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England: Totes Kleinkind: Wie ein Facebookfoto nach 50 Jahren den Stiefvater vor Gericht bringt

1968. Der eineinhalbjährige Paul Booth stirbt auf mysteriöse Art und Weise. 50 Jahre später bringt ein Foto auf Facebook Licht in den Fall. Seit dieser Woche steht Pauls Stiefvater in England vor Gericht.

Totes Kleinkind in England: Ein Facebookfoto überführt den Stiefvater

Paul Booth ein paar Wochen vor seinem Tod. Seit dieser Woche steht sein damaliger Stiefvater in England vor Gericht

Eine schwarz-weiß-Aufnahme aus dem Jahr 1968. Der junge David Dearlove sitzt vor einer Backsteinmauer, die Ärmel seines weißen Hemdes lässig hochgekrempelt blickt er in die Kamera, den Mund geöffnet, als fordere er den kleinen blonden Jungen auf seinem Schoß auf, ebenfalls in die Linse zu schauen. Ein paar Wochen später ist der kleine Paul Booth tot. Er sei aus dem Bett gefallen, sagte sein Stiefvater David Dearlove damals laut dem britischen "Mirror".

Fast 50 Jahre vergehen. 2015 erscheint diese alte Aufnahme auf einmal in der Facebook-Timeline von Pauls Bruder Peter Booth.


"Dearloves Sohn David hat das Bild von seinem Vater und Paul gepostet und ich bin auf einmal richtig böse geworden", erinnert sich der inzwischen 53 Jahre alte Peter Booth. "Ich wollte es nicht dort haben, nicht nachdem, was er Paul angetan hat… was er mir angetan hat", erklärt er vor dem Teesside Crown Court. Dort ist sein inzwischen 71-jähriger Stiefvater angeklagt, seinen damals eineinhalbjährigen Stiefsohn getötet zu haben. Es ist das Foto, was alle Erinnerungen wieder hochkommen lässt. Erinnerungen an eine schreckliche Nacht.

"Es war ein schreckliches Geräusch, als sein Kopf aufschlug"

Oktober 1968 in Stockton-on-Tees im Nordosten Englands. Der vierjährige Peter konnte nicht schlafen. Als er leise die Treppe runterschlich, um sich in der Küche ein Glas Wasser zu holen, sah er seinen Stiefvater hinter der Tür, bei ihm sein kleiner Bruder Paul. "Er hielt Paul an den Knöcheln, schwang ihn herum und schlug seinen Kopf gegen den Herd. Paul schrie auf und dann kam meine Mutter schreiend aus der Küche", erinnert sich Peter Booth. "Es war ein schreckliches Geräusch, als sein Kopf aufschlug. Paul lag auf dem Boden, seine Arme ausgestreckt. Ich hatte solche Angst und bin zurück nach oben gelaufen." Paul erlag seinen schweren Hirnverletzungen.

Fast 50 Jahre ist es her, dass Peter Booth seinen eineinhalbjährigen Bruder sterben sah. In der ganzen Zeit schwieg er über die Todesnacht, die er als heimlicher Zeuge hinter der Küchentür mit angesehen hatte. Mit 18 habe er sich seiner Frau anvertraut, sagt Peter Booth. Zwei Mal seien sie zur Polizei gegangen. Ermittelt wurde nie. Der Auslöser für den nun beginnenden Prozess war das alte Foto auf Facebook, weil es Peter Booth dazu veranlasste, sich erneut an die Polizei zu wenden.

Obduktion legt schwere Misshandlungen nahe

Und diesmal geriet er an Beamte, die ihn ernst nahmen. Ermittlungen wurden aufgenommen. Sein Mandant habe große Angst vor seinem Stiefvater gehabt, sagt dessen Anwalt Richard Wright. Auch deshalb habe Peter Booth so lange geschwiegen. David Dearlove habe seine Stiefkinder regelmäßig geschlagen oder später Peters Kopf in der Badewanne unter Wasser gehalten. "Bei der Obduktion sind eine Menge Prellungen ganz verschiedener Alter gefunden worden." Sogar zwei Schneidezähne hätten dem Eineinhalbjährigen gefehlt. Dieser Befund läge nahe, dass Paul Booth in seinem kurzen Leben häufig misshandelt worden war.

Pauls inzwischen verstorbene Mutter Carol Booth schützte ihren damaligen Freund. Die britische "BBC" zitiert die Kinderkrankenschwester Sheila Plummer, die die junge Familie damals häufig besuchte. Ihr soll Carol Booth gesagt haben, die Verletzungen kämen von einem Treppensturz und einem Moped, das auf ihn gefallen sein soll. Auch eine ehemalige Nachbarin erinnert sich an die vielen Verletzungen auf dem Körper des Kindes.

David Dearlove bestreitet noch heute, seinen Sohn getötet zu haben. Der Prozess wird fortgesetzt.

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