HOME

Entführer Garrido: Der Gottesbote und das Verbrechen

Er galt nur als religiöser Spinner, als harmloser Freak. Dabei hielt er ein Mädchen gefangen, 18 Jahre lang - und zeugte zwei Kinder mit ihr. Wer ist der mutmaßliche Entführer Philipp Garrido?

Von Manuela Pfohl

An der Universität von Berkeley in Kalifornien kannten sie ihn schon. In den vergangenen Monaten hatte er ein paar Mal auf dem Campus gestanden, mit Flyern in der Hand. Er redete wirres Zeug. Irgendwas von dunklen Mächten, die es zu besiegen gelte. Ein Spinner. Schmale Gestalt, schütteres Haar, Ende fünfzig wahrscheinlich. Erst Anfang dieser Woche war er wieder da, mit zwei netten, jungen und blonden Mädchen. "Gott hat mir die Fähigkeit gegeben, in der Sprache der Engel das Signal zur Erlösung der Menschen in die Welt hinauszutragen", rief er mit Pathos über den Platz. Abgesehen von einem Sicherheitsbeamten kümmerte niemand sich um den Mann, seine Kinder und seine Mission.

Dass er 1991 Jaycee Lee Dugard, ein damals elfjähriges Mädchen aus South Lake Tahoe, Kalifornien entführt und seit dem ungefähr 250 Kilometer entfernt von ihrem Zuhause im Garten seines Grundstückes in Antioch gefangen gehalten hat, erfahren die Polizisten, als sie den Mann zwei Tage später aufs Revier bitten. "Irgendwas stimmt mit dem Kerl nicht", hatte der Sicherheitsbeamte den Kollegen zuvor gesagt. "Schaut euch den mal genauer an." Ein Volltreffer, wie sich herausstellt. Denn Garrido ist aktenkundig. Er hat eine lebenslange Bewährungsstrafe wegen verschiedener Sexualdelikte.

Inzwischen überschlagen sich die Meldungen in den US-Medien. Immer neue grausige Details über Phillip Garrido, 58 Jahre alt, werden veröffentlicht. Es wird behauptet, Garrido habe Jaycee in den 18 langen Jahren der Gefangenschaft mehrfach vergewaltigt, zwei Mädchen mit ihr gezeugt, die jetzt elf und 15 Jahre alt sind; dass die Kinder angeblich nie einen Arzt oder eine Schule sahen, und dass Garridos Ehefrau Nancy von all dem angeblich wusste.

Nach sieben Minuten und 33 Sekunden fängt Garrido an zu schluchzen

"Verdammt noch mal, was ist das nur für eine Bestie", hat ein Hörer die Reporter des regionalen Radiosenders KCRA 3 gefragt. Sie konnten ihm keine Antwort geben, obwohl sie es wirklich versucht hatten. Nach seiner Verhaftung hatten sie Kontakt zu Garrido aufgenommen und ihn per Telefon fast zehn Minuten lang interviewt. Sie wollten von ihm wissen, was genau sich in all den Jahren in seinem Haus in Antioch abspielte, ob ihm klar sei, was er Jaycee angetan hat, ob er Reue empfinde und wie er sich die Zukunft vorstelle.

Nach sieben Minuten und 33 Sekunden hat Phillip Garrido angefangen zu schluchzen. "Ich war so glücklich mit Jaycee und den Kids", sagt er und dass alles nur ein großes Missverständnis sei, das sich aufklären werde, sobald die Medien jene Dokumente studieren würden, die er beim FBI in San Francisco hinterlegt habe. Brisante Papiere, die Gottes Weltenplan und Garridos heilige Mission deutlich machen. "Die Mädchen werden Ihnen alles erzählen, und Sie werden nicht glauben können, welche herzerwärmende Geschichte sie hören", versichert er. Details könne er selbst im Moment leider nicht liefern, es gebe da eine Absprache mit seinem Anwalt. "Sie verstehen schon."

Wer also ist Phillip Garrido?

"Schwer zu sagen", meint Tim Allen, Präsident der East County Glass & Window Inc. in Pittsburgh. Jahrelang hatte er bei Garridos Druckerei in Antioch Visitenkarten und Briefköpfe drucken lassen. Manchmal sah er dabei die Mädchen im Office spielen. Garrido sei früher ein umgänglicher Mensch gewesen. Vielleicht etwas verschroben, aber ansonsten unauffällig. "Bis er irgendwann nur noch auf seinen Glauben und Gott fixiert war." Vor ungefähr fünfzehn Jahren habe Garrido begonnen, sich zurückzuziehen. Es ist die Zeit, in der Jaycee in der Gefangenschaft ihr erstes Kind zur Welt bringt. "Später erklärte Garrido, er wolle seine Druckerei verkaufen, um sich ganz der von ihm gegründeten Kirche und seinem Dienst für Gott zu widmen", sagt Allen dem "San Francisco Chronicle".

Garrido mit göttlicher Mission

Im Februar 2007 richtet Garrido sich und seiner Mission einen eigenen Blog ein. Er nennt ihn: "Gottes Wunsch" und schreibt: "Ich bin der Mensch, der mit seinen Gedanken spricht." Jeder könne erleben, was die Welt bislang für unmöglich hielt. Mit Garridos selbstgebautem Klanggenerator. Einer Box, die überirdische Stimmen hörbar mache und bei psychischen Erkrankungen äußerst hilfreich sei, da sie in der Lage sei, Einflüsterungen dunkler Mächte aufzudecken. Ein dutzend seriöser Zeugen könne die Wirksamkeit bestätigen. "Gott will, dass Leben geschützt und nicht zerstört wird" schreibt er in einem seiner letzten Einträge vom Juli 2009. Es dauert noch einen Monat, ehe Jaycee und ihre Kinder gerettet werden. 110 Kommentare gibt es inzwischen zu Garridos göttlicher Heilsbotschaft. Der jüngste heißt: Fahr zur Hölle."

Garridos Nachbarn in Antioch sind ratlos. In der Walnut Ave, wo er mit seiner Frau Nancy, Jaycee und den Kindern lebte, kennt man sich. Eigentlich. "Garrido war ein komischer Typ, schwer einzuschätzen", erklärt Nachbarin Haydee Perry dem "San Francisco Chronicle". Sie habe sich lieber von ihm ferngehalten. Ein anderer Nachbar sagt: "Er war doch kein schlechter Kerl, nur ein bisschen verrückt."

Es ist keine besonders feine Gegend. Im Viertel wohnen Hispanics, Schwarze, Weiße, Durchschnittsamerikaner. Die Wäsche hängt draußen auf der Leine, die Grundstücke sind nicht besonders groß und nicht besonders schön. Umgeben von Industrieanlagen auf der einen Seite, zwei Friedhöfen und Feldern auf der anderen liegt das Anwesen der Garridos. Die Polizei hat es inzwischen abgesperrt. Deshalb kann man auch nicht mehr den kleinen schallisolierten Bretterverschlag sehen, der hinter hohen Zäunen versteckt an einer Stelle des Gartens Jaycees tristes Zuhause war. Nicht die zwei Zelte, das primitive Klo und auch nicht die Dusche.

Neuigkeiten beim Coffee with the Cops

Nur einmal hat eine Nachbarin über den Zaun in den mit Bäumen und Sträuchern bewachsenen und mit Planen abgeschirmten Garten Garridos geschaut und anschließend die Polizei informiert. Sie könne nicht gutheißen, dass Garrido Kontakt zu Kindern habe. Sie wusste, dass der Mann 1971 und 1999 wegen Vergewaltigung vorbestraft war. Doch die Polizei habe ihr gesagt, sie könne nichts tun. Es blieb alles, wie es war - und Jaycee blieb weiterhin Garridos streng gehütetes "göttliches Werkzeug", von dem die Nachbarn nichts ahnten.

Die Nachbarn trafen sich weiter in der Kirchgemeinde zum gemeinsamen Gottesdienst, beim Supermarkt und auch bei den Veranstaltungen der Kommune. Am 8. August beispielsweise gab es vormittags das große öffentliche Reinemachen und am 13. August das "Zoning Meeting" zur Inspektion der Grundstücksgrenzen. Beim "Coffee with the Cops" am 29. August werden sie die Polizei vermutlich nach den neuesten Neuigkeiten zu ihrem Nachbarn Garrido fragen.