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Entführte Maddy: "Mein Leben ist zerstört"

In Praia da Luz, dem Algarven-Ort in dem die kleine Maddy verschwand, weiß niemand mehr so recht, was er glauben soll und was nicht. Die Polizei schweigt beharrlich und nun wehren sich die Freunde des Hauptverdächtigten gegen die Gerüchte und Unterstellungen.

Von Martin Knobbe, Praia da Luz

Sie haben sich verschanzt, seit Tagen schon, im Guesthouse von Onkel Ralph, am Rande des Dorfes. Sitzen im dunklen Wohnzimmer mit dunklen Möbeln. Haben abgenommen, denn sie essen kaum noch. Gehen nur raus, wenn es sein muss. Werden im Supermarkt nicht mehr gegrüßt, der Onkel, die Cousine Sally und die Freundin. "Egal, wie das alles enden wird", sagt Michaela Walczuch. "Mein Leben ist zerstört". Mehr könne sie nicht sagen, auch nicht der Onkel, auch nicht die Cousine, das portugiesische Strafrecht verbiete es. Sie würde ja gerne, würde erklären, dass ihr Freund unschuldig ist. Dass viel Unsinn geschrieben wird. Dass er es jedenfalls nicht ist, nach dem Millionen Menschen auf der Welt suchen, auf dessen Kopf Millionen britische Pfund ausgesetzt sind: Nicht der Mann, der Maddy verschwinden ließ.

Knapp drei Wochen ist es nun her, dass die vierjährige Madeleine McCann nicht mehr im Bett lag, als ihre Eltern Kate und Gerry um 22.30 Uhr vom Abendessen zurück in ihr Ferienappartement im Ocean Club von Praia da Luz an der portugiesischen Algarve kamen. Knapp eine Woche ist es nun her, dass die Kriminalpolizei von Portimao den ersten Tatverdächtigen bekannt gab, ohne seinen Namen zu nennen. Es dauerte jedoch nicht lange, da wussten alle im Dorf, wer gemeint war. Dann alle Journalisten. Dann die ganze Welt: Robert Murat, 33 Jahre alt, Engländer, Immobilienmakler, Vater einer vierjährigen Tochter, getrennt von seiner britischen Ehefrau, befreundet mit Michaela Walczuch, einer 28-Jährigen, die schon so lange in Portugal lebt, dass ihr Deutsch in einen leichten Akzent gefärbt ist.

Eine Reporterin des britischen "Sunday Mirror" hatte der Polizei gemeldet, dass sich Robert Murat in einem Interview mit ihr sonderbar verhalten habe. Die Polizei nahm ihn daraufhin fest und sagte, sie habe ihn schon zuvor unter Verdacht gehabt. Warum genau, sagte die Polizei nicht. Sie sagt ohnehin sehr wenig.

"Das ist ein kompliziertes Verbrechen."

Nach Murats Festnahme und Durchsuchungen des Hauses "Casa Liliana", in dem er mit seiner 71-jährigen Mutter Jenny wohnt, sagt die Polizei bis heute nicht, ob DNA-Spuren von dem entführten Kind gefunden wurden. Der leitende Polizeikommissar Olegario Sousa neigt in den seltenen Gesprächen mit Journalisten eher zur allumfassenden Betrachtung: "Das hier ist nicht berechenbare Mathematik, sondern ein kompliziertes Verbrechen."

Bis zur Festnahme hatte die portugiesische Polizei Robert Murat noch selbst für die Ermittlungen beschäftigt, als Übersetzer für Zeugenvernehmungen, er hatte sich freiwillig angeboten. Selbst als er schon unter Verdacht stand, durfte er die Ermittlungen unterstützen. Auch den Journalisten half er bei ihren Recherchen, als in den ersten Tagen nach dem Verschwinden Maddys in dem kleinen Ort das Chaos ausgebrochen war. Robert Murat half, wo er konnte, und wenn zwischendurch Zeit war, fuhr er mit dem Wagen in der Gegend herum und klebte Plakate mit dem Gesicht des vermissten Mädchens. Seine Mutter Jenny baute neben dem Supermarkt einen Stand auf, um Hinweise zu sammeln, auch anonyme, wie sie betonte.

"Robert ist überhilfsbereit, das war er schon immer und er hat es wohl von seiner Mutter", sagt Tuck Price, ein langjähriger Freund, der in Praia da Luz ein kleines Unternehmen für Inneneinrichtung besitzt. Er ist mittlerweile eine Art Pressesprecher für den Verdächtigen, denn Robert Murat selbst darf sich angeblich in der Öffentlichkeit nicht äußern, das portugiesische Gesetz verbiete es. Manchen Zeugen wurde von der Polizei ein Schreiben zur Unterschrift vorgelegt, das ihnen untersagte, mit Dritten über ihre Aussagen zu sprechen. Und weil daher die Informationen so spärlich fließen, blühen wüste Spekulationen. Robert Murat habe schon Sex mit Hunden und Katzen gehabt habe, meldete der "Correio da Manha", ohne eine Quelle zu nennen. Mittlerweile hat Robert Murat einen Freund bei sich, der ihn juristisch berät, auch in Medienfragen.

Die ehemalige Stewardess Jenny Murat ist mit ihrem Mann Henry Queriol Murat schon vor über 40 Jahren nach Portugal gezogen, die Familie war eine der ersten Briten, die sich hier Immobilien kauften. Mittlerweile leben in Praia da Luz 2000 Ausländer und nur 600 Einheimische. Als junger Mann ging Robert Murat nach Großbritannien zurück, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, später handelte er erfolgreich mit Autos. 1994 heiratete er die acht Jahre ältere Dawn, die einen Sohn aus erster Ehe mitbrachte. 2002 wurde das lang ersehnte gemeinsame Kind geboren, Sofia, die heute so alt ist wie die verschwundene Maddy. Die Beziehung zerbrach, als die Familie nach Portugal zog, Dawn Murat fühlte sich nicht heimisch an der Algarve und kehrte bald nach Hockering in der Nähe von Norfolk zurück. Robert Murat blieb am Atlantik, bei seiner Mutter.

Er galt als sympathisch und hilfsbereit

Er tat sich schwer, Arbeit zu finden. Tingelte in Lagos, der nächstgelegenen größeren Stadt, von Immobilienagentur zu Immobilienagentur. Galt als sympathisch und hilfsbereit. Bei der Firma "Century21" lernte er Michaela kennen, die auch als Maklerin arbeitete, und wechselte mir ihr zu einer anderen Agentur, "Home&Solutions". Dann versuchten sie es mit einer eigenen Firma. Sie bauten das Interportal "Romigen" auf, eine Plattform für Immobilien. Sie hofften auf großen Erfolg, denn während die üblichen Makler bis zu fünf Prozent Provision vom Kaufpreis verlangten, sollte eine Anzeige auf ihrer Webseite einen vergleichsweise geringen Betrag kosten. Im April vergangenen Jahres ging eine erste Version der Seite ins Netz.

Der 22-jährige Sergej Malinka hatte ihnen dabei geholfen, die Webseite einzurichten. Der junge Russe ist in Praia da Luz der Computerexperte. "Wer seinen Rechner installieren muss, ruft bei Sergey an", erzählt Tuck Price, Robert Murats Freund. Nur wenige Tage nach der Festnahme von Murat wurde auch der Russe stundenlang von der Polizei vernommen, nur als Zeuge, wie der Polizeisprecher betonte. Doch es gab Verdachtsmomente.

Sergej Malinka und Robert Murat hatten in der Nacht, als Maddy verschwunden war, mehrmals miteinander telefoniert. Malinka machte sich selbst verdächtig, als er später Reportern sagte, er habe zu Robert Murat seit Monaten keinen Kontakt mehr. Und Murat sagte, er könne sich nicht an die Telefonate erinnern.

Auch in den Tagen nach dem Verschwinden des Mädchens verhielt sich Robert Murat sonderbar. Zwei Tage, bevor ihn die Polizei zum Verhör holte, mietete er sich beim örtlichen Autoverleih "Auto Rent III" einen Hyundai, obwohl sowohl er als auch seine Mutter ein eigenes Auto haben. "Der Grund ist ganz einfach", sagt Tuck Price. "Sein eigenes Auto war kaputt, die Mutter brauchte ihres und er benötigte einen Wagen, um zu seinem Übersetzerjob bei der Polizei in Portimao zu kommen." Allerdings soll der Tachometer nach der Rückgabe über 500 gefahrene Kilometer angezeigt haben, wie ein Zeuge dem stern erzählte. Von Praia da Luz nach Portimao sind es aber nur rund 25 Kilometer.

Die Polizei schweigt

Die Polizei schweigt bislang zu diesen Fragen. Auch darüber, ob sie noch andere Spuren verfolgt. Glaubt man den örtlichen Zeitungen, beschäftigt sich die Polizei derzeit mit der Frage, wer hinter dem Interangebot "Romigen" steckt. "Ro" stehe für Robert, "mi" für Michaela, wer aber ist "gen"? Der "Correio da Manha" meldet nun, die Polizei werde nun einen Mann namens Genaro Gonzalez vernehmen, der an der Internetplattform mit beteiligt sei. Was eine gemeinsame Immobilienfirma mit dem Verschwinden eines kleinen Kindes zu tun hat, darauf gibt die Zeitung allerdings keine Antwort.

Mitarbeit: Georg Wedemeyer