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Ende des Prozesses: Die Faszination des Falls Kachelmann

Der Marathonprozess gegen Jörg Kachelmann steht vor dem Ende. Dienstag wird am 44. Verhandlungstag das Urteil fallen. Nicht nur seine Länge macht den Prozess besonders.

Von Malte Arnsperger

Einer probierte sogar eine kleine Comedy-Show, aber er scheiterte kläglich. Oliver Pocher gab am ersten Prozesstag den Kachelmann. Mit Langhaar-Perücke und Dreitragebart fuhr der Comedian in einem schwarzen Van vor das Mannheimer Landgericht, um dort mit einigen Mädchen mit T-Shirt -Aufdruck "Lausemädchen" zu posieren und dem inzwischen berühmten Satz: "Ich bin unschuldig, das ist alles, was ich im Moment sagen kann." Richtig witzig fand das keiner.

Die Kachelmann-Show am Mannheimer Landgericht eignete sich nicht fürs seichte Fach. Dazu war der Stoff, trotz aller Eitelkeiten der Beteiligten, zu ernst. Wenn schon Schauspiel, dann eher die Sparte Drama.

Seit dem peinlichen Pocher-Auftritt hatte das Gericht neun Monate Zeit, um sich ein Bild von den beiden eigentlichen Hauptdarstellern - Jörg Kachelmann und sein vermeintliches Opfer Silvia May (Name geändert) - zu machen. Journalisten haben seitdem als Prozessbeobachter in 43 Sitzungen fast jeden Satz protokolliert, jeden Winkelzug von Verteidigung und Staatsanwaltschaft analysiert. Der Fall Kachelmann fasziniert - aber warum?

Der Fall ist nebulös

Bis zum 20. März 2010, dem Tag seiner Festnahme, war Jörg Kachelmann eher ein B-Promi. Ein kauziger Gutelauneonkel, den meisten Deutschen zwar bekannt, das Wetter interessiert schließlich jeden. Aber kein Star für Titelseiten. Und wohl kaum einer hätte diesem Burschen zugetraut, gleichzeitig mehr Frauen zu beglücken als viele Männer in ihrem ganzen Leben. Ausgerechnet der sollte seine Freundin auf brutale Weise vergewaltigt haben?

Ein klassischer Fall für den Boulevard. Doch sehr schnell beschäftigten sich auch Blätter damit, die sich bei vergleichbarem Promikaliber eher vornehm zurückhalten. Was den Fall von Beginn an hochspannend machte: Es gibt, typisch für Vergewaltigungsvorwürfe, nur zwei Beteiligte, aber keine weiteren Zeugen der angeblichen Tat, eindeutige Beweise fehlen. Kachelman schmorte monatelang in Haft. Das roch für einige nach Justizskandal, schließlich ließ das Aktenmaterial Spielraum für konträre Interpretationen.

Der Fall spaltet die Medien

Schon vor Prozessbeginn hatten sich deshalb zwei Lager formiert, die fortan kaum mehr von ihrer Position abzubringen waren, obwohl die Beweisaufnahme doch erst begann: Die Burda-Blätter "Focus" und "Bunte" präsentierten vor allem belastende Details und die Aussagen von enttäuschten Ex-Freundinnen. "Zeit" und "Spiegel" versteiften sich auf die Unschuldsvermutung und veröffentlichten teils regelrecht Plädoyers für die Freilassung des Moderators - und das alles lange vor Prozessbeginn. Dieser Medienkrieg fand seine Fortsetzung im Gerichtssaal, als sich die Feministin Alice Schwarzer einschaltete und in der "Bild"-Zeitung die Fahne für das vermeintlich Opfer und die Frauen per se hochhielt.

Keiner wusste. Aber viele meinten, zu wissen. Das galt erst recht für das Publikum im Gerichtssaal, das Woche für Woche nach langem Anstehen seine Logenplätze einnahm. In dieser aufgeheizten Atmosphäre sollte der entscheidende Teil des Kachelmann-Dramas spielen: die Suche nach der Wahrheit vor Gericht.

Der Fall wird von Tag zu Tag spannender

Doch Journalisten und Zaungäste wurden von Prozesstag zu Prozesstag auf die Folter gespannt. Die Verhandlung trug nicht dazu bei, Klarheit zu bekommen: Der Angeklagte schwieg, die Nebenklägerin sagte nur hinter verschlossenen Türen und bei strengster Geheimhaltungspflicht aus. Wer lügt? Er? Sie? Vielleicht sogar beide? Die Fragen blieben zumindest für die Beobachter unbeantwortet, jeder konnte sich den Fall weiterhin zurechtlegen wie er wollte. Die Spannung nahm nicht ab. Auch die öffentlichen Zeugenaussagen trugen dazu bei. Denn schien die Haft für Kachelmann beispielsweise nach den Angaben von Haftrichter oder Polizeibeamten eher wahrscheinlich, drehte sich das Blatt nach den Aussagen einiger Gutachter wieder.

Der Fall macht Geschichte

Doch statt sich auf das "Kerngeschehen", also die angebliche Tat, zu konzentrieren, bekämpften sich Anwälte und Staatsanwälte auf Nebenkriegsschauplätzen. Mal ging es um die Aktentasche eines Sachverständigen und deren Inhalt, mal um die Mediengage von Kachelmanns Ex-Freundinnen, mal um die Stimme des Staatsanwalts. Der hyperaktive Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn nutzte die Zurückhaltung des äußerst geduldigen Vorsitzenden Richters für verbale Attacken - gegen Staatsanwälte, Sachverständige, Journalisten oder sogar die Richter. Eine Konfliktverteidigung par excellence, die keinen Millimeter zurück wich und auch vor Schlägen unter die Gürtellinie nicht Halt machte. Als die Richter dann doch mal den gebotenen Respekt forderten, war ihr Gerichtssaal längst zu einer Art Rummelplatz verkommen - begierig aufgenommen von den Medien wie auch den Prozess-Zaungästen.

Die Richter haben also eine Mitschuld daran, wenn dieser Prozess als Negativbeispiel, wie es nicht laufen sollte, in die Geschichte eingeht. Ihr Urteil wird wohl ohnehin vor dem Bundesgerichtshof landen. Es wird also wahrscheinlich noch weitere Kapitel in dem Drama geben.