HOME

Emil S. vor Gericht: Schlüsseldienst zockt Ausgesperrte ab

"Deutschlands zuverlässigster Schlüsseldienst" sitzt wegen Wuchers auf der Anklagebank. Trotz zahlreicher Strafanzeigen kam Emil S. wieder davon. Jetzt wird wieder ein Prozess verschoben.

Von Kerstin Herrnkind

Schlüssel verloren? Wer in seiner Not den Schlüsseldienst ruft, sollte aufpassen, dass er keinem Betrüger aufsitzt

Schlüssel verloren? Wer in seiner Not den Schlüsseldienst ruft, sollte aufpassen, dass er keinem Betrüger aufsitzt

Emil S., der wegen Wuchers vor dem Amtsgericht Hamburg auf der Anklagebank sitzt, hat Erfahrung im Umgang mit der Justiz. Mehr als zehn Mal haben Kunden in Hamburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen den Schlüsseldienstunternehmer schon angezeigt. Emil S. – der sich auf seiner Internetseite selbst als "zuverlässigster Schlüsseldienst Deutschlands" lobte – soll Wucherpreise für Türöffnungen verlangt haben.

Knapp 600 Euro kassierte der Monteur im September 2012 von Peter B. aus Glinde. Fast 630 Euro stellte der Unternehmer Christine M. aus Hamburg in Rechnung. Das ist deutlich mehr, als das, was der Bundesverband Metall für angemessen hält: 84 Euro an Werktagen, nachts 126 Euro und an Wochenenden 168 Euro. Selbst an Feiertagen, wie Heiligabend nach 18 Uhr, verlangen die Profis lediglich 210 Euro für die Öffnung einer Tür.

Die Justiz ließ meist Milde walten

Christine M. und Peter B. erstatteten Anzeige und brachten Emil S. jetzt vor Gericht. "Es ist für mich eine Genugtuung", sagt Peter B. auf dem Gerichtsflur. Der 73-jährige Rentner kam aus dem Urlaub, als er feststellte, dass er seinen Schlüssel auf Usedom vergessen hatte. "Wir haben nicht mehr damit gerechnet, dass dieser Mann nach fast zwei Jahren noch vor Gericht gestellt wird."

Tatsächlich sind in der Vergangenheit die meisten Strafanzeigen gegen Emil S. eingestellt worden. Die Beweislage war den Strafverfolgern zu dünn. Aussage stand gegen Aussage. Oder die Staatsanwaltschaften sahen kein öffentliches Interesse. Und wenn Emil S. doch mal vor dem Strafrichter stand, ließ die Justiz Milde walten. Als die Staatsanwaltschaft Itzehoe den Schlüsseldienstmonteur wegen Wuchers anklagte, stellte das Amtsgericht das Verfahren im Mai 2012 ein - gegen Zahlung von 200 Euro.

Emil S. trägt Lackschuhe und ein dunkles Sakko. Er spricht mit Akzent. Bevor er aus Tschetschenien nach Deutschland kam und sich mit einem Schlüsseldienst selbstständig machte, war er Profiboxer. Seine Preise seien gerechtfertigt, verteidigt er sich. Außerdem würde er seine Kunden vor jeder Türöffnung über die anfallenden Kosten aufklären.

Andere Schlüsseldienste verlangten deutlich weniger, entgegnet die Richterin. Sie zieht zwei Musterrechnungen aus der Akte, liest vor, dass ein Schlüsseldienst 203,81 Euro für eine Notöffnung verlangen würde, ein anderes Unternehmen nur 171,90 Euro. "Jeder Schlüsseldienst macht doch seine eigenen Preise", verteidigt sich Emil S. Er sei teurer, weil er "rund um die Uhr, also 24 Stunden lang", erreichbar sei.

Fünf, sechs, sieben Zivilstreitigkeiten

Sein Anwalt schaltet sich ein. Er habe die Schlüsseldienste, deren Rechnungen dem Gericht vorlägen, abtelefoniert. Diese Unternehmer seien an Wochenenden und nachts nicht zu erreichen gewesen. Sie seien also gar keine Schlüsselnotdienste und könnten deshalb billiger kalkulieren als Emil S.

Er habe Peter B. ja sogar "bei einem Treffen" 100 Euro zurückgezahlt, sagt Emil S. Wo das Treffen denn stattgefunden habe, hakt die Richterin nach. Der Monteur räumt ein, dass dieses "Treffen" eine Gerichtsverhandlung war. Peter B. hatte den Schlüsseldienstmonteur auf Rückzahlung eines Teilbetrages verklagt. Vor dem Amtsgericht kam es zum Vergleich. Emil S. musste Peter B. 150 Euro zurückzahlen. "Sind Sie öfters in Zivilstreitigkeiten verwickelt?", will die Staatsanwältin wissen. Emil S. schweigt, lässt seinen Anwalt antworten: "Fünf, sechs, sieben Mal."

Witwe zahlt nach Beerdigung 1000 Euro

Tatsächlich ist Peter B. nicht der einzige Kunde, der Emil S. verklagte. 2011 verurteilte die Zivilkammer des Amtsgerichts Hamburg Emil S. dazu, 275 Euro an einen Kunden zurückzuzahlen (AZ 315bC1/11). Der Monteur hatte von ihm 460 Euro kassiert.

Der Fall der 74-jährigen Witwe Elke Wendt aus Hamburg sorgte bundesweit für Aufsehen, nachdem der NDR die Machenschaften von Schlüsseldiensten, darunter die von Emil S., in einem Film ("Ausgesperrt und abgezockt") aufgegriffen hatte. Elke Wendt war gerade von der Beerdigung ihres Mannes gekommen, als ihr Haustürschlüssel nicht mehr passte. Die Auskunft gab ihr die Nummer von Emil S., der von Elke Wendt über 1000 Euro für die Türöffnung kassierte. Das Amtsgericht Hamburg verurteilte den Unternehmer, der Witwe rund 800 Euro zurückzuzahlen.

Wichtiges Dokument ist nicht zur Akte gelangt

Noch bevor Christine M. und Peter B. vor Gericht schildern können, welche Erfahrungen sie mit dem Schlüsseldienstmonteur Emil S. gemacht haben, unterbricht die Richterin die Verhandlung für ein "rechtliches Gespräch".

Als sie nach ein paar Minuten die Öffentlichkeit wieder in den Gerichtssaal bittet, blickt Emil S. triumphierend ins Publikum. Ein paar Geschädigte haben sich unter die Zuschauer gemischt. Ein Lächeln umspielt seine bärtigen Mundwinkel. Dann verkündet die Richterin, dass die Verhandlung gegen Emil S. ausgesetzt werden müsse. Grund: Der Schriftsatz, den sein Anwalt bei Gericht eingereicht hat und der beweisen soll, dass die billigeren Schlüsseldienste keine Notdienste seien, ist nicht zur Akte gelangt. Nun soll die Staatsanwaltschaft "Nachermittlungen" anstellen. Es kann also noch eine Weile dauern, bis Emil S. wieder auf der Anklagebank sitzt.