurrent von "El Chapos" Söhnen im Kampf um die Kontrolle des Kartells. 

Rechte Hand von "El Chapo"

Seinen Spitznamen erhielt der Drogenbaron aus gutem Grund. Dámaso López Núñez hat selbst für die an schillernden Charakteren nicht armen mexikanischen Unterwelt eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Der Sohn eines Staatsanwalts in Sinaloa studierte Jura, leitete die Justizpolizei des vom Drogenkrieg beherrschten Bundesstaats im Westen des Landes und wurde schließlich stellvertretender Sicherheitschef der Haftanstalt Puente Grande.

In dem Hochsicherheitsgefängnis in Jalisco lernte er "El Chapo" kennen. 2001 soll er ihm bei der Flucht aus Puente Grande geholfen haben. Kurz bevor Guzmán versteckt in einem Wäschewagen türmte, kündigte López Núñez und schloss sich dem Sinaloa-Kartell an. In dem Verbrechersyndikat machte er eine steile Karriere und wurde zur rechten Hand von "El Chapo". 

Seine Erfahrungen aus dem Justizvollzug nutzte er offenbar auch, um 2015 die spektakulären Flucht seines Chefs aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano zu planen. "El Chapo" setzte sich durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel ab - mit Beleuchtung, Ventilation und Schienen.

Nach der erneuten Festnahme und der Auslieferung von "El Chapo" in die USA rang López Núñez offenbar mit Guzmáns Bruder und Söhnen um die Kontrolle des Sinaloa-Kartells. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden war er der Hauptverantwortliche für die jüngste Welle der Gewalt im Westen des Landes.

Mehr als 140 Menschen kamen seit Jahresbeginn ums Leben

Die Festnahme von López Núñez sei jedoch nur ein Schlag gegen einen Flügel des Sinaloa-Kartells, nicht gegen die Struktur der ganzen kriminellen Organisation, sagt der Sicherheitsexperte und Journalist Ricardo Ravelo. Schon vor zwei Jahren hat sich das Kartell gespalten." López Núñez habe sich zwar zum Nachfolger von "El Chapo" erklärt, werde aber vor allem von dessen Söhnen nicht akzeptiert.  "Der Konflikt hatte sich nach der zweiten Festnahme von "El Chapo" und seiner Auslieferung in die USA verschärft", erklärt der Sicherheitsexperte Alejandro Hope. "Möglicherweise steckte er (López Núñez) hinter der Entführung der Söhne von "El Chapo" im August." López Núñez soll sogar ein Attentat auf die Sprösslinge seines einstigen Ziehvaters durchgeführt haben, bei dem allerdings nicht sie, sondern ein Leibwächter der Familie ums Leben kam.  

Um seine Chancen im internen Machtkampf zu erhöhen, soll "El Licenciado" zudem versucht haben, eine Allianz mit dem Kartell Jalisco Nueva Generación zu schmieden. Die Bande tritt extrem aggressiv auf und hatte zuletzt die mexikanische Unterwelt aufgerollt. Vor allem an der Pazifikküste des Landes forderten die Auseinandersetzungen zwischen der Fraktion von "El Licenciado" und seinem Sohn "Mini Lic" auf der einen und dem Bruder und den Söhnen von "El Chapo" auf der anderen Seite einen hohen Blutzoll. Über 140 Menschen kamen seit Jahresbeginn ums Leben.

Mit der Festnahme von López Núñez könnte die Welle der Gewalt etwas abebben, hofft der Gouverneur von Sinaloa, Quirino Ordaz. "Ich glaube, dass die Festnahme einen positiven Effekt haben wird und wir die Sicherheit und Ruhe wieder herstellen können", sagte der Regierungschef im Radiosender Fórmula.

"Es gibt Hunderte von neuen Drogenbossen"

Sicherheitsexperte Hope ist da nicht so optimistisch: "Möglicherweise wird es noch heißer am Pazifik." Schließlich ist die Gang von López Núñez noch immer bis an die Zähne bewaffnet und sein Sohn "Mini Lic" könnte auf Rache sinnen. 

Tatsächlich flammt nach spektakulären Festnahmen die Gewalt in Mexiko häufig besonders heftig auf. Schließlich hinterlässt jeder Zugriff ein Machtvakuum, das gefüllt werden muss und Nachfolgefragen werden in Mexikos Kartellen üblicherweise mit Schusswaffen geklärt. 

Experten raten seit Jahren, die Finanz- und Logistikstrukturen der Verbrechersyndikate ins Visier zu nehmen statt nur die prominenten Köpfe zu jagen. Die Verhaftung der Bosse schade den Kartellen nicht wirklich, glaubt auch die Journalistin und Expertin für organisierte Kriminalität, Anabel Hernández. "Es gibt Hunderte von neuen Drogenbossen."


Mayte Carranco: Gestatten, Mexikos "Wettergöttin"


Denis Düttmann/DPA